Mit Avengers: Endgame implodiert die Logik Hollywoods. Das Kino hat sich dem Binge-Modus der Serie ergeben. Im Überfluss des Franchise-Films wird Kritik unmöglich. Ein Kinobesuch im Heartland der USA.

Wenn sich der Mittlere Westen der Vereinigten Staaten durch etwas auszeichnet, dann ist es Gemütlichkeit. Eine, die sich weder der eigenen noch der fremden Eitelkeit unterordnet. Es regnet seit Stunden in Sun Prairie, Wisconsin, und den Frisuren der Massen, die ins Multiplex hineinstolpern, sieht man es an. Manche tragen Fan-Shirts, fast alle Jogginghosen. Badeschlappen und Sportteam-Pullover sind der Standard. Viele haben Wolldecken unter dem Arm. Schließlich geht es heute darum, drei volle Stunden des neuen, wohl letzten Avengers-Films so gemütlich wie möglich zu machen.

Draußen stehen zwei Herren in ihren Vierzigern unter dem Vordach und bereiten sich vor.

„Iron Man?“, fragt der eine.

„Ja, alle gesehen. Geil!“, sagt der andere.

„Fantastic Four?“

„Ja, super.“

„Deadpool?“

„War mir zu dunkel.“

„Captain Marvel?“

„Klasse. Hätte ich nicht gedacht. Eine Frau. Toll.“

Die große Blockbuster-Maschinerie läuft in fünf Sälen gleichzeitig: UltraScreen DLX, SuperScreen DLX, Big Screen Bistro, 3D und in Kino 14.

Die Masse der Marvel-Filme allein hat den intellektuellen Umgang mit ihnen letztlich unmöglich gemacht (Illustration: SPEX).

Die Avengers sind für jeden. Alte, Junge, Dicke, Dünne. Muss ja. Es ist das größte Versprechen der Filmgeschichte. Avengers: Endgame wird in den kommenden Wochen alle Rekorde brechen und seinem Publikum dabei jeden Wunsch von den Lippen und Foren ablesen. Alles wird preisgegeben, alles rausgelassen und verschossen: jede Katze, jedes Pulver. Das Event als selbsterfüllende Prophezeiung. Der Katharsis-Drang der Massen darf sich selbst nicht enttäuschen. Glück ist eine Entscheidung.  

Nun denn, Film Nummer 22 des Marvel Cinematic Universe (MCU). Es beginnt auffallend ruhig. Menschen reden tatsächlich miteinander. Manchmal sogar ohne Pointe. Die Farbpalette zeigt demonstrativ den Willen zum Filmemachen. Die Stimmung ist trübe, sind ja alle tot. Dann hellt sie sich auf, weil der Ameisenmann die Idee hat, durch die Zeit zu reisen. Guter Mann.

Avengers: Endgame hat an wirklich alles gedacht. Jede Regel wird befolgt. Zum Beispiel die Gandalf-Ex-Machina-Regel: Jeder blutleere Faustkampf wird damit beendet, dass ein_e weitere_r Held_in von irgendwo herfliegt und dem Bösen auf die Mütze oder Helm gibt. Der Film geht an dieser Stelle sogar noch einen Schritt weiter, indem er Brie Larsons Captain Marvel ankündigen lässt, dass sie jetzt erstmal für zwei Stunden weg müsse, zum Showdown aber wieder da sei. Sie sagt das wirklich so. Wortwörtlich. Was gleich zur zweitwichtigsten Regel führt: Alles ist meta. Nichts bleibt unkommentiert im Franchise Marvel. Witze werden permanent als solche angekündigt oder abmoderiert, Äußerlichkeiten herausgestellt und dusselige Wendungen als solche entlarvt. Nichts passiert hier ohne Netz oder x-fachen Boden. Die unterschiedlichen Handlungs- und Zeitstränge, die der Film in einer beeindruckenden Selbstsicherheit ausrollt, kommentieren die Held_innen selbst als absurd. Mehr noch: Es ist verwegen masturbatorisch, wie da die Grundpfeiler der hauseigenen Geschichte abgeklappert werden. Ehe Captain America seinen eigenen Hintern kommentiert und die narzisstische Energie im Raum die Gesetzte der Schwerkraft auszusetzen vermag.

Es gibt Weltstars in diesem Film, die tatsächlich kein einziges Wort sagen

Kritik ist zu diesem Zeitpunkt vollständig unmöglich geworden. Zeitmaschinen sind ja eh Schwachsinn, also ab dafür. Robert Downey Jr.’s Tony Stark sagt zunächst im ersten Akt, dass er keinen Bock auf Zeitreisen hat, schraubt dann doch kurz rum, setzt sich schließlich zu Gwyneth Paltrow auf die Couch und sagt: „Schatz, ich hab‘s geschafft.“ So kann die, naja, Handlung endlich angeschoben werden. Das alles hat nun den dreisten Charme eines Alkoholikers, der sich mit der Faxe-Dose in den Stuhlkreis der Selbsthilfegruppe setzt und fragt: „Na, Freunde, was gibt‘s Neues?“ Avengers: Endgame hat weder Tugend, noch Mehrwert oder Stil, aber verdammt nochmal, diese Konsequenz, dieses Grinsen, diese Eier. Ein Film wie Olli Kahn.

Eine weitere Hollywood-Regel, die Marvel beherrscht, besagt: Wirf das Geld zum Fenster hinaus, aber auf die Straße, wo die Leute es sehen können. Und sehen kann man in Endgame neben den unvermeidlichen CGI-Schlachten vor allem teure Gesichter. Was Marvel hier an Starpower auffährt, ist natürlich kalkuliertes Eventmanagement. Es gibt Weltstars in diesem Film, die tatsächlich kein einziges Wort sagen. Es ist der absolute Verschleiß. In der abschließenden Beerdigungsszene (Sollen wir verraten, dass Iron Man stirbt?) werden alle, wirklich alle Held_innen aneinandergereiht. Alle Visagen, die komplette Douglas-Filiale in schwarzem Gewand. Die Stadt Hollywood ist auf der Idee erbaut worden, schöne Gesichter zu vergrößern, mit denen man entweder schlafen oder befreundet sein möchte. Dieser Film führt diese Logik an ihr Ende, sie implodiert. Endgame trägt Tony Stark, sich selbst und damit den Film als solchen zu Grabe.           

Der Comic-Film hat sich sein eigenes Publikum herangezüchtet. Dem Marvel-Event ist eigen, dass es nicht mehr darum geht, was passiert, sondern nur wann. Natürlich kommen alle Toten aus dem Vorgänger Infinity War zurück. Der Saal empfängt sie johlend. Natürlich wird Bösewicht Thanos besiegt. „Oh, Gott sei Dank“, ruft jemand von hinten. Der größte Trick des Überfranchise MCU ist, dass es bei allem zugleich Schiedsrichter und Spieler sein darf. Erst wird in biederer Konsequenz ein Standard entwickelt, dann wird es immerzu gebrochen und damit ein neuer Standard etabliert. Dieser kalkulierte und selbst erschaffene Bruch aber wird als kreativer Akt gefeiert. Die Kritik geht dieser Dynamik genauso auf den Leim wie alle anderen. Plötzlich gilt es als künstlerischer Erfolg, wenn der Held mal nicht missmutig durch die zu rettende Welt rennt, sondern dabei keck Sprüche klopft. Und dann ist eine Frau dran. Und dann ein Afro-Amerikaner. Und dann hört einer Musik dabei. Holla!

Das Kino hat sich dem Binge-Modus der Serie ergeben. Wunderlich oder überraschend muss hier schon lange nichts mehr sein. Es geht vielmehr nur um eine Ankündigung all dessen. Um den Cliffhanger. Wer stirbt denn nun? Auf welchem Planeten (dem roten oder dem grünen) geht es weiter? Welcher Chris hat einen Bart? Die Masse allein, ihre Taktung und wie die Filme des MCU ineinander verschwimmen, macht einen intellektuellen Umgang mit ihnen letztlich unmöglich. Iron Man? Ja. Captain Marvel? Ja, Frau. Toll.

Am Ende stellt sich doch ein gewisses Gefühl von Abschluss ein. Viele Schaupiel-Verträge laufen aus und Marvel weiß, dass es jetzt neue Regeln braucht. Der Algorithmus ist mittlerweile so weit entwickelt, er kann prophezeien, wann er selbst obsolet wird. Es gibt dieses Mal keine Post-Credit-Szene. Die Menge schlurft in die Nacht. Ein Pärchen erklärt sich gegenseitig ein paar Nebenhandlungen und wie diese bunten Steine jetzt genau wirken. BWL-Studenten überbieten sich damit, wieviel sie haben kommen sehen. Auf dem Parkplatz wirft jemand seine Wolldecke auf den Rücksitz und für einen kostbaren, wunderbar befreienden Wimpernschlag der Filmgeschichte scheint das Kino tot. Es hat aufgehört zu regnen.