Autre Ne Veut Anxiety

Autre Ne Veut »Anxiety«
Autre Ne Veut
Anxiety
Software / Alive

Als Autre Ne Veut 2010 mit einem kuriosen Avant-Pop-Entwurf und bisweilen schweißtreibenden Falsetteinlagen erstmals von sich reden machte, gehörte er mit seinem selbstbetitelten Debüt definitiv zu den Vorrei­tern der aufkommenden Welle an R’n’B umdeutenden, hauptsächlich anonym veröffentlichenden Croonern. Der in Brooklyn lebende Künstler entschied sich erst 2012, aus diesem Dunst des Mysteriums hervorzutreten, zu einem Zeitpunkt, als das Feld sozusagen schon abgegrast und der R’n’B-Anonymitäts-Buzz durch ählich sehnsuchtvolle Stimmen wie The Weeknd und How To Dress Well angeschwollen, aber auch wieder ein wenig abgeklungen war.
   Dabei hat Arthur Ashin neben Weirdo-Pop-Perlen auch einen interessanten Lebenslauf zu bieten. Auf dem College teilte er sich mit Daniel Lopatin (alias Oneohtrix Point Never, seines Zeichens überaus ingeniöser Sound-Stapler) ein Zimmer. Statt produktiver Symbiose herrschte für Ashin jedoch die totale Blockade: Von Lopatins fließender Produktivität und dem eigenen Drang nach Perfektion und Intellektualisierung gelähmt, wandte er sich von der künstlerischen Tätigkeit ab. Nachdem er eine Zeit lang relativ erfolgreich als Jingle-Schreiber gearbeitet hatte, fand Ashin zurück zum Songwriting und befreite sich in einem beinahe therapeutischen Akt: Mit Autre Ne Veut schuf er eine exaltierte Pop-Persona, die rein äußerlich die Merkmale des neuen, empfindsamen R’n’B-Trends erfüllte, aber weit entfernt vom egozentrisch sexualisierten Entwurf von The Weeknd war.
   Mit dem Album Anxiety geht Ashins Selbsttherapie nun in die zweite Runde und erforscht alle Quellen der emotionalen Angst, seien es Bindungsängste, soziale Phobien oder Zwänge. In »Counting« durchlebt Ashin, der übrigens ein Psychologiestudium abgeschlossen hat und offen über seine chronische Depression spricht, zwischen gurgelndem Saxofon, flötenden Kinderstimmen und weichen Synthie-Akkorden eine besondere Verlustangst. »I’m counting that you’ll stay«, klagt er mit bebender Kopfstimme und widersetzt sich erneut den berechenbaren Codierungen und Genre-Erwartungen – hier im Speziellen der Erwartung, nach einem romantisiert sinnlichen Szenario. Gemeint ist nämlich nicht das Girl oder der Boy, sondern seine Großmutter, deren Tod er fürchtet.
   Die Lyrics bleiben oft so kryptisch wie ein Rorschachtest: Man kann alles hineinlesen, aber nichts ohne direkte Hinweise von Ashin selbst auflösen. Er liebe es eben, mit Erwartungen zu spielen und diese dann so richtig zu enttäuschen, erklärte er Pitchfork gegenüber vor kurzem. Dementsprechend ist »I Wanna Dance With Somebody« natürlich kein Whitney-Houston-Cover, sondern referenziert lediglich die unerfüllten Sehnsüchte des Originals. Außerdem dient es als Kontrastprogramm zum letzten und mit Abstand intensivsten Song des Albums. »World War«, die einzige Ballade auf Anxiety, wird in seiner Wirkung durch die vorangehende Up-Tempo-Nummer um ein Vielfaches verstärkt und gräbt sich mit elektrisierendem Sirren und dem repetitiven Mantra einer missglückten Liebe tief unter die Haut. »World War, World War, World War / Not gonna be no way you’re gonna be my baby.«

Am morgigen Montag, dem 22. April, spielt Autre Ne Veut sein einziges Deutschlandkonzert im Naherholung Sternchen, Berlin.

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