autoKratz / Obi Blanche / Pets On Prozac

Wo sich im finnischen New Judas-Sound von Obi Blanche und der Pets On Prozac noch Rest-Härten von Gabba und überhaupt dem alten Kern von Techno ablagern, spielt das Londoner Duo autoKratz eher auf der Nu Wave-Seite des bewusst käsigen Electro-Pop. Dort, wo auch Lo-Fi Fnk oder die Junior Boys tönen. Hinzu kommt ein Verlangen nach dem Dancefloor, in dem sich ab und an auch die Zukunftsfantasien von Electro-Prouzenten wie Drexciya und Legowelt widerspiegeln.

    Was die Songs von »Down & Out in Paris & London« letztlich so gut macht, ist also im Grunde ein Paradoxon: Die Einführung der Geschichte in eine Pop-Version, die ihre eigene Geschichtslosigkeit als Alleinstellungsmerkmal, Rotzgeste, Anti-Spießertum-Fahne hochhält. Egal, denn: Es kommt gut, wenn aus dem billigen Leuchtfeuer-Synthie-Riff von »1000 Things« auf einmal die Weltraumreisen-Fantasien des Detroit-Techno in Gestalt weit hallender Gesangseffekte und interstellarer Bleeps auftauchen. Oder wie sich im großen Hit der Platte »Stay The Same« David Cox nicht von der hysterischen Bassline verführen lässt, seine Stimme im Zaum hält und durch stoisches Dagegenhalten den Spannungsbogen weit, weit öffnet. Dieses Debüt von autoKratz versammelt in chronologischer Reihenfolge die bisherigen Singles des Duos – Hits. Ein richtiges Album könnte man sich von denen auch gut vorstellen.

Pets On Prozac/ Obi Blanche    Der Klang von New Judas dagegen, einem derzeit massiv auffahrenden Helsinki-Berliner Label, strahlt dezidiert auf den Floor und ist selbst zu Hause nur eingeschränkt genießbar. Obi Blanches »Rock’n’Roll Lifestyle« zum Beispiel: dessen Spirit heißt Rock, wie der Name schon sagt, und klingt heute ähnlich krass, wie der Einschlag von T. Raumschmiere in die Clubwelt vor einigen Jahren. Echte Gitarren, echte Bässe, tierische Supperfuzzes und Bigmuffs. Und der Berliner Obi Blanche lässt sich dazu mit Mähne und umgehänger Gitarre vor Verstärkern ablichten und nennt seinen verspieltesten Track »Jesus«. Verhält sich zu Ed Banger wie Mudhoney zu Neil Young!

    Ebenso wie Obi Blanche belegen auch die Labelkollegen Pets On Prozac die These, dass Ed Banger nur der Anfang war. Beginn der totalen Auflösung von Begrifflichkeiten und Operationsweisen im Pop, bestimmte Geste: Lo- und Hi-Culture, Trash und Beatflow, Sampledelia und Rock, Rap und Techno krachen ein als Bezugsgrößen. Der Titeltrack klingt nach Scooter auf Valium, »Let Your Feet Stomp« stellt Unsinn an mit der früh zu Ende gegangenen Geschichte des HipHouse, und auch »Aso Bosa« jongliert mit Rhythmen und Vocal-Samples.

    Was eint also diese Drei, die Pets On Prozac, Obi Blanche und autoKratz? Sie bilden neue Schnittpunkte im Rave, dem die Hypnose der geraden Bassdrum nicht genügt. Einfach ausgedrückt: Sie sind laut!

LABEL: Kitsuné Maison / New Judas

VERTRIEB: Rough Trade/ Intergroove

VÖ: 19.09.2008

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