Austra „Future Politics“ / Review

Future Politics zeichnet utopische Zukunftsvisionen mit den Stilmitteln der desillusionierten Cold-War-Generation.

Ja, 2016, du hast es uns in aller Deutlichkeit gezeigt: Die Welt ist auf dem besten Weg, sich selbst zu zerstören, die Menschheit steuert mit vollem Karacho ihrem Ende entgegen, mit Anlauf in das selbstgeschaufelte Grab – we get it! Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken, eine hedonistische Abschiedsparty zu schmeißen noch schnell eine Affäre mit dem Chef anzufangen.

Von wegen! Wir haben lange genug untätig herumgesessen, den anderen die Entscheidungsgewalt überlassen und uns selbst mit halbironischen Kommentaren von einer Realität distanziert, die wir als solche nicht mehr erkennen – und genau das möchten Austra uns mit ihrem neuen Album klar machen. Future Politics beschäftigt sich mit der Politik einer zukünftigen Welt, weil es eben unsere einzige Option ist, an eine Zukunft zu glauben. „Es geht nicht nur darum, Hoffnung in die Zukunft zu setzen, sondern darum, dass jeder gefordert ist, an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken“, betont Sängerin, Songwriterin und Produzentin Katie Stelmanis, die mit ihrem charakteristisch-anklagenden Stimmtimbre den Sound ihrer Band maßgeblich prägt.

Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken, eine hedonistische Abschiedsparty zu schmeißen noch schnell eine Affäre mit dem Chef anzufangen.

Wie aus einem bösen Traum erwacht, reibt sich der Opener „We Were Alive“ mit reduziert-trabenden Beats und schlaftrunkenen Synthflächen die Augen und sieht zum ersten Mal klar. „Doctor, what’s the cure for apathy?“, fragt Stelmanis mit erschütternder Selbsterkenntnis. Der distanzierte Zynismus und die eigene Untätigkeit sind zum Kern des globalen Desasters geworden, das langsam auch in unsere eigenen sanierten Altbauwohnungen hineinkriecht. Wegschauen hilft nicht mehr: „There’s only one way / Future politics“. Austra nutzen das klassische Mittel des Protestsongs und verpacken politische Aussagen in ohrwurmverdächtige Dancehits.

Future Politics zeichnet utopische Zukunftsvisionen mit den Stilmitteln der desillusionierten Cold-War-Generation: retrofuturistische Arpeggiatos, analoge Kickdrums, kühle Filter-Sounds, verhallte Chöre und eingängige Hooks, die in ihrer klaren Simplizität stellenweise fast an Depeche Mode erinnern. Doch auch persönliche Zwischentöne sind herauszuhören. Mit „I Am A Monster“ und „Angel In Your Eye“ verarbeitet Stelmanis eine schmerzhafte Trennung, einen privaten Tiefpunkt, der statt zu lähmen zum kreativen Motor wurde.

Nicht nur soundmäßig, sondern auch ideologisch scheinen Austra in den Achtzigern verhaftet, der Dekade von Live8 und „Heal The World“, als Pop nichts Geringeres wollte, als die Welt zu verändern. Future Politics ist ein Aufruf zum Handeln, dazu, das Steuer noch herumzureißen und sich daran zu erinnern, dass die Apokalypse als Resultat menschlicher Fehlentscheidungen eben nicht unausweichlich ist.

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