SPEX No. 381: ANTi – Hauptsache Dagegen

Foto: Bernd Preiml

SPEX No. 381, die Juli/August-Ausgabe 2018 – inklusive der SPEX-CD 144 mit zwölf Titeln –, ist ab sofort im SPEX-Shop erhältlich und ab Donnerstag, dem 21. Juni 2018, im Zeitschriftenhandel. Hier finden sich die aktuellen Abo-Prämien. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte folgen in Kürze auf spex.de.

TITEL & SCHWERPUNKT
ANTi
Fotografie – Bernd Preiml

Die Nerven haben vielleicht Nerven. „Immer nur dagegen“ waren sie auf ihrer jüngsten Platte Fake und mussten sich dann selbst wundern: „Aber gegen was?“ Gute Frage! Die richtige Form der Anti-Haltung scheint im Jahr 2018 wichtiger denn je zu sein. Aber wie kann sie aussehen? Wo verläuft die Grenze zur leeren Widerstandsgeste, die ohnehin zunehmend von rechts vereinnahmt erscheint? Welches Wofür soll mit dem Wogegen einhergehen? Und was wollen wir denn bitte konstruktiv? Auf 36 Seiten sucht dieser Schwerpunkt nach Antworten: bei Platon, Adorno, Nico und Atlanta-Rap, im Gespräch mit österreichischen Außenseitern, Antinatalisten, einer aufgelösten Punk-Band, den Anti-Helden des Anti-Metal – und irgendwie auch in der wilden Gedankenwelt von Lee Scratch Perry. Hauptsache dagegen? Hauptsache Dagegen!

Mit

KLEINE GESCHICHTE DER ANTI-HALTUNG: Feuer, Wasser, Endzeitbingo
Text – Maximilian Sippenauer
Anti ist heute selten mehr als eine Pose des Trotzes. Dabei liegt im Gegen-die-Welt-Sein der Ursprung eines klugen Nachdenkens über die Beschaffenheit des Guten. Im Für und Wider fanden schon die griechischen Philosophen der Antike Antworten auf die Frage, wie der Mensch leben will. Ein paar Hegel-, Marx- und Frankfurter-Schule-Remixe später taugte die Anti-Haltung auch zur Popstrategie. Doch was muss aus ihr werden, damit sie in einer pluralistischen Welt nicht verpufft oder von den falschen Leuten vereinnahmt wird?

WAHLVERWANDTSCHAFTEN NO. 23 – EBOW VS. CRACK IGNAZ
„Österreich braucht mehr als einen Schwarzen, der sich politisch äußert“
Text – Shilla Strelka
Konspiratives Treffen im sechsten Wiener Bezirk: In einem Kino, das sonst Arthouse-Filme und sonntags den Tatort zeigt, begegnen sich die Rapperin Ebow und der Rapper Crack Ignaz zum ersten Mal. Ebow heißt eigentlich Ebru Düzgün, lebt in Wien und kommt ursprünglich aus München. Crack Ignaz stammt aus Salzburg und möchte, dass sein echter Name geheim bleibt. Angeregt und doch entspannt sprechen die beiden über die rebellische Grundhaltung von Hip-Hop, das provokative Potenzial von Gucci-Kleidung und ihre Erfahrungen mit der österreichischen Mehrheitsgesellschaft.

NIHILISTEN-RAP: Amoklauf am Valentinstag
Text – Dennis Pohl
Atlanta gilt als Hochburg des Vergnügungs-Raps – auch wenn die Zeitvertreibe von aktuellen Protagonisten wie 21 Savage, Lil Uzi Vert und Future immer unvergnüglicher erscheinen. Zwischen Todessehnsucht und Genussmittelsucht rappen sie über jede erdenkliche Zerstreuungs- und Betäubungsmöglichkeit. Dahinter steckt jedoch mehr als ein dumpfes fuck it all: nämlich die Aufkündigung eines Gesellschaftsvertrags, den die afroamerikanische Bevölkerung ohnehin nie unterschrieben hatte.

ANEKDOTEN AUS DER ANTIFA: Er und ich und die Neonazis
Text – Mithu Sanyal
Die Neunzigerjahre im Rheinland: Für unsere Autorin war diese Zeit geprägt von der Suche nach etwas, wogegen sie rebellieren konnte. Zwischen Antifa-Gefährten und Anti-Weihnachtsgans erlebte sie magische Momente der Auflehnung, sammelte Nazi-Visagen wie Panini-Bilder, fühlte sich frei und erkannte doch: Nach dem Anti muss es irgendwie weitergehen.

DEAFHEAVEN: Inwärts nimmer, vorwärts immer
Text – Kristoffer Cornils
Fotografie – Graham Dunn
Deafheaven fuhren gut damit, dass es ihnen schlecht ging. Mit drei desolaten Alben zwischen Shoegaze und Kreisch-Vocals sowie einer Vorliebe für Alltagskleidung erarbeitete sich die Band aus Kalifornien den Ruf, das Black-Metal-Feld von hinten aufzurollen. Dabei hatten sie die Revolution, die ihnen auf den Leib geschrieben wurde, nie selbst angestrebt. Anti-Helden wider Willen also? Auf ihrer neuen Platte Ordinary Corrupt Human Love zumindest klingen Deafheaven nun gut gelaunt, doch der Wille zum Statement fehlt noch immer.

NICO, 1988: Christa nach Nico
Text – Esther Buss
Im Biopic Nico, 1988 zeigt Susanna Nicchiarelli eine Musikerin, wie sie sich zuletzt selbst wahrscheinlich verstanden hat: als Antithese zur blonden Göttin und Frau zwischen ihren eigenen Widersprüchen – Vergangenheit und Gegenwart, The Velvet Underground und Christa Päffgen, Mutterschaft und Junkietum.

CHRIS KORDA: „Irgendwann werde ich mich wahrscheinlich umbringen“
Text – Diana Weis
Um die Jahrtausendwende war Chris Korda Techno-Popstar und Transgender-Aktivistin. Heute entwickelt sie Software für 3D-Drucker. Ihre nach wie vor leidenschaftlichste Rolle ist jedoch die des Reverend in der von Korda selbst gegründeten Church Of Euthanasia. Dort predigt sie antinatalistische Tugenden: Selbstmord und den Verzicht auf Fortpflanzung. Warum? Aus Liebe zur Zivilisation.

THE THERMALS: Letzte Band vor dem Fallout
Text – Daniel Gerhardt
Unvergleichlich, unkopierbar, unkorrumpierbar: The Thermals sind die beste Punkband der letzten 20 Jahre. Wir müssen es wissen, denn wir haben sie alle gehört. Natürlich wird es auch nach ihrer Auflösung noch genügend Musikgruppen mit Sänger, Gitarrist, Bassistin und Schlagzeuger geben. The Thermals aber fehlen jetzt schon. Wie kaum jemand sonst strebten sie nach einer Verbindung zwischen Band und Publikum, die über gemeinsam gebrüllte Refrains hinausgeht.

Kein Interview mit LEE SCRATCH PERRY: Der böse Gott, zu dem man betet
Text – Holger In’t Veld
Fotografie – Sebastian Mayer
Sprechen mit Lee Perry: Das könnte schwierig werden. Nach einem Konzert in Berlin treffen wir den legendären Produzenten, Toaster, Styler und Dub-Erfinder auf gewohntem Zudröhnungslevel an – und müssen uns hinter zahlreichen Scratch-Ultras anstellen, die sich in den Backstagebereich des Clubs gemogelt haben. Am Ende bleiben fünf Minuten für ein aufschlussreiches Nicht-Gespräch über böse Geister und gute Schokolade.

ANTI GEGEN ANTI: Mehr broke als woke
Text – Hengameh Yaghoobifarah
Gelebte Anti-Haltung ist nur scheinbar einfach. Spätestens wenn sich die Ablehnung nach innen richtet, etwa gegen Andersdenkende und -handelnde in der eigenen Community, wird die Sache kompliziert. Wo verläuft die Grenze zwischen notwendigem Widerspruch und dem Mobbing von Einzelpersonen? Und warum überschreiten wir sie so oft? Überle- gungen zur Sprache einer schonungslosen, zielführenden (Selbst-)Kritik.

BANDS, SZENEN, GENRES & FANS: Alles okay?
Text – Johannes von Weizsäcker
Früher war alles biestiger, vor allem die Verehrung von Lieblingsbands und die Verachtung für ihre natürlichen Todfeinde. Im Fansein blühte man auf, in der Abgrenzung fand man seine Bestimmung. Heute geht alles, zumindest ironisch, und kaum jemand klammert sich noch an Szenen oder Genres. Schade, findet unser Autor. Schließlich steckt in der Markierung des eigenen Reviers der erste Schlüssel zum klugen Nachdenken über den Pop.

KOLUMNEN

Abgrund & Oberfläche
Diana Weis durchschaut die Styles der Styler
Zwischen Leber und Filz
Illustration – Aaron Kämling


Fatma Morgana
Fatma Aydemir folgt ihrer imaginären Freundin in die Parallelgesellschaften
Kartoffeln auf Reisen
Illustration – Aaron Kämling

Selbstkritik
Frank Witzel über die Grauzone, in der das Eigene aufhört und das Andere beginnt

Es lebe die Antimoderne!
Illustration – Aaron Kämling

Wie wir leben woll(t)en
1968 vs. 2018

Ein bisschen Knall und Action
Text – Georg Seeßlen
Illustration – Aaron Kämling
50 Jahre nach 1968 beschäftigen wir uns in dieser Rubrik mit dem Aufbruch von einst und seinen Nachwirkungen bis heute. Diesmal versorgt uns Georg Seeßlen mit einer steilen These: In den Umwälzungen der Achtundsechziger erkennt er keine kollektive Befreiung, sondern viele individuelle, die letztlich dem Kapitalismus den Arsch retteten. Warum werden Anti-Haltungen immer wieder zur Erfüllungsgehilfin ihres Wogegen? Und wie könnten sie aussehen, um diesem Schicksal zu entkommen?

MUSIK

 KAMASI WASHINGTON: „Alles bestellen und dann teilen – das ist mein Ding“
Text – Tobi Müller
Fotografie – Axel Hoedt
Mit Doppelquartett und überbordender Materialfülle hat Kamasi Washington den Jazz als Musik der afroamerikanischen Alltagskämpfe wiederbelebt. Sein Dreifach­-Studio-­Debüt The Epic stürmte vor drei Jahren auch Jazz-­ferne Verkaufscharts und Jahresbestenlisten. Nun legt der Tenorsaxofonist aus Los Angeles nach: Heaven And Earth passt zwar auf zwei CDs, ist aber noch dichter und mannschaftlich geschlossener als sein Vorgänger. In einem Hamburger Hotel erzählte Washington von musikalischer Selbstverwirklichung, gasförmigem Rassismus und der Coolness seiner ersten Klarinette.

EARTHEATER: Orale Phase
Text – Nadine Schildhauer
Fotografie – Sharif Hamza
Es gibt einen Platz für die Harfe im Pop, auch jenseits von Joanna Newsom. Alexandra Drewchin aus Queens, New York bespielt ihn unter dem Pseudonym Eartheater. Ihr drittes Album Irisiri geht aber noch viel weiter: Mit den Waffen von Krach, Kakofonie und Psychedelik erzählt es vom Lebenshunger neugeborener Babys, sprengt die Ketten von Religion und Geschlecht – und verschlingt dabei Himmel und Hölle.

LYKKE LI: Ich bin Werner, du bist Klaus
Text – Şermin Usta
Fotografie – Neven Allgeier
Lykke Li gehört zu den größten Popstars unserer Zeit. Hinter der Fassade einer kühlen, bisweilen eitlen Perfektionistin offenbart sich immer wieder eine Poetin mit Hippie­-Herz, die für jeden Verzweiflungstypus die passende Hymne im Programm hat. Mit So Sad So Sexy fügt sie ihrem Songkatalog über Weltschmerz, Depression und verlangsamte Zellerneuerung zehn neue Einträge hinzu. Im Interview spricht sie über ihre Wahlheimat Los Angeles, Mutterschaft und andere mindfucks.

GANG GANG DANCE: Außer Greifweite
Text – Jan-Niklas Jäger
Fotografie – Sharif Hamza
Sieben Jahre lang stand die Zukunft still – während der Planet mit zunehmender Geschwindigkeit aus den Fugen rotierte. Nun kehrt mit Gang Gang Dance eine der besten Avant­-Pop-­Bands der Welt zurück und verschafft sich einen Überblick. Auf ihrem neuen Album Kazuashita entwerfen die New Yorker eine Utopie mit Rissen, eine Welt, in der das Potenzial stecken könnte, die Zeit zu überwinden. Wenn nur die Gegenwart nicht so hartnäckig wäre.

LEON VYNEHALL: Eher dümmer
Text – Dennis Pohl
Fotografie – Joachim Baldauf
Leon Vynehall wollte den Tod seines Großvaters verarbeiten. Dann schrieb er eine Parabel auf die Welt und ihre Migrationsbewegungen – in Album­, Buch­ und Kurzfilmform. Geplant war das ebenso wenig wie die Abkehr von den Downtempo­-Sounds seiner ersten EPs. Als Gesamtkunstwerk zwischen Elektro-­Jazz, Post­-Rock und freischwebender Sprache zeigt Nothing Is Still aber, dass die schlimmsten Betriebsunfälle manchmal den größten Effekt erzielen. Auch wenn hinterher niemand schlauer ist als zuvor.

TIRZAH: Zum Hype nicht bereit
Text – Kristina Kaufmann
Fotografie – Julia von der Heide
Ein typischer Popstar ist Tirzah nicht. Für die Sängerin aus London ist Musik auch ohne größere Aufregung aufregend. Beweisstück A bis K: die elf Soul­-Songs auf Devotion, mit denen sie drei Jahre nach ihrer letzten Single Debütalbum und Kehrtwende zugleich vollzieht. Vorbei ist die Zeit der schrägen Dance-­Tracks. Tirzah und ihre Produzentin Micachu ver­schleppen das Tempo – und alle anderen Probleme, die man als junge Großstädterin haben könnte.

Vorspiel für … GET WELL SOON: „Vielleicht liegt es daran, dass ich auf dem Land aufgewachsen bin“
Text & Musikauswahl – Rita Argauer
Illustration – Patrick Klose
Ein Vorspiel nur mit klassischer Musik – das hat es in der SPEX­-Geschichte auch noch nicht gegeben. Dann aber kam Konstantin Gropper mit The Horror um die Ecke, dem fünften Album seiner Band Get Well Soon, auf dem Pop und Klassik einmal mehr Deals abschließen, die nichts mit dem von Gropper verachteten „Crossover-­Quatsch“ zu tun haben. Zeit für ein Gespräch über Harmonik und den Tristan-­Akkord, Wiener Walzer, verkünstelten Gesang und das Kreuz mit der Neoklassik.

LITERATUR / KUNST

GEOFFROY DE LAGASNERIE: „Lasst uns das abstrakte Ich fotografieren“
Text – Sebastian Guggolz
Fotografie – Sebastian Mayer
Vor ein paar Jahren traten drei französische Intellektuelle an, kritisches Denken in Europa zu rehabilitieren. Die autobiografischen Bücher von Didier Eribon und Edouard Louis sind weltweit erfolgreich und wurden mittlerweile sogar fürs Theater adaptiert. Der dritte im philosophischen Bund: Geoffroy de Lagasnerie, dessen Essay Denken in einer schlechten Welt gerade auf Deutsch erschienen ist. SPEX traf ihn in Berlin zu einem Gespräch über politische Kunst, die Verantwortung der Privilegierten und die Wahrheit.

GRADA KILOMBA: Endlich im Jetzt
Text – Sonja Eismann
Fotografie – Joachim Baldauf
Ist das Kunst? Performance, Theater, Film, Poesie oder Wissenschaft? Ja, und noch was: Die Auffaserung von Wissen und Erfahrungen in penibel voneinander abgetrennte Disziplinen ist laut Grada Kilomba das große Problem einer Gesellschaft, die nicht von ihren patriarchal­kolonialen Traditionen lassen kann. Die transdisziplinäre Storytellerin Kilomba setzt dagegen auf eine dekoloniale Transformation.

EINKLANG
Neues aus Musik, Kunst & Literatur

Mit: Pusha-T & Drake, Yuno, Tianzhou Chen, Klitclique, Gianna Molinari, Snail Mail,
R. Kelly & Spotify, Kali Malone, Parliament

KRITIKEN

Album der Ausgabe: Ebony Bones Nephilim

Außerdem Rezensionen zu Father John Misty, Martyn, Pariah, Gaika, Danger Dan, Born In Flamez, Go-Kart Mozart, Kate NV, Oneohtrix Point Never, David Eugene Edwards & Alexander Hacke, Onyx Collective, Jorja Smith, Kacey Johansing, The Orb, Soulwax, Let’s Eat Grandma, Rolling Blackouts Coastal Fever, RP Boo, Helena Hauff, Palberta, Gui Boratto, Mourn, Flasher, Dirty Projectors u.v.a.

XLI – von Diedrich Diederichsen
Jan Jelinek, Lucrecia Dalt, Joelle Leandra, Elisabeth Harnik, Twentytwentyone, Diisc Orchestra

Present Shocks – Elektronische Musik zur Zeit mit Kristoffer Cornils
Jan Jelinek, Machine Jazz, Jimi Tenor

Gegenwartskunde – Popwelt mit Klaus Walter
Sun Ra, Plan B, Idris Ackamoor & The Pyramids, The Last Poets

Punchzeilen – Rap mit Marcus Staiger
Schwester Ewa, Brutus Brutaloz, Mauli

Odyshape – Selten gehörte Musik mit Joachim Ody
Brian Eno, Richard Pinhas, Die wilde Jagd

Filmkritiken
Hereditary, Am Strand, Grenzenlos

Buchkritiken
Melissa Broder Fische, Robert Barry Die Musik der Zukunft, Donna J. Harraway Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän

SPEX CD 144
Zusammenstellung – Dennis Pohl
Fotografie – Karoline Kaemling

1. Rolling Blackouts Coastal Fever – „The Hammer“
2. Dirty Projectors – „Break-Thru“
3. Yuno – „Galapagos“
4. Kate NV – „дуб OAK“
5. Leon Vynehall – „Chapter III“
6. Kasey Johansing – „Hold Steady“
7. Onyx Collective – „Rumble In Chatham Square’“
8. Tirzah – „Gladly“
9. Ebony Bones – „Ghrelin Games“
10. Gaika „Crown & Key 1″
11. Die wilde Jagd – „Ginsterblut“
12. Deafheaven – „Honeycomb“