SPEX No. 380: Drangsal vs. Pansy – Sturm und Drag

Foto: Stephanie Pfaender

SPEX No. 380, die Mai/Juni-Ausgabe 2018 – inklusive der SPEX-CD 143 mit zwölf Titeln –, ist ab sofort im SPEX-Shop erhältlich und ab Donnerstag, dem 19. April 2018, im Zeitschriftenhandel. Hier finden sich die aktuellen Abo-Prämien. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte folgen in Kürze auf spex.de.

TITEL

DRANGSAL VS. PANSY: „Maskulinität stirbt“
Text – Coco Brandl
Fotografie – Stephanie Pfaender
„Soll ich was ausziehen?“, fragt Drangsal zur Begrüßung, während Pansy noch jemanden sucht, der ihr den Reißverschluss am Kleid zumacht, ohne dass es wieder hakt. Beim Gespräch über alternative Männlichkeit, verständnislose Väter und Komplimente von John Waters sitzen sich in einem Fotostudio in Berlin­-Wedding der bisexuelle weiße Musikerjunge Max Gruber aus Herxheim und der Drag­-Artist und Veranstalter Parker Tilghman aus South Carolina gegenüber. Beide haben in Berlin den Ort gefunden, an dem sie trotz ihrer Qualitäten als begnadete Selbstdarsteller auch mal beiseite treten und anderen das Rampenlicht überlassen können.

MUSIK

DIE NERVEN: Keine Band & The Gang
Text – Jennifer Beck
Fotografie – Sebastian Mayer
Die Nerven sind keine Band, sondern ein System: Kevin Kuhn, Julian Knoth und Max Rieger haben nichts gemeinsam. Außer ihrem Netzwerk. Dass daraus vier Alben und die weltbesten Gitarrenriffs Baden-­Württembergs entstehen konnten, ist eigentlich unmöglich. Die Frage lautet also: Wie, zur Hölle? Auf der Suche nach Antworten ist SPEX dort gelandet, wo alles begann und niemand jemals wieder hin will: in Deutschlands größtem Loch.

ELECTRIC INDIGO: Aggregatzustand abstrakt
Text – Shilla Strelka
Fotografie – Bernd Preiml
Ob als DJ oder Komponistin, im Berliner Tresor oder im Mozart­-Saal in Wien, als Dozentin bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt oder Gründerin der Plattform Female Pressure: Susanne Kirchmayr ist eine Ausnahmeerscheinung in der elektronischen Musik und schafft unter ihrem Alias Electric Indigo den Spagat zwischen Club und Hochkultur ganz ohne Verkrampfung. Nach einer über 25-­jährigen Karriere veröffentlicht sie nun ihr erstes Album. Es klingt nach mehr.

COURTNEY BARNETT: „Das ist meine Art von Coolness“
Text – Stella Sommer
Fotografie – Alena Schmick
Queen of Schnoddrigkeit. Australische Meisterin im Zweizeiler­-Hinrotzen. Schon mit ihrem Debüt unter den SPEX-­Alben des Jahres 2015 gelandet. Braucht man mehr Gründe, um Courtney Barnett für die coolste Singer­/Songwriterin im heutigen Rock­-Biz zu halten? Ihr zweites Album Tell Me How You Really Feel vielleicht. Da spuckt sie wieder jede Menge charmanter Beleidigungen auf Ei­-des­-Kolumbus-­Melodien. Stella Sommer von der Hamburger Band Die Heiterkeit traf Barnett, um ihr gemeinsames Geheimnis zu ergründen: die Besessenheit von Songs.

HYPER SEX RAP: Subtilität my ass
Text – Hengameeh Yaghoobifarah
Collage – Jorge Chamorro
Nicki Minaj veranstaltet einen Dreier mit sich selbst und macht damit offensichtlich Lust auf mehr: Die Lines, die Looks und die Selbst­darstellung einer ganzen Generation von Rapperinnen sind so explizit wie nie zuvor. Cardi B, Cupcakke und weitere boss bitches fordern den male gaze heraus, indem sie sich so eindeutig wie aggressiv als Sexsubjekte inszenieren und die Versautheit ins Groteske steigern. Fragt sich nur, wer am Ende kommt.

DJ KOZE: Erlöser ist jeder
Text – Alexis Waltz
Fotografie – Kasia Zacharko
Stefan Kozallas Hunger nach Klang ist unersättlich. Fast das gesamte alternative Musikgeschehen hat er sich einverleibt: die Negativität von Punk, die Sehnsucht von House, die Selbstbehauptung des Hip­-Hop, die Sensibilität von Indie und die Psychedelik der Minimal Music. Als einem der wenigen DJs gelingt es ihm, in der formatierten Clubszene einen Sound zu entwickeln, der eigenen Regeln gehorcht. Auf seinem neuen Album klingt er gelassener als je zuvor. Wie es dazu kam? SPEX fand es zwischen zwei Aufgüssen in der Sauna heraus.

CHRIS CARTER & COSEY FANNI TUTTI: „Uns interessierten Kindermörder und Amokläufer“
Text – Max Dax
Fotografie – Axel Hoedt
Allein der Name: Throbbing Gristle, Slang für „pulsierender Schwanz“, wirkte in den Siebzigern wie pure Provokation. Die Mitglieder des Kollektivs aus Hull gingen noch weiter. Lange vor dem Internet erkannten Chris Carter, Cosey Fanni Tutti, Genesis P-­Orridge und der 2010 verstorbene Peter „Sleazy“ Christopherson, dass es einen dritten Weltkrieg um die Informationshoheit geben wird. Mit ihrer Musik und ihren Performances konfrontierten Throbbing Gristle das Publikum mit krassen existenziellen Themen, von staatlicher Gewalt bis zum Verhältnis von Individuum, Sexualität und Unterdrückung. Seit 2010 sind Throbbing Gristle Vergangenheit. Erstmals seit dem Split erscheint nun ein Soloalbum von Chris Carter. Beim Gespräch in London ist auch seine Lebensgefährtin Cosey Fanni Tutti dabei, denn Carter begreift seine geisterhaften Klangakkumulationen im direkten Zusammenhang mit der Vergangenheit.

JON HOPKINS: Der im Wald badet
Text – Kristina Kaufmann
Fotografie – Andrea Vollmer
Als Jon Hopkins Anfang März sein Album Singularity ankündigt, ist das Internet ein bisschen on fire. Und Hopkins? Schreibt auf Twitter lakonisch: „Ich bin ein ‚Zwei Alben pro Dekade‘­-Typ.“ Fünf Jahre nach dem für den Mercury-­Preis nominierten Immunity ist die Welt in einem ziemlich deprimierenden Zustand. An Feiern will der englische Produzent nicht denken, lieber seinen Frieden in der Natur finden. Ist das jetzt eine valide Bewältigungsstrategie? Oder einfach eine Landpartie?

AUF: Ziemlich Alarm zu zweit
Text – Tim Caspar Boehme
Fotografie – William Minke
Anne Rolfs war Gitarristin und Sängerin der Berliner Noise-­Band Wuhling, mit Blumfeld auf Tour, mit Steve Albini im Studio. Danach feilte sie jahrelang daran, ihre Riffs so auf den Punkt zu bringen, dass sie bretthart und zerbrechlich zugleich klingen. Jetzt veröffentlicht Rolfs das Debütalbum ihres Duos Auf. Zwischen muskulöser Dichte und verknappter Poesie findet Getimed Platz für so ziemlich jeden Ausdruck. Es wirkt wie die Vertonung eines faszinierenden Prozesses: sich öffnen für Neues.

Kein Vorspiel für Janelle Monáe: „Das Allerwichtigste: zuhören“
Text & Musikauswahl – Sonja Eismann
Fotografie – Ansgar Sollmann
Janelle Monáe ist irritiert. Bei einem kuriosen Auftritt in Berlin hat sie ihr drittes Album Dirty Computer vorgestellt: Voll­-Playback, von sechs Tänzerinnen umringt, zwischen Tabletts mit Häppchen und Drinks mit den Namen ihrer Songtitel. Und jetzt soll sie nicht etwa über ihr neues Großwerk, sondern die Musik anderer Leute reden? Trotz vorheriger Absprache geht das der Musikerin und Schauspielerin aus Kansas gehörig gegen den Strich. Zu den Themen hinter der Songauswahl hat Monáe natürlich trotzdem eine Menge zu sagen. Also: Vorhang auf für ein Vorspiel ohne Musik! (Und backstage läuft der Soundtrack unserer Träume.)

KUNST / FILM / LITERATUR 

TERRE THAEMLITZ: Don’t Believe The Hype
Text – Fiona McGovern
Fotografie – Joachim Baldauf
Terre Thaemlitz ist nicht gerade bekannt dafür, Kompromisse einzugehen. Seine elektroakustischen und audiovisuellen Arbeiten kreisen auf teils schmerzhafte Weise um die Themen Familie, (queere) Liebe und Gewalt und bringen schon mal die Zuschauer dazu, reihenweise den Saal zu verlassen. Im Rahmen des Berliner Festivals Maerzmusik trafen wir die in Japan lebende Künstler*in und House­-Produzent*in, die sich weder in der Kunst­, noch in der Musikindustrie gut aufgehoben fühlt und alternierende Pronomen bevorzugt.

Modegespräch mit Kylie Minogue: „Beim Performen geht es nicht um Komfort“
Text – Annika Reith
Fotografie – Simon Emmett
„When I go out, I wanna go out dancing“ – für Kylie Minogue ist die Entscheidung gefallen. Die australische Popikone sieht nicht so aus, als würde sie heute noch mal vor die Tür gehen. Draußen ist Fashion Week, aber auch schäbiger Berliner Winter. Kurz vor der Veröffentlichung ihres Country-­Albums Golden, dem viel diskutierten Konzert im Berghain und ihrem 50. Geburtstag lädt Minogue zum Interview nach drinnen – in ein schickes Hotelzimmer, gehüllt in pastellfarbene Seide und mit offenen Schuhen.

A BEAUTIFUL DAY: Hammerhandschrift
Text – Barbara Schweizerhof
Lynne Ramsay macht aus Drastik pure Kinopoesie. Ihre als Thriller getarnte Charakterstudie A Beautiful Day bietet Trauma, Gewalt und Nihilismus in Formvollendung. Und Joaquin Phoenix in seiner bisher wohl besten Rolle. Nicht ganz unschuldig daran: Qualitätswerkzeug, made in USA.

LADYBIRD: Gebenedeit unter den schrägen Vögeln
Text – Sofia Glasl
Greta Gerwig avanciert mit ihrem Regiedebüt Lady Bird von der Indie­-Schauspiel­-Ikone zur Autorenfilmerin mit eigener Vision. Auf Anhieb gelingt ihr ein neuer Klassiker des Coming­of­-Age­-Kanons. Und einer der Filme des Jahres, zum Schreien komisch, zum Heulen schön.

EINKLANG
Neues aus Musik, Film & Literatur

Mit: Perel, Isle Of Dogs, Luise Meier, Wished Bone, International Music, Dr. Dre &
Jimmy Iovine, Mor Mor, Beyoncé, Beth Ditto

KOLUMNEN

Abgrund & Oberfläche
Diana Weis durchschaut die Styles der Styler
Sneakerbrutalismus
Illustration – Aaron Kämling


Fatma Morgana
Fatma Aydemir folgt ihrer imaginären Freundin in die Parallelgesellschaften
Das P-Wort
Illustration – Aaron Kämling

Selbstkritik
Frank Witzel über die Grauzone, in der das Eigene aufhört und das Andere beginnt

Deutsche Ordnung
Illustration – Aaron Kämling

Wie wir leben woll(t)en
1968 vs. 2018

Stimuliert bis zum Unaushaltbaren
Text – Klaus Theweleit
Collage – Kiichi Inaba
50 Jahre nach 1968 beschäftigen wir uns in dieser Rubrik mit dem Aufbruch von einst und seinen Nachwirkungen bis heute. Diesmal: Sex und Rock und Teenagerschweiß. Klaus Theweleit macht begreiflich, dass eine Revolte ohne die vorausgehende Befreiung der Körper gar nicht denkbar wäre. Der auf eigenen Erfahrungen gründende Text ist ein Auszug aus einem Vortrag, den der Autor und Kulturtheoretiker im November 2017 im österreichischen Villach gehalten hat. Das Überthema der Veranstaltung: Popkultur – Opium für das Volk!?

KRITIKEN

Album der Ausgabe: Serpentwithfeet Soil

Außerdem Rezensionen zu Parquet Courts, Alexis Taylor, Aisha Devi, Bad Stream, Malakoff Kowalski, Chvrches, Elysia Crampton, Lizzy Goodman, The Voidz, Hinds, Stephen Malkmus & The Jicks, Nadia Struiwigh, Lucrecia Dalt, Unknown Mortal Orchestra, Iceage, Eleanor Friedberger, Akua Naru, Beach House, Virginia Wing, Sonae, Grouper, Sudan Archives, Robert Görl u.v.a.

XL – von Diedrich Diederichsen
Goh Lee Kwang, Christian Meaas Svendsen, John Tilbury, Keith Rowe, Kjell Borgeengen, Jemh Circs, Yonatan Gat, E Ruscha V.,

Present Shocks – Elektronische Musik zur Zeit mit Kristoffer Cornils
Miri Kat, Dadabots, Happy Valley Band

Gegenwartskunde – Popwelt mit Klaus Walter
Knarf Rellöm & Tillamanda, Erik Steinskog, Hieroglyphic Being

Punchzeilen – Rap mit Marcus Staiger
Juse Ju, Antifuchs, Ufo 361

Odyshape – Selten gehörte Musik mit Joachim Ody
Bruce Brubaker, Jóhann Jóhannsson, Prurient

Filmkritiken
Ghostland, SPK Komplex, Grain – Weizen

Buchkritiken
Andi Schoon Die schwache Stelle, Viv Albertine To Throw Away Unopened, Ta-Nehisi Coates We Were Eight Years In Power

SPEX CD 143
Zusammenstellung – Daniel Gerhardt
Fotografie – Karoline Kaemling

1. Serpentwithfeet – „Bless Ur Heart“
2. Die Nerven – „Frei“
3. Courtney Barnett – „Nameless, Faceless“
4. Unknown Mortal Orchestra – „Not In Love We’re Just High“
5. AUF – „Diese Stadt“
6. Mouse On Mars – „Parliament Of Aliens Part II’“
7. Bodega – „How Did This Happen!?“
8. Eleanor Friedberger – „Everything“
9. International Music „Verpiss Dich“
10. Grouper – „Parking Lot“
11. Sonae – „Soul Easter“
12. Bad Stream – „Already Dark“

PERSPEKTIVE 

ARABISCHE IDENTITÄT? Mehr Freiheit, mehr Frust
Text – Florian Sievers
Zeichnungen – Patrick Klose
Die arabische Welt ist riesig: mehr als 20 Länder auf zwei Kontinenten, von Mauretanien in Westafrika bis zum Sultanat Oman im Osten der Arabischen Halbinsel. „Der Araber“ allerdings ist ein Scheinriese. Aus der Ferne betrachtet vielleicht eine irgendwie konsistente Figur, aber in zahllose Facetten zerfallend, je näher man tritt. Gibt es das: eine „arabische Identität“? Wir fragen nach, beim Produzenten Rozzma aus Kairo, bei der tunesischen Musikerin Deena Abdelwahed sowie beim libanesisch­ palästinensischen Beatbastler Okydoky. Die zwei Letzteren sind auf der Compilation Arabstazy vertreten, die gängige Identitätszuschreibungen hinterfragt und deren Einnahmen größtenteils in die Unterstützung syrischer Flüchtlinge fließen.

AUSKLANG

#wormagain