Spex #330: Die Orgie geht weiter – Hercules And Love Affair

Spex #330, die Januar/Februar-Ausgabe 2011 inkl. der Spex-Lesercharts und des Jahresrückblicks 2010 sowie der Spex-CD #94 mit 15 Titeln ist ab Freitag, den 17. Dezember 2010 am Kiosk erhältlich. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte aus der neuen Ausgabe folgen in Kürze auf spex.de.

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Hercules And Love Affair, fotografiert von Gianni Occipinti

NEUE MUSIK:

DRUMS OF DEATH Alles kracht aufeinander
Text: Lutz Happel | Foto: Dan Wilton

ANNA CALVI Eine Bitch namens Leben
Text: Ralf Krämer | Foto: Michael Heilgemeir

MOMUS Was von Sex und Japan übrig blieb
Text: Anne Waak | Fotos: Norman Konrad
Seit Mitte der achtziger Jahre bewegt sich der ›serielle Immigrant‹ Nicholas Currie alias Momus durch den Spex-Kosmos – als Musiker, Blogger und inzwischen auch Buchautor. Vor kurzem hat er Berlin verlassen und lebt nun in Osaka. Sein neues Album »Hypnoprism« ist ein kleines Meisterwerk der Verstörung.

SAALSCHUTZ Drück den Knopf und wir sind da
Text: Ulrich Gutmair | Foto: Darko Todorovic
Noch vor Egotronic, Frittenbude und der allumfassenden Tanzherrschaft des Labels Audiolith kamen zwei Schweizer aus Vororten von Zürich daher und definierten Ravepunk als Stil mit Haltung. Saalschutz hatten Krawallslogans, Sägezahnkurven und Größenwahn. Das neue Album ist da und mit ihm die Frage: Wie lässt sich Pop in seiner Kaputtheit ernst nehmen?

NICKI MINAJ Luxus, Geilheit und mächtige Männer
Text: Robert Defcon | Foto: Lauren Dukoff
Sie war in den vergangenen Monaten mit bis zu sieben Songs gleichzeitig in den Billboard-Charts und liefert Diskussionsstoff mit ihrer nicht zwingend plausiblen Mischung aus Nuttenhass, Verfügbarkeit und Bi-Koketterien. Gerade hat sie ihr Debütalbum »Pink Friday« veröffentlicht. Please welcome: Nicki Minaj, die neue Superheldin des aufgeklärten Sexismus.

VORSPIEL FÜR JON SAVAGE »Gott sei Dank hatten wir Punk und nicht den Terror …«
Interview: Max Dax | Fotos: Michael Heilgemeir
Mit »Black Hole« hat der Kulturtheoretiker und Pop-Journalist Jon Savage gerade eine Sammlung kalifornischer Punkmusik veröffentlicht, die sich anschickt, ebenso zum Standardwerk zu werden wie seine Kopplung »England’s Dreaming« (2004). Wenn er sich beim Reden bei einer witzigen Koinzidenz ertappt, lacht Savage mit hoher Stimme und klingt dann so manisch-hysterisch wie Neil Tennant, wenn er lacht. Mehr bekommen wir während des »Vorspiels« von Savage nicht zu sehen – er sitzt am Telefon in London, wo er am Nachfolger seines Buches »Teenage« schreibt.

SIND KONSERVATIVE IN THE HOUSE? Die amerikanische Rechte entdeckt den Pop
Text: Oskar Piegsa
In den vergangenen Jahrzehnten haben US-Konservative im sogenannten ›culture war‹ unermüdlich gegen Rock’n’Roll und ›MTV-Kultur‹ gewettert. Erfolglos. Die neue Strategie der amerikanischen Rechten: Sie eignet sich die Popkultur an – und kämpft mit »South Park« gegen linke Spießer, mit Bob Dylan gegen Barack Obama und mit Rap für die Republikaner.

DIE GROSSEN GESCHICHTEN:

HERCULES AND LOVE AFFAIR Die Orgie geht weiter
Text: Jens Balzer | Interview und Protokoll: Jens Balzer und Jan Kedves | Fotos: Gianni Occipinti
Hercules And Love Affair schossen vor drei Jahren mit der von Antony Hegarty gesungenen Single »Blind« in unsere Herzen und belegten mit ihr Platz 1 der Spex-Lesercharts 2008. Der Sound von Disco war auch abseits interessierter Clubzirkel wieder konsensfähig geworden, gleichzeitig weckte er Erinnerungen an die Wurzeln und Geschichte der amerikanischen Queer-Kultur. Heute könnte der weltweit größte neue Popstar, Lady GaGa, queere Ästhetiken kaum entschiedener affirmieren, parallel nimmt in den USA die Zahl homophober Übergriffe zu. Es ist eine widersprüchliche Zeit, in der Hercules And Love Affair ihr fantastisches zweites Album »Blue Songs« veröffentlichen.

JAHRESRÜCKBLICK 2010
Texte von Philipp Ekardt, Thomas Hübener, Jan Kedves, Katrin Kruse, Christoph Twickel, Anne Waak | Illustrationen: Patrick Klose
Als europäische Kulturhauptstadt 2010 wurde das Ruhrgebiet zur »kreativen Metropole des 21. Jahrhunderts« erklärt – bevor auf der Duisburger Loveparade 21 Jugendliche ihr Leben ließen. Im Jahresrückblick zeichnen wir nach, wie sie als Statisten einer Image-Inszenierung in die Falle des Stadtmarketings gingen. Abgesehen davon steht der Teenager im Mittelpunkt: Er war 2010 als Opfer von Pädophilen Dauerthema in den Medien, gleichzeitig stellte er auffällig häufig Protagonisten von Kultur und Entertainment – teilweise so jung, dass man sie nicht mal als Teenager bezeichnen konnte. Auch auf die Mode blicken wir: 2010 wurden zwei in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verankerte Strömungen aufgetragen – die Weiblichkeit der Fifties und der Preppy-Look. Missverständnisse produzierten beide. Last but not least: Musik. Während Hyperaktivität und Erschöpfung der Leistungsgesellschaft ihren Ausdruck in der Entschleunigung von Chillwave und Witch House fanden, schalteten Eminem und Rihanna in ihrem Hit »Love the Way You Lie« auf emanzipatorische Schubumkehr.
PLUS: Lesercharts, Mitarbeitercharts, Redaktionscharts

MODE:

MODESTRECKE: Discothèque
Fotos: Daniel Sommer
In den Münchner Kammerspielen hat der Bühnenbildner Bert Neumann den Werkraum in einen Club verwandelt. Eine perfekte Kulisse, nicht nur für das neue Theaterstück von René Pollesch: »XY Beat«.

MODE-INTERVIEW: VERUSCHKA »… und danach folgt ein ganz dreckiges Lachen von mir.«
Interview: Jan Kedves | Foto: Jochen Arndt
In der Spex-Reihe »Mode-Interview« ist noch nie ein Model zu Wort gekommen. Beginnen wir des- wegen mit keiner Geringeren als Vera von Lehndorff. Unter dem Namen Veruschka galt sie in den sechziger Jahren als »Germany’s First Top Model«, Avedon, Newton und Penn fotografierten sie, von Antonioni wurde sie in »Blow-Up« inszeniert, seit den Siebzigern arbeitet sie als Künstlerin. Zuletzt war die 71-Jährige, die nach Jahrzehnten in New York 2005 nach Berlin gezogen ist, gleich doppelt präsent: Bei der London Fashion Week im September lief sie für Giles Deacon über den Catwalk, außerdem erlaubte sie Blixa Bargeld die Nutzung eines ihrer ikonischen »Veruschka Self-Portraits« als Cover für dessen anbb-Album. Zum Gespräch lädt Lehndorff, die derzeit an ihrer im Herbst 2011 bei DuMont erscheinenden Autobiografie arbeitet, in die Bar des Berliner Hotel de Rome.

KENNETH ANGER & MISSONI / ROBERT LONGO & BOTTEGA VENETA Vordergründig im Dienst der Labels
Text: Esther Buss
Modehäuser setzen auf Kunst als Werbemaßnahme: Kenneth Anger hat Familie Missoni für deren aktuelle Herbst/Winter-Kampagne gefilmt, Robert Longo hat für Bottega Veneta fotografiert. Die Künstler zitieren sich selbst – bringen aber auch den Kunstcharakter in der Mode zum Tragen.

KUNST:

KLARA LIDÉN Bevor sie einen fertig macht
Text: Kito Nedo
Aus der Produktion von Ungehörigkeit wird bei Klara Lidén Kunst. Die gebürtige Schwedin, die seit 2003 mit Performances, Installationen und Videos arbeitet, schleppt Trash von der Straße in institutionelle Räume und setzt ihren eigenen Körper als Fehlerquelle ein. Ob ihr Werk eine politische Seite hat, lässt sich aber nur aus ihren schriftlichen Statements erahnen – Interviews gibt Lidén keine. Bis Ende Januar läuft ihre Ausstellung »Rumpfflächen und Plündererbanden« im Bonner Kunstverein, Anfang Oktober wurde sie zudem für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011 nominiert.

LITERATUR:

THOMAS BRASCH Eine Nutte mit kaltem Blick
Text: Thomas Hübener | Fotos: Isolde Ohlbaum
Er war einer der großen deutschen Nachkriegslyriker, Prosaschriftsteller, Dramatiker und Filmregisseure, und trotzdem muss die Erinnerung an den 2001 verstorbenen Thomas Brasch immer wieder wachgerüttelt werden – auch, weil es so schwer ist, diesen Getriebenen und sein Werk als Ganzes zu erfassen. In diesem Jahr entdeckte man zunächst seine Filme neu, und im Herbst veröffentlichte die Autorin Insa Wilke den ersten biografischen Essay zu Braschs bewegtem Leben zwischen DDR und BRD. Für Spex porträtiert Thomas Hübener den Dichter als politisches Wesen, das die Wahrheit in der Multiperspektive suchte.

»RHYTHMEN, DIE DIE WELT BEWEGTEN« VON RUDOLF LORENZEN Rhythmus ist ein Tänzer
Text: Frank Schäfer
Auch der Walzer galt einmal als unzüchtig. Zur Klärung der Frage, inwiefern sich Gesellschaft in populären Tänzen und Musiken spiegelt, blickt Rudolf Lorenzen zurück. Und zwar bis lange vor die vermeintliche Geburt des Pop aus den Hüften Elvis Presleys. In seinem im Verbrecher Verlag erschienenen Buch »Rhythmen, die die Welt bewegten« zeigt der Berliner Schriftsteller, wie seit Beginn des 19. Jahrhunderts aus der Reihe getanzt wurde. Die Historie der Gesellschaftstänze, von Armeemarsch bis Zögerwalzer, erzählt er als eine, die eng verquickt ist mit der Geschichte der Demokratie.

FILM:

PORNO NACH POSTPORNO Displays, onanistisch befummelt
Interview: Oskar Piegsa und Anne Waak | Fotos: Timothy Archibald
Zehn Jahre ist es her, da stürmte queere Theorie die akademischen Diskurse. Beatriz Preciado veröffentlichte ihr »Kontrasexuelles Manifest«, Georg Seeßlen proklamierte in der taz den »post-pornografischen Blick« und Peaches setzte ihr Debüt »The Teaches of Peaches« live mit Dildos und wuchernder Intimbehaarung um. Die Popkritik feierte ›Post-Porn‹ als selbstreflexive Durchleuchtung einer Sache, die nun wirklich alle interessiert. Doch es ist still geworden um ›Post-Porn‹. Warum? In unserem Roundtable-Gespräch diskutieren Svenja Flaßpöhler, Autorin des Buches »Der Wille zur Lust. Pornographie und das moderne Subjekt« (Campus-Verlag, 2007), Tim Stüttgen, Organisator des ersten deutschen Postpornografie-Symposiums, das im Oktober 2006 in der Berliner Volksbühne stattfand, sowie Jürgen Brüning, Mitveranstalter des Berliner Pornfilmfestivals und Geschäftsführer der Pornoproduktionsfirma Wurstfilm.

TRAUM- UND FICKMASCHINEN
Text: Georg Seeßlen
Nicht nur in der Fiktion werden Maschinen immer menschlicher und Menschen immer maschineller. An der Schnittstelle zwischen schwindender Angst und wachsendem Begehren kommt die Maschine dem Menschen näher als je zuvor und bringt so den Diskurs von Sexualität und Kontrolle in Gang. Unter diesen Voraussetzungen sieht Georg Seeßlen den ernüchternden Realismus des post-pornografischen Blickes schwinden und erklärt, warum im post-postpornografischen Blick die Maschine das Zentrum des Bildes besetzt.

»VALERIE – EINE WOCHE VOLLER WUNDER« VON JAROMIL JIRES Bis das Grauen zu Poesie wird
Text: Thomas Hübener
1970 sprach noch niemand von ›White Goth‹, doch Jaromil Jires’ Horrormärchen »Valerie – Eine Woche voller Wunder« kann als Prototyp dieser gebleichten Version des Gothic gelten. Nicht nur der Bilderrausch des tschechischen Films voller sexueller Selbsterkenntnis beeinflusste die Popkultur nachhaltig, auch der Soundtrack von Lubos Fiser setzte Maßstäbe. 2007 wurde »Valerie« von Mitgliedern der Psych-Folk-Band Espers neu vertont. Nun ist der Film zum ersten Mal in Deutschland auf DVD erschienen.

KRITIKEN:

Rezensionen zu neuen Platten, Songs, Compilations, Videos etc. mit Jens Balzer, Christoph Braun, Max Dax, Robert Defcon, Philipp Ekardt, Alex Engelen, Björn Gottstein, Ulrich Gutmair, Sebastian Hammelehle, Lutz Happel, Thomas Hübener, Gerd Janson, Jan Kedves, Aram Lintzel, Dominikus Müller, Joachim Ody, Stephan Szillus, Anne Waak, Klaus Walter und Alexis Waltz

Platte der Ausgabe: Gang of Fours »Content«
Kritiken zu Das Racist, DDMMYYYY, Driver & Driver, Margaret Dygas, Bryan Eno, Bryan Ferry, Isolée, Jeans Team, Darryl Jenifer, Joan As Police Woman, Magda, Oliver Polak, Polarkreis 18, Robyn, $.a.M., Jon Savage, Francesco Tristano, Tu Fawning, Twin Shadow, Kanye West
Kolumnen mit David Bowie, Darkstar, Gregorian, Felix Kubin, Hanno Leichtmann, oOoOO, Ostgut Ton, Plastikman, Elvis Presley, Reel by Real, Salem, Christoph Schlingensief, Shackleton, Sound Stream, Ghédalia Tazartès, Virgo, Zola Jesus

LIVE:

SPEX PRÄSENTIERT(E)
Thomas Meineckes Plattenspieler, Elektroakustischer Salon, 1000 Robota, Christiane Rösinger, Rummelsnuff, Hgich.T, Saalschutz, Kristof Schreuf, Tu Fawning, Hans Unstern & Band.
Spex präsentierte »Body Language – What’s queer about Queer Pop?«

SPECIAL:

ROGER BALLEN The Place of the Upside Down
Text: Esther Buss
Roger Ballen, geboren 1950 in New York, findet in der Trostlosigkeit des südafrikanischen ›Plattelands‹ Momente bizarrer Schönheit. Der Fotograf, der seit den 1970ern in Johannesburg lebt, wurde in den letzten Monaten mehrfach von den Rap-Ravern Die Antwoord referenziert, unter anderem in deren »Evil Boy«-Video, in dem es vor Albinoratten nur so wimmelt. Wir drucken Bilder aus Ballens gerade erschienener Retrospektive »Fotografien 1969-2009«.

SONSTIGES:

Editorial // Mitarbeiter der Ausgabe (Daniel Fersch, Lutz Happel, Mario Koell, Anne Waak) // Reaktionen // Impressum

SPEX VOR 31 JAHREN:

Peter Bömmels, Wilfried Rütten und Bernhard Schaub treffen Andy Gill (Gang Of Four) für die im September 1980 erschienene Nullnummer der Spex

BEILAGE:

Spex-Cd #94 Spex #330Spex-CD #94 (Cover Pop-Up)
01. Hercules And Love Affair – Painted Eyes (Moshi Moshi / Coop / Universal)
02. Drums of Death – Science & Reason (Greco-Roman / RTD)
03. Jeans Team – Totes Kino (Alkomerz)
04. Saalschutz – Headliner der Herzen (Audiolith / Broken Silence)
05. Gang of Four – Do As I Say (Grönland / RTD)
06. Tu Fawning – The Felt Sense (City Slang / Universal)
07. Darryl Jenifer – Black Judas (Roir / Cargo)
08. Anna Calvi – Moulinette (Domino / Good To Go)
09. Momus – Datapanik (Cherry Red / Analog Baroque / Plastic Head / Darla)
10. Showcase Beat le Mot – Du bist da (Pudel Produkte / Staatsakt / RTD)
11. Darkstar – Deadness (Hyperdub / Cargo)
12. Isolée – Paloma Triste (Pampa / RTD)
13. Magda – Japan (Minus / RTD)
14. Barker & Baumecker – Drin (Ostgut Ton / Kompakt)
15. Driver&Driver – Kampf im Kulturkaufhaus (Staatsakt / RTD)

Spex #330 – Die Januar/Februar-Ausgabe ab dem 17. Dezember 2010 am Kiosk.

Die nächste Ausgabe – Spex #331 – erscheint am 25. Februar 2011.