Spex #321: Was erlauben Tarantino? – Das Hyper-Kino des Film-Zitators

Spex #321 (Titel Pop-Up), die Juli-/August-Ausgabe mit 164 Seiten sowie der Spex-CD #85 mit 15 Titeln ist ab Freitag, den 19. Juni 2009 am Kiosk erhältlich. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte aus der neuen Ausgabe folgen in Kürze auf www.Spex.de und im Editorial.

MUSIK:

Chicks on Speed
Text: Philipp Eckardt
Ein Panorama des Maximalismus, in dem historischer Girlpop auf Rave-Schemata und Geldeffekt trifft: Die feministischen, in Pop, Kunst und Mode parallel operierenden Chicks on Speed melden sich mit einem neuen Album zurück. »Cutting the Edge« lautet sein Titel, es ist eine musikalische Reise in die Gründerzeit des heute noch gängigen Gender-Arrangements zwischen männlichen Produzenten und weiblichen Sing Avataren. Highspeed-Humpta-Rhythmen, Orgelsounds, Shangri-La-Refrains, dazu via Skype-Zuschaltung die Stimme von Fred Schneider von den B-52’s – so melodisch klangen die Frauen noch nie. Sie selbst nennen es »Intelligent Bubblegum«.

Phantogram
Text: Christoph Braun

Asher Roth
Text: Markus Schneider

Cass McCombs
Text: Oskar Piegsa
Storytelling, Klampfe, Landstreichertum: Hier zitiert einer die Insignien des Folk, ohne in die Falle der Traditionspfl ege zu tappen. Cass McCombs ist ein moderner Puzzler, der die Antworten auf Fragen lieber auf der Straße sucht als im Internet.

Niobe
Text: Carmen Böker
Aus den Störgeräuschen schälen sich brillante Songs: Niobe spricht vom Musikmachen als einem Kraftakt, der die Länge sucht und in der Isolation endet. Das Ergebnis klingt jedoch nach luftgeborenen Halluzinationen, flüchtig und filigran. Für »Blackbird’s Echo«, ihr fünftes Album, brach Diedrich Diederichsens »Lieblingssängerin der nuller Jahre« aus dem Zirkel der Solisten aus und fand in Begleitung eines Jazz-Ensembles zu ungeahnt swingendem Einklang.

Dirty Projectors
Text: Dominikus Müller
Alles bleibt Zitat: Auf ihrem dritten Album »Bitte Orca« befreien Dirty Projectors aus Brooklyn ihren typischen, virtuos wie radikal ausformulierten Eklektizismus vom Korsett der Konzeptualität – und landen damit fast beim Liebeslied, wie wir es von Maria Carey kennen.

Kasabian
Text: Wibke Wetzker
Vorsprung durch Krautrock: Ohne Kasabian hätten Oasis im letzten Jahr kein Comeback hingelegt. In eige ner Sache surft die Band aus Leicester hart am Wind zwischen Wahnsinn und Egomanie.

Patrick Wolf
Text: Ulrich Gutmair
Schon Shakespeare war Shareholder der Compagnien, die seine Stücke aufführten: Nach zwei gefeierten Alben auf Indielabels und einem dritten, das bei einem Major erschien, aber keinen Hit hervorbrachte, nimmt Patrick Wolf das Heft jetzt selbst in die Hand und verkauft sich als Aktienpaket im Internet. »The Bachelor«, sein neues Album, dessen Produktion von einem Fanpool finanziert wurde, ist das künstlerisch bislang kühnste Werk des Sängers. Unterstützt von Alec Empire und Tilda Swinton, verbindet Wolf darin digitalen Hardcore mit großen Gesten und arbeitet so an einem Update des verschwenderisch-glamourösen Künstlermodells Marc Almond.

Major Lazer / Amanda Blank
Text: Florian Sievers
Diplo ist ein Weltreisender in Sachen Zeit- und Informationsvorsprung. Der Mann aus Philadelphia war bei entscheidenden Hiphop- und Baile-Funk Produktionen der letzten Jahre beteiligt und denkt Weltmusik-Traditionen mit moderner Basskultur zusammen. Entscheidenden Veröffentlichungen von M. I. A. und Santigold verpasste er das letzte Finish, jetzt verwirklichte er mit seinem Partner Switch ein Dancehall-Projekt mit dem Titel Major Lazer. Mit dabei und auf eigene Weise ehrgeizig: Amanda Blank, eine Rapperin und Mitstreiterin Diplos, die mit ihrem Debütalbum »I Love You« einen enormen Wurf hinlegt. Es war gar nicht so leicht, die beiden hyperaktiven Vielreisenden zu fassen zu bekommen. Im englischen Oxford klappte es schließlich.

Gossip
Text & Interview: Jan Kedves
Beth Ditto zog sich nackt aus und posierte für die Titelseiten des NME und der Zeitschriften-Neugründung Love. Das überraschte, denn unser Auge ist nicht konditioniert, dicke Menschen, und schon gar keine nackten, auf Magazin-Covern zu sehen. Nicht zuletzt an der Besetzung von in der Regel affirmativ genutzten Oberflächen manifestiert sich der Siegeszug der Gossip-Sängerin. Doch Beth Ditto geht einen Schritt weiter. Sie sieht in Pop ein perfektes Vehikel, um Issues wie Schlankheitswahn, Homophobie und Sexismus offensiv zu thematisieren. Anlässlich der Veröffentlichung des vierten Gossip-Albums »Music for Men« traf Jan Kedves die Band in München.

Spex-Gespräch: Jarvis Cocker
Interview: Tino Hanekamp
Seine Stimme war ausschlaggebend, um dem sterbenden Genre des Britpops im Abgang noch etwas Würde zu verleihen – etwa, als er 1996 Michael Jackson bei der Verleihung der Brit-Awards öffentlich düpierte. Mit seiner Band Pulp vermaß Jarvis Cocker in den späten Neunzigern äußerst differenziert das weite Terrain, das zwischen Künstlichkeit, Glamour und Selbstmitleid liegt. Seit seinem Debüt als Solokünstler im November 2006 erweiterte der Sänger und Dressman das Spektrum der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten: Er kuratierte das Meltdown Festival, bereiste die Arktis, und für das Interview Magazine führte Cocker zuletzt als Gastautor ein Gespräch mit der US-Künstlerin und Gesellschaftsmalerin Elizabeth Peyton.

DIE GROSSEN GESCHICHTEN:

Digitale Evolution (mit Cinema Bizarre / Strify, DJ/Rupture, Kode 9 & Terre Thaemlitz)
Interviews: Jan Kedves, Max Dax, Martin Hossbach
Was genau berührt uns, wenn wir einen mit Auto-Tune prozessierten Song hören? Welches System stützen wir, wenn wir bei der Anmeldung zu Kommunikationsvorgängen im Internet »Frau« oder »Mann« anklicken? Im sechsten Teil der Serie »Digitale Evolution« beschäftigt Spex sich wieder mit Fragen, die sich im Zuge der Computerisierung von Kunstproduktion und Alltag stellen. Wir haben Vertreter aus Pop, Akademie, Basskultur und Blogosphäre zu Interviews gebeten. Strify von Cinema Bizarre berichtet, wie er im Internet zu dem Charakter wurde, der er heute ist. DJ Rupture überlegt: Worin besteht eigentlich noch die Aufgabe des DJs? Kode 9 reflektiert das Leben als Laptop-Multitasker, der sich Freiheit erkauft, indem er den Glauben an Reichtum aufgibt. Terre Thaemlitz hingegen fragt: Lügt sich der Künstler, dessen Name Millionen von Google-Treffern erzielt, der seine Miete aber trotzdem schuldig bleibt, nicht selbst in die Tasche?

Quentin Tarantino
Texte: Tomasso Schultze, Ralf Krämer
Sollen doch andere die Goldene Palme gewinnen: Auf keinen Film wartete die versammelte Journalistenschar dieses Jahr in Cannes so gespannt wie auf »Inglourious Basterds«, Quentin Tarantinos euphorische Gewaltorgie gegen Adolf Hitler und die Nazis. Einen ›Triumph des Kinos‹ wollte der 46-jährige Regisseur inszenieren – und in der Tat johlten die Vichy-Gegner bei der Premiere des Zweieinhalb-Stunden-Films. Quentin Tarantino hat einen per Definition ›unkommerziellen‹ Film gedreht, der ganz und gar bemerkenswert ist und weit über sich selbst hinausweist: Die Frage nach dem Autoren wird gestellt, wenn der Autor nicht aus dem Leben, sondern aus den Filmen anderer erzählt. Und nicht nur er: Auch seine Protagonisten, ob Nazis oder Alliierte, diskutieren in »Inglourious Basterds« bevorzugt über Filme und über Hollywood.

Modestrecke: Meer kan niet, minder mag niet.
Produktion: Christoph Voy

Mode-Interview: Uslu Airlines
Interview: Jan Kedves
Ohne Make-up keine Mode. Feride Uslu ist eine der gefragtesten Visagistinnen Deutschlands, sie hat Björk für deren »Volta«-Cover geschminkt, und Peaches für ihr »More«-Video. Zudem arbeitet sie regelmäßig mit Designern wie Bernhard Willhelm oder Henrik Vibskov für deren avantgardistische Präsentationen zusammen. Am bekanntesten ist Uslu jedoch für ein Airbrush-Make-up-System, das sie gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Jan Mihm entwickelt hat und das in spacigem Design unter dem Labelnamen Uslu Airlines seit sechs Jahren in führenden Modeshops der Welt verkauft wird. Mögen sich die anderen ihre Gesichter doch weiter mit fetter Tubenschminke zuspachteln, das Geheimnis von Uslu Airlines ist der fließend gesprühte Übergang. In ihrem Loftbüro hoch über Berlin-Mitte sprechen Uslu und Mihm über die Kosmetik der Zukunft, Entwicklergeist, Pancake-Gesichter im HDTV, türkische Kopftücher und ihre allerneueste Geschäftsidee: Nagellack für DJs.

KUNST:

Le Corbusier
Text: Gunnar Klack
Le Corbusier (1887-1965) war Architekt, Möbeldesigner, Maler, Herausgeber und Lehrer. Als Beschwörer der Moderne erfand er den Beruf des Stararchitekten und inszenierte sich selbst geschickt und mit den Mitteln religiöser Verklärung als Prototyp dieser neuen Spezies. Eine Ausstellung im Berliner Gropius-Bau huldigt jetzt dem Mann, der sich selbst als ›Universalgenie‹ betrachtete. Eine Steilvorlage für den Architekten und Spex-Autoren Gunnar Klack, dieses Heldenbild atheistisch zu relativieren.

Marc Brandenburg
Interview: Max Dax & Jan Kedves
Nazi-Aufmärsche, Cruising im Tiergarten, Gaudi auf dem Rummel: Marc Brandenburg fixiert Strich für Strich, mit drei verschiedenen Sorten Bleistift, jene Momente, in denen beim Menschen zwischen Hysterie und Gewalt, zwischen Lebens- und Todestrieb kaum noch zu unterscheiden ist. Den Blick schärft er dabei mit seiner prägnanten Methode der Invertierung: Schwarz wird zu Weiß, Weiß wird zu Schwarz. Kotzlachen verwandeln sich in wunderbar abstrakte Formen.

Annette Kelm
Text: Kito Nedo
Cartier-Bresson beschwor den »entscheidenden Moment«, Gursky liefert sich Technik- und Materialschlachten. Und was macht Annette Kelm? Fotografiert »mit so wenig Aufwand wie möglich«. Die 1975 geborene Künstlerin stellt einfach jedes ihrer Fotos mit der gleichen Sorgfalt scharf – und hat damit großen Erfolg. Anlässlich ihrer aktuellen Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken und ihrer Nominierung für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst unternimmt Kito Nedo den Versuch, ihre merkwürdig regungslosen Bilder zu verstehen.

BUCH:

Jörg Fauser
Text: Peter Henning
Er schrieb die vielleicht besten Reportagen der achtziger Jahre und prägte ganze Generationen deutschsprachiger Autoren: Jörg Fauser, 1987 im Heroinrausch auf der Autobahn überfahrener Schriftsteller, Poet und Journalist, übertrug den Funken der Beat-Literatur der fünfziger Jahre auf den Schreibbetrieb der BRD und grundierte die eigene Sprache mit einer politischen Aufmerksamkeit, die bis heute selten erreicht ist. Der Autor Peter Henning, Bekannter Fausers in den Achtzigern, las sich durch »Gesammelte journalistische Arbeiten«, den endlich erschienenen Abschlussband der neunbändigen Werkausgabe.

Alexander Kluge & Joseph Vogl
Text: Thomas Hübener
Seit Beginn des Privatfernsehens führen Alexander Kluges Kulturmagazine zwischen Tittenparaden und Spielshows ein bizarres Schattendasein. Bei der Entwicklung des Interviews als Kunstform half oft der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl aus. Nun erscheinen die besten Gespräche.

Scott King
Text: Martin Hossbach
Als Art Director von i:D und Sleazenation trug Scott King seinen Anteil zur englischen Popkultur der Neunziger bei. Vor knapp zehn Jahren wechselte er das Metier und ist seitdem als Künstler tätig. Jetzt ist ein als Ratgeber getarntes pseudowissenschaftliches Künstlerbuch mit dem Titel »Anxiety & Depression« erschienen – in diesem thematisiert King mit schwarzem Humor und absurden Info-Grafiken die eigene Alkoholsucht.

FILM:

»Tsahal« von Claude Lanzmann
Text: Klaus Theweleit
Auf keinen Text bekamen wir so viel Resonanz wie auf unser langes Interview mit Claude Lanzmann (Foto) in Spex #313. Berühmt wurde der Regisseur, Herausgeber der Les Temps Modernes und langjährige Ehemann Simone de Beauvoirs 1985 mit seinem Film »Shoah« über die Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis. Dass es seit 1994 eine Art zweiten Teil gibt, wissen die Wenigsten: In »Tsahal« kommen jene zu Wort, die Israels Streitkräfte aufbauten. Entsprechend optimistisch und zuversichtlich ist der Tonfall, markiert doch die Existenz der Armee die Überwindung der historischen ›Opferrolle‹. Eine kritische Rezension von Kulturtheoretiker Klaus Theweleit.

Kateshi Kitano
Text: Andreas Banaski
»Beat« Takeshi Kitano machte in Japan erst eindrucksvoll Karriere als Komiker, bevor er 1989 mit 42 Jahren und dem Polizeifilm »Violent Cop« als Regisseur debütierte. Zwar wurde Kitano hierzulande 1997 mit seinem Film »Hana-bi« bekannt – seine drei lakonischen Filme über die Yakuza aber, neben »Violent Cop« auch »Boiling Point« von 1990 und »Sonatine« von 1993, sind es wert, wiederentdeckt zu werden. Neu aufpoliert und in bestmöglicher Bildqualität erscheinen die drei wichtigen japanischen Genrefi lme jetzt als DVD-Box.

Maren Ades »Alle Anderen«
Text: Aram Lintzel
Mit ihrem Film über eine nicht austarierte Beziehung, die im Italienurlaub auf ihre Substanz geprüft wird, gewann Regisseurin Maren Ade den Silbernen Bären. Jetzt kommt »Alle Anderen« ins Kino.

Bilder, die die Welt bewegten: »Der diskrete Charme der Bourgeoisie« von Luis Buñuel
Text: Robert Defcon
In der Rubrik »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir jede Ausgabe eine Filmszene vor – und den dazugehörigen Film. Vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk, dazu die Bilder als Sequenz. Diese Folge: In Luis Buñuels »Der diskrete Charme der Bourgeoisie« von 1972 versucht sich eine Gruppe von Angehörigen des Grossbürgertums vergeblich zum Abendessen zu verabreden.

KOLUMNEN & RUBRIKEN:

Bildschirmleuchten (DVD)
Zehn besondere Songs
Bessere Zeiten klingt gut
These Beats Are Legal
Direct Cuts
Odyshape
Don’t Cry – Work

TONTRÄGER:

Platten der Ausgabe: Little Boots’ »Hands« & LA Roux’ »La Roux«
Videos der Ausgabe: Rummelsnuffs »Nathalie«
Musik zur Zeit: Max Dax /// Niobe /// Klaus Theweleit

A-Trak /// Alasdair Roberts /// Au Revoir Simone /// autoKratz /// Berliner Ring /// Bria Valente /// Diamond Watch Wrist /// Dubblestandart, Lee »Scratch« Perry & Ari Up /// Eels /// Eminem /// Graham Coxon /// Lady Sovereign /// Marilyn Manson /// Martyn /// Masha Qrella /// Manic Street Preachers /// Mavado /// Patrick Watson /// Prefuse 73 /// Prince /// Richard Swift /// Savath & Savalas /// Scott Matthew /// Simone White /// Sonic Youth /// Tortoise /// Diverse: G-Spots / John Baker /// Open Ring

LIVE:
Kraftwerk, Autostadt, 26. April, Wolfsburg
Health in der Berghain Kantine, 3. Mai, Berlin
Electronic Beats Festival, E-Werk, 23. Mai 2009, Köln
Spex präsentiert

SONSTIGES:
Editorial /// Mitarbeiter der Ausgabe /// Leserbriefe /// Vor 28 Jahren

BEILAGE:
Spex-CD #85 (Cover-Pop-Up)
(Zusammenstellung: Martin Hossbach /// Gestaltung: Mario Koell)

Spex #321 – Die Juli-/August-Ausgabe ab dem 19. Juni 2009 am Kiosk.

Die nächste Ausgabe – Spex #322 – erscheint am 21. August 2009.