Spex #320: Die Evolution der New Wave findet in Versailles statt – Phoenix

Spex #320 (Titel Pop-Up), die Mai-/Juni-Ausgabe, 164 Seiten sowie der Spex-CD #84 mit 15 Titeln ist ab Freitag, den 17. April 2009 am Kiosk erhältlich. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte aus der neuen Ausgabe folgen in Kürze auf www.Spex.de und im Editorial.

MUSIK:

SunnTeaser
FOTO: © 2009 Norman Konrad / SPEX

Sunn 0)))
Text: Jens Balzer
Sie kleiden sich wie fachkompetente Foltermönche, doch die Gottheit, die sie anbeten, ist nicht irgendein Fantasieteufel, sondern einzig die teuflisch niederwerfende Kraft des elektrisch erzeugten Lärms selbst. Sunn 0))), jene von Greg Anderson und Stephen O’Malley betriebene Metal-Band, war schon immer in die unterschiedlichsten Richtungen anschlussfähig: Fricklertum, Neue Musik und Hippietheater. Mit »Monoliths & Dimensions« veröffentlichen sie jetzt ein neues Album.

La Roux
Text: Oskar Piegsa

Jeremy Jay
Text: Wibke Wetzker

DM Stith
Text: Oskar Piegsa
Für seine Familie ist er das schwarze Schaf im Stammbaum, einer Teufelsaustreibung entkam er nur um Haaresbreite, heute gilt er als einer der neuen Folkstars am US-Himmel: Herr, lass es Hipness regnen!

PJ Harvey & John Parish
Text: Kirsten Riesselmann
Vom Heute ins Gestern, von großer Aggression in die Stille der Abgeklärtheit: Auf ihrem neuen, gemeinsam mit ihrem langjährigen Musikpartner John Parish aufgenommenen Album »A Woman a Man Walked By« – Platte der Ausgabe in der letzten Spex – klingt PJ Harvey in Momenten wie eine Greisin, dann wieder wie eine Rachegöttin. Offenheit ist hier Programm. Doch wie offen ist diese Sängerin, die nur ungern über ihre eigene Arbeit und Musik reden mag, wenn man ihr gegenüber sitzt? Ein Besuch in Somerset, bei einer stirnrunzelnden Polly Jean Harvey.

Kevin Blechdom
Text: Wike Wetzker
Eine Musikerin gibt sich einen Männernamen, nennt ihr neues Album »Gentlemania« und lässt die derbsten Schoten von einem Pieps überblenden. Der Rechner bleibt aus, der Vorhang öffnet sich für den bombastischen Off-Broadway-Pop von Kevin Blechdom.

Xrabit & Dmg$
Text: Jonathan Fischer
»Be your own cool!«, fordern sie und gehen selbst mit gutem Beispiel voran: Zwei Hinterwald-Rapper und ein Freizeit-Beatmischer basteln auf der Achse Texas–London aus Sci-Fi-Beats und Klingeltönen fluffigen Eklektik-Hiphop – nachzuhören auf ihrem Debüt »Hello World«.

PeachesTeaser
FOTO: © 2009 Yves Borgwardt / SPEX

Peaches
Interview: Maurice Summen
Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie den Geist von Andy Warhol, und wenn sie an die Krise denkt, kriegt sie gute Laune: Merril Nisker alias Peaches kombiniert auf ihrem vierten Album »I Feel Cream« dampfige Soul-Einlagen mit strategisch angebratztem Clubsound. Kein Wunder: Sie hat es von versierten Vertretern der Disco-Hooligan-Liga wie Soulwax, Simian Mobile Disco und Digitalism dick aufmischen lassen.

Vorspiel für: Michael Nyman
Interview und Musikauswahl: Martin Hossbach
Der englische Komponist Michael Nyman wurde bekannt als musikalischer Ausstatter der Filme Peter Greenaways, darunter »Der Kontrakt des Zeichners« und »Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber«. Die Welt kennt seine Musik vor allem aus dem Soundtrack zu Jane Campions »Das Piano«, der sich drei Millionen Mal verkaufte und Nyman eine Oscar Nominierung einbrachte. Als Musikkritiker prägte er nachweislich den Begriff ›Minimal Music‹ für die Musik von Steve Reich und Philip Glass. Das Spex-Vorspiel findet frühmorgens in einem noblen Berliner Hotel statt. Der bestellte CD-Player ist nicht aufzufinden, was den 65-Jährigen aber nicht stört – er schließt die Balkontür und schiebt die CD in seinen mit mickrigen Lautsprechern ausgestatteten Laptop.

Spex-Gespräch: Phantom Ghost
Interview: Max Dax und Jan Kedves
Als Sänger von Tocotronic dachte sich Dirk von Lowtzow zuletzt tief hinein in die Wonnen der Kapitulation, des lustvollen Sich-Ergebens. Bei dem neuen Phantom-Ghost Album stehen die Signale nun gleichfalls auf Scheitern, jedoch im theatralischen Sinne: »Thrown Out of Drama School«, so der Titel, enthält den unterhaltsamen Klavierauszug eines beschwingten Musicals voll überzogener Gesten und kalkulierter Blamagen. Mit Kompagnon Thies Mynther am Klimperflügel und einer Seemannsmütze auf dem Kopf, steuert Käpt’n von Lowtzow durch die Themenkomplexe Appropriation, Scharlatanerie und Hochstaplerei. »Phantom Ghost muss grundsätzlich auch ein bisschen Schmierenkomödie sein«, sagen die beiden Musiker. Ein Gespräch über Zauberhütchen, Hape Kerkeling, das »Buffy«-Musical – und natürlich Yves Saint Laurent.

DIE GROSSEN GESCHICHTEN:

PhoenixTeaser
FOTO: © 2009 Yves Borgwardt / SPEX

Phoenix
Text: Harald Peters
Die Evolution der New Wave findet in Versailles statt, ausgerechnet, an dem Ort, wo der Glanz des Sonnenkönigs ewig strahlt und ›Rock‹ sonst eher ›Barock‹ meint: Phoenix, die fantastischen Franzosen um Thomas Mars, präsentieren mit »Wolfgang Amadeus Phoenix« ein neues Album, das nicht nur einen pompösen Titel trägt, der ausgeschrieben toll aussieht, sondern das mit musikalischer Dichte begeistert, in der jeder Vokal exakt auf seinen Akkord und zum nächsten Tusch passt. Spex-Autor Harald Peters flog nach Paris, um eine gutgelaunte Band zu treffen und über Bomben, Bonbons und, ach, die wohlduftenden Madeleines zu plaudern.

Grizzly Bear
Text und Interview: Wibke Wetzker
In touch with the modern world: Auf ihrem exzellenten neuen Album »Veckatimest« zelebrieren Grizzly Bear hymnischen Harmoniegesang und fokussierte Rock-Rhythmik. Wibke Wetzker reiste ins schneebedeckte Brooklyn, um live zu erleben, wie die Band Ende Februar im Howard Gilman Opera House zweitausend Menschen zu stehenden Ovationen hinriss.

Das System Bob Dylan
Texte: Max Dax, Peter Kemper, Diedrich Diederichsen, Klaus Theweleit, Johanna Dombois, Richard Klein, Greil Marcus, Heinrich Detering
Seit die Plattenfirma Columbia eine neue Platte Bob Dylans für Ende April ankündigte, erlebte der Spekulationswahn im Internet bisher ungekannte Ausmaße. Über keinen Musiker kursieren so viele Halbwahrheiten und Verklärungen wie über den 1941 in Duluth, Minnesota, geborenen Sänger – und täglich werden neue Fährten gelegt. Es ist an der Zeit, die wichtigsten Koordinaten des Systems Dylan aus heutiger Sicht zu analysieren. Sieben Autoren, unter ihnen Greil Marcus, Diedrich Diederichsen und Klaus Theweleit, beschreiben in sieben voneinander unabhängigen Einzeltexten, die sich aber auch als dramaturgischer Bogen lesen lassen, wie Bob Dylan in den Sechzigern zum Inbegriff des Cool und in den Achtzigern zur Karikatur seiner selbst wurde. Erst als er Anfang der Neunziger mit der Aneignung obskurster amerikanischer Folksongs seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zog, legte der heute 67-Jährige den Grundstein für ein grandioses Comeback. Die Artikel streifen Themen, die in Spex seit langem genau beobachtet werden: Digitale Evolution, Imaging, Rezeptionsmodelle, die Poesie des alten, unheimlichen Amerika, die Gestaltungskraft semifiktionaler Biografien und schließlich das neue Album des Sängers.

Modestrecke: Dance Hall at Louse Point
Produktion: Christoph Voy

NickKnightTeaser
FOTO: © 2009 Ruth Hogben

Mode-Interview: Nick Knight
Interview: Jan Kedves
Berühmt wurde er als der Modefotograf, der zwar keinen Look hat, aber eine »unverwechsel bare Haltung zum Sehen« – so jedenfalls schrieb es ein Kritiker. Tatsächlich hat Nick Knight Stars wie Leigh Bowery oder Björk mit derselben Sensibilität und Begeisterung für das Repertoire der Postproduktion in Szene gesetzt wie Werbekampagnen für Yohji Yamamoto oder Jil Sander. In diesem Frühjahr wird Knights lange vergriffene, in violetten Samt eingeschlagene Retrospektive »Nicknight« aus dem Jahr 1994 neu aufgelegt. Derweil experimentiert der 50-jährige Visionär, der mit seiner Familie im Örtchen Petersham vor London in einem vom Star-Architekten David Chipperfield für ihn entworfenen Glashaus lebt, mit seinem neuesten Tool: einem 3D-Scanner. Außerdem erfreut er sich an der Klickrate seiner vor neun Jahren gelaunchten Mode-Website SHOWstudio.com, auf der er das Video als Zukunftsmedium der Modebranche propagiert.

KUNST:

FischerspoonerTeaser

Fischerspooner
Interview: Philipp Ekardt und Jan Kedves
In Krisenzeiten verabschieden sich Fischerspooner von der Üppigkeit: keine Millionenvorschüsse einer implodierten Plattenindustrie mehr, aber auch keine neuromantischen Bildexzesse, ebenso kein appropriierter Bombast-Rock-Sound. Stattdessen schalten Casey Spooner und Warren Fischer auf den Anfangsgedanken ihres gemeinsamen Projekts zurück und gehen in die Performance-Offensive – mit Unterstützung der New Yorker Wooster Group, mitsamt Kopfbedeckungen, die wie Weltraumstationen aussehen, und KoÅNrperfortsatzkostümen, die vom Bekleidungsdiscounter Target inspiriert sind. Ein Gespräch mit Casey Spooner über das neue Fischerspooner-Album »Entertainment«, über die Arbeit in Musik- und Kunstindustrie, und wie man mit deren Unvereinbarkeit umgeht.

Steve McQueen
Interview: Max Dax und Thomas Schönberger
Mit seinem Film »Hunger« über den Hungerstreik der IRA-Gefangenen von 1981 wurde der englische Künstler Steve McQueen im letzten Jahr in Cannes mit der Caméra d’Or für das beste Regie-Debüt ausgezeichnet. Aber handelt es sich wirklich um einen Spielfilm? Oder ist es doch ein Kunstwerk? Bekannt wurde der 1969 geborene Videokünstler und Turner-Preisträger mit einer gespenstischen Arbeit über gefallene britische Soldaten im Irakfeldzug. In seinen politisch aufgeladenen Arbeiten verschwimmen Genre- und Materialgrenzen. So kämpft McQueen dafür, dass die Bilder der toten Soldaten als Briefmarken der Royal Post ›veröffentlicht‹ werden. Auch dies ein gespenstisches Werk.

Sven Marquardt
Text: Kito Nedo
Exemplarisch lässt sich an der Verweigerungskarriere des Fotografen Sven Marquardt eine stolze ostdeutsche Selbstbehauptungsposition lesen, die beweist: Wo ein Wille ist, ist auch eine Tür.

Gunter Reski
Text: Thomas Schönberger
Eine Wand anstelle einer Leinwand zu bemalen, ist auch heute noch ein probates Mittel, um im Kunstbetrieb für etwas Verwirrung zu sorgen. Das weiß auch Gunter Reski, der in den Fußstapfen Kippenbergers wildert.

BUCH:

Rocko Schamoni
Interview: Christoph Twickel

Am 23. April hat der von Lars Jessen nach dem gleichnamigen Erfolgsroman von Rocko Schamoni gedrehte Film »Dorfpunks« Premiere. Eine multiple Karriere vom Sänger zum Wirt zum Quatschmacher zum Bestseller-Autor kommt zum Vorschein. Offenbar mühelos brilliert Schamoni dabei auf allen Parketts. Der 42-Jährige ist ein Meister (fast) aller Disziplinen.

75 Jahre Donald Duck
Text: Klaus Theweleit
Er war nicht der erste Superstar des jungen Cartoon-Formats, aber er war der erste, der einen Superstar zu Fall brachte: Neben dem cholerisch-selbstgerechten Donald Duck hatte die biedere Mickey Mouse nichts mehr zu melden. Spät, aber nicht zu spät entsinnt sich jetzt Rechteinhaber Disney daran, dass es ein Publikum gibt, welches die Kurzfilme mit Donald Duck in der Hauptrolle nie bloß als Kinderunterhaltung abgetan hat. Kulturtheoretiker Klaus Theweleit schreibt in dieser Spex über die DVD-Serie »Donald im Wandel der Zeit«, deren dritter Teil nun erscheint.

Tom McCarthy
Text: Thomas Hübener
Er sei der neue Kafka, jubelte die internationale Kritik lautstark – tatsächlich gilt es, einige Anmerkungen zu Tom McCarthys Debütroman »81/2 Millionen« anzubringen.

FILM:

The Avengers
Text: Sebastian Hammelehle
Auf diesen Moment haben wir gewartet: Die entscheidenden 26 Folgen der »Avengers« – hierzulande lief die TV-Serie unter dem Titel »Mit Schirm, Charme und Melone« – erscheinen endlich auf DVD. Mit sexuell aufgeladenem Unterton, anarchistischem Humor und einem unbedingten Glauben an die Erneuerungskraft der Moderne, definierten »Karate« Emma Peel und ihr stets korrekt gekleideter Mitstreiter John Steed die Möglichkeiten des Fernsehens neu. Eine Hommage an eine TV-Legende.

Mumblecore
Text: Miriam Dagan
Twens im Kuschelbett der Quarterlifekrise: Mumblecore nennt sich das neue Low-Budget-Genre des US-Kinos. In ebenso dialogreichen wie inhaltsarmen Underground-Filmen beweisen Regisseure wie Andrew Bujalski oder Joe Swanberg feines Gespür für die dysfunktionale Kommunikations kultur unserer Zeit und die Regungen und Verwirrungen einer Generation ohne Ziele. Und doch werden dem gelangweilten Herumhängen als conditio americana unerwartete Qualitäten abgewonnen.

13 Tzameti
Text: Ralf Krämer
In seinem bravourösen Regiedebüt »13 Tza meti« imaginiert der georgisch-französische Regisseur Géla Babluani den Kampf der Klassen in seiner brutalstmöglichen Zuspitzung als organisiertes russisches Roulette. Der Wert des Lebens wird als letztes Kapital der Besitzlosen zum Spekulationsobjekt eines unheimlichen Marktes.

Bilder, die die Welt bewegten: »The Wicker Man« von Robin Hardy (1973)
Text: Thomas Hübener
In der Rubrik »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir jede Ausgabe eine Filmszene vor – und den dazugehörigen Film. Vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk, dazu die Bilder als Sequenz. Diese Folge: Sergeant Howie hat sich, verborgen hinter einer Narrenmaske, unter die Teilnehmer einer Mai-Prozession gemischt. Deren Ziel ist ein Menschenopfer.

KOLUMNEN & RUBRIKEN:

Bildschirmleuchten (DVD)
Zehn besondere Songs
Bessere Zeiten klingt gut
These Beats Are Legal
Direct Cuts
Odyshape
Don’t Cry – Work

REZENSIONEN:

RezensionenTeaser

Platte der Ausgabe: Hells »Teufelswerk«
Videos der Ausgabe: Chairlifts »Evident Utensil« und Kanye Wests »Welcome to Heartbreak«
Gelungene Verpackung: die limitierte 12-Inch »You Tend to Forget« von The Embassy
Musik zur Zeit: Jan Kedves /// Kevin Blechdom /// Paul Smith

Bat For Lashes /// Bill Callahan /// Black Lips /// Depeche Mode /// Dietmar Dath & Kammerflimmer Kollektief /// DOOM /// Elvis Perkins /// Extra Golden /// The Juan MacLean /// Junior Boys /// Maxïmo Park /// Micachu /// Michael J. Sheehy & The Hired Moaners /// Miss Kittin & The Hacker /// Mocky /// Moderat /// Mulatu Astake & The Heliocentrics /// Peter, Bjorn And John /// Peter Doherty /// Raphael Saadiq /// The Thermals /// Tiga /// U2 /// Yeah Yeah Yeahs

LIVE:
Party like it’s 1989: Dr. Motte, Mijk van Dijk, Tanith u. a., Haus der Kulturen der Welt, 21. Februar, Berlin
MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik, 20.-29. März, Berlin
Grace Jones im Tempodrom, 17. März, Berlin
Spex präsentiert

SONSTIGES:
Editorial /// Mitarbeiter der Ausgabe /// Leserbriefe /// Vor 14 Jahren

BEILAGE:
Spex-CD #84 (Cover-Pop-Up)
(Zusammenstellung: Martin Hossbach /// Foto: Mario Koell)


Spex #320 – Die Mai-/Juni-Ausgabe ab dem 17. April 2009 am Kiosk.

Die nächste Ausgabe – Spex #321 – erscheint am 19. Juni 2009.