Spex #318: Das Wunder von New York – Antony And The Johnsons – Jahresrückblick 2008

Spex #318 (Titel Pop-Up), die Januar/Februar-Ausgabe mit 164 Seiten sowie der Spex CD #82 mit 15 Titeln ist seit Freitag, den 19. Dezember 2008 am Kiosk erhältlich. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte aus der neuen Ausgabe in Kürze auf spex.de und im Editorial.

MUSIK:

SchwefelgelbTeaser
FOTO: © 2008 Yves Borgwardt / SPEX

Schwefelgelb
Text: Ulrich Gutmair
Ein gefühltes Jahrzehnt nach dem Beginn des Achtziger-Revivals ist es zum Glück noch nicht vorbei. Das Duo Schwefelgelb aus dem Nichts der Nordeifel verschneidet die Spargelspitzen der Neuen Deutschen Welle und Elemente von Italo-Disco zu einem satten Kraftmahl. Palais Schaumburg, Deutsch Amerikanische Freundschaft und selbst die ungeliebten Ideal fi nden sich im halsbrecherischen Sound ihres Debütalbums »Alt und neu«. Zu keinem Zeitpunkt ist die Band dabei bloßes Plagiat: Die beiden Protagonisten Sid und Eddy bereichern die Trümmer- und Aufbauromantik der NDW um eine moderne Zweifelsbejahung.

Little Boots
Text: Stephan Herczeg
Ihre Girlband war ein echter Flop. Doch seit Victoria Hesketh von Hot Chip produziert wird und das futuristische Tenori-on spielt, ist der Hype um Little Boots groß.

Palms
Text: Thomas Hübener
Auferstanden aus Ruinen: die Romantik. Das verstörend-betörende Debüt einer interkontinentalen Freundschaft wirft ein differenziertes Licht auf dunklen Goth.

FridaHyvönenTeaser
FOTO: © 2008 Markus Feger / SPEX

Frida Hyvönen
Text: Wibke Wetzker
Für eine Musikerin ist es eine Herausforderung, Theatralik ohne Koketterie zur Schau zu stellen. Der Schwedin Hyvönen gelingt dieser Streich mit emotionsgeladenem Piano-Pop, selbstironischer Brechung und einer Persönlichkeit, die nicht vorrangig als weiblich zu definieren wäre.

Coloma
Text: Carmen Böer
Von ABC über Prefab Sprout bis Cole Porter reichen die sprudelnden Quellen der Inspiration, aus denen das Duo Coloma aus Köln/Berlin schöpft, um auf seinem vierten Album die Geschichte einer prototypischen Liebe als Zyklus zu erzählen: von der Ekstase bis zum bitteren Ende.

TerryLynnTeaser
FOTO: © 2008 Afflicted Yard

Terry Lynn
Text: Tim Stüttgen
Sie ist die größte jamaikanische Sensation seit Lady Saw: Beherrscherin der Styles, politisch aufgeladene Songwriterin, touched by the hand of God. Wobei Gott hier im weltlichen Sinne gemeint ist: Ihre Riddims stammen von Phred, einem der großen Electro-Eklektiker dieser Tage.

Franz Ferdinand
Text und Interview: Harald Peters
Flip your cigarette, then kiss me: Auf ihrem neuen, dritten Album »Tonight« beschreibt das Glasgower Quartett die lange Geschichte eines superfantastisch-zutodebetrübten Abends. Für Franz Ferdinand ist das fl irtend-virtuose Spiel mit der nokturnen Verführung junger Damen Kernelement fast all ihrer neuen Songs. Überraschend vielseitig zeigt sich die Band in der Wahl ihrer musikalischen Bandagen: Blubberbässe, Disco-Synkopen, militärisch-stakkatohafte E-Gitarren und der wie gewohnt schnöselhaft-blasierte Gesang von Alex Kapranos prägen die zwölf neuen Würfe Franz Ferdinands. Eins wird schnell klar: Die Begründer der New New Wave suchen nach neuen Ufern – in einem dunklen Haus ohne Tageslicht.

TerryLynnTeaser
FOTO: © 2008 Markus Feger / SPEX

Vorspiel für Miland »Mille« Petrozza
Interview: Martin Hossbach
Musikauswahl: Martin Hossbach und Christoph Thiede
Mille Petrozza, 39, ist der Sänger von Kreator, der international erfolgreichsten deutschen Thrash-Metal-Band. Anders als sonst in diesem Genre üblich, riskierte Petrozza den Bruch mit der Tradition und suchte für das neue Kreator-Album »Hordes of Chaos« die Zusammenarbeit mit Moses Schneider – jenem Produzenten, der zuletzt für Tocotronics »Kapitulation« verantwortlich zeichnete. Das Vorspiel findet in der Küche von Petrozzas Altbauwohnung in Essen statt, im Hintergrund surrt leise die Geschirrspülmaschine.

Spex-Gespräch: Moritz von Oswald
Interview: Max Dax
Gemeinsam mit seinem Künstlerfreund Carl Craig veröffentlichte die Produzentenlegende Moritz von Oswald diesen Herbst das medienübergreifend hochgelobte Album »ReComposed«. Auf diesem Experimentalwerk rekomponierten die beiden eine Reihe von Karajan-Aufnahmen um Ravels »Bolero« zu einem neuartigen, faszinierenden Hybriden. Keine unproblematische Vorgehensweise: Die meisten Versuche, Klassik einem jungen Publikum schmackhaft zu machen, scheiterten stets an der Selbstüberschätzung, unnötigem Pathos und der Eitelkeit der Beteiligten – etwa wenn prominente DJs Werke remixten oder Konzerte in Techno-Clubs, abseits der üblichen Konzerthallen stattfanden. In einem seiner seltenen Interviews spricht von Oswald, 49, über Detroit, seine Begegnung mit von Karajan und die Geschichte hinter der dritten Ausgabe der »ReComposed«-Reihe. Überraschend hat sich das Album zu einem weltweiten Überraschungserfolg entwickelt.

DIE GROSSEN GESCHICHTEN:

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FOTO & / TITELBILD: © 2008 Wolfgang Tillmans / SPEX

Antony And The Johnsons
Text und Interview: Jens Balzer
Die Schönheit der Natur und ihr unaufhaltsames Verschwinden; das Wunder des Sonnenlichts und die Schrecken der Nacht; die kommende Apokalypse und die Erlösung durch Jesus, der in seiner nächsten Inkarnation als Mädchen zu uns zurückkehren wird: Das sind die Themen von »The Crying Light«, der neuen Platte von Antony And The Johnsons. Jens Balzer traf Antony Hegarty zum Interview in Hamburg, Wolfgang Tillmans fotografierte ihn für Spex in London.

DigitaleEvolutionTeaser
FOTO: © 2008 Oliver Schultz-Berndt / SPEX

Digitale Evolution
Protokolle und Interviews: Jan Kedves / Martin Hossbach / Max Dax
Das Urheberrecht in den Zeiten seiner digitalen Kopierbarkeit stellt eine Herausforderung dar – für die Gesellschaft, für die verwertende Industrie und natürlich für den Künstler selbst. Wenn kein Geld mehr fließt beim Erwerb digital produzierter Kunst, Musik und Filme – wie sollen dann die Künstler überleben? Welche Kunst kann entstehen, wenn das Urheberrecht vom Künstler ignoriert wird? Ist es an der Zeit für eine Arte povera? Zu Wort kommen die südafrikanische Videokünstlerin Candice Breitz, Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, sowie in einem Doppelinterview: Electronica-Musiker Ekkehard Ehlers und Musikwissenschaftler und Spex-Autor Björn Gottstein, die im kommenden Februar gemeinsam den Kongress »Audio Poverty« in Berlin kuratieren.

Modestrecke
The Countryside Bohemians

Mode-Interview: The Sartorialist
Interview: Jan Kedves
Street-Style-Blogs dokumentieren von neuesten Neon-Sneakers über die Streifendicke von Holzfällerkaros alles Erden kliche, selten jedoch individuellen Stil. Wie sich im Internet der Blick auf Mode nicht nur beschleunigen und vertrashen, sondern auch intensivieren lässt, führt Scott Schuman seit drei Jahren mit seinem Blog The Sartorialist vor. Die Passantenporträts, die er mit unbeirrbarem Blick für Schnitte und Kombinationen auf den Straßen von New York, Paris und Mailand fotografiert, gelten längst als Referenzmaterial für Designer und Moderedaktionen. An einem Herbstmorgen in Manhattan nimmt sich der 40-jährige Fotograf, der einen Showroom betrieb, bevor er sich zum gefeierten Stilexperten bloggte, Zeit, um am Handy über aufdringliche Fashionista, lässig übergeworfene Jacketts und die modische Evolution Kanye Wests zu sprechen.

Jahresrückblick2008Teaser
GESTALTUNG: © 2008 Mario Koell / Patrick Klose / SPEX

Jahresrückblick 2008
Ein Jahresrückblick, wie er vielerorts von den Medien zum Gänsehaut ereignis stilisiert wird, beschäftigt sich vor allem mit Dramen und Sensationen, Katastrophen und Todesfällen, prominenten Trennungen, königlichen Hochzeiten, mehr oder weniger sportlichen Schlachten um Pokale und Medaillen und dem Schicksal des neusten Gewinners bei DSDS. Alles dreht sich um »Menschen, Bilder, Emotionen« und was spielt es da für eine Rolle, das 2008 auch das Jahr der Kartoffel, der Geisteswissenschaften und nach Auffassung der EU-Verteidigungs agentur das Jahr der Rüstung war. Spex blickt zurück auf die Nischen, die Risse und das große Ganze im Zeitgefüge 2008, widmet sich Sydney Pollack genauso wie der Gefühlslawine, die am Abend der gewonnenen US-Wahl losbrach, beobachtet die Neudefinition von Werten zwischen Finanzkrise und Kunstmarkt, beweint das EM-Finale ein bisschen mit ›unserer Elf‹ und tanzt auf dem Grab des Trägermediums Buch. Schließlich: Das Musikjahr 2008, wie es Leser, Autoren und Redakteure der Spex erlebten.

FILM:

Wenn das Private der Feind ist
»Milk«, »Paranoid Park« und »Mala Noche« von Gus Van Sant
Text: Ralf Krämer
Drei Filme, drei Erzählweisen, ein Regisseur: Der unermüdliche Gus Van Sant beweist Konsequenz in der individuellen Gestaltung eines jeden seiner Werke. Das 2007 in Cannes ausgezeichnete Teen-Drama »Paranoid Park« und »Mala Noche«, ein früher Film des New Queer Cinema aus dem Jahre 1985, sind gerade auf DVD erschienen. Jetzt kommt Mitte Februar »Milk«, das Biopic über den 1978 erschossenen schwulen Aktivisten Harvey Milk ins Kino – rechtzeitig zur Oscar-Verleihung.

Eine Blume im Wind oder eine Kreuzung in Manhattan
Jonas Mekas
Interview: Max Dax
Das Individuum und seine ganz persönliche Utopie – der 1922 in Litauen geborene Jonas Mekas schrieb Gedichte und mit »I Had Nowhere to Go« ein vielbeachtetes Tagebuch, bevor er Anfang der Fünfziger im Umkreis der Factory zum Avantgarde-Filmer aufstieg. In seinen Arbeiten manifestiert er einen subjektiven Blick auf das Weltgeschehen – statt an dem Versuch zu scheitern, den Lauf der Dinge abstrahieren zu wollen. Derzeit würdigt das Museum Ludwig in Köln Mekas’ Lebenswerk.

Wilde Herzen in Schweinfurt
»Lulu & Jimi« von Oskar Roehler
Text: Ralf Krämer
Der Regisseur Oskar Roehler verneigt sich vor David Lynchs »Wild at Heart« und fügt Motive aus »Far from Heaven« von Todd Haynes hinzu. »Lulu & Jimi« erzählt die Geschichte eines Vorbebens der 68er-Revolte, ein groteskes Romantikmärchen aus der geistig und emotional verseuchten BRD der Wirtschaftswunderzeit.

Aznavour bis zum Oink
Bilder, die die Welt bewegten: »The Muppet Show« von Jim Henson und Frank Oz (1976)
Text: Ralf Krämer
In der Rubrik »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir jede Ausgabe eine Filmszene vor – und den dazugehörigen Film. Vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk, dazu die Bilder als Sequenz. Diese Folge: Dank der Ambiguität verbaler Kommunikation verfällt Miss Piggy dem Sänger Charles Aznavour.


BÜCHER:

Das Kino, oder: Die Beste aller Welten
Frieda Grafe
Text: Klaus Theweleit
Ein kleines Wunder ist geschehen: Ein Verlag in Deutschland hat eine große Ausgabe mit Texten einer Frau, die ihr Leben damit zubrachte, über Filme zu schreiben, in diesem Herbst zu Ende gebracht. »Frieda Grafe. Ausgewählte Schriften in 12 Bänden«. Filmbücher in Deutschland haben es schwer; wenn sie gehen, dann als Coffee-Table-Schinken. Hier nun ein Angebot: die Chance für Leser und Käufer, etwas daran zu ändern.

Wissenswertes über den Generalbass
Frieder Butzmann
Text: Thomas Hübener
Der Musiker, Komponist, Hörspielautor und ehemalige ›Geniale Dilletant‹ Frieder Butzmann, der 1981 mit Hilfe des Throbbing-Gristle-Notorikers Genesis P. Orridge das Industrial-Album »Vertrauensmann des Volkes« aufgenommen hat, veröffentlicht jetzt mit »Musik im Großen und Ganzen« ein anarchisches, Kalauer mit Wissenschaft verbindendes Musiklexikon.

KUNST:

NOHSuntagTeaser
FOTO: © 2008 NOH Suntag / Hatje Cantz

Das Ich als Pixel im Bildschirm der Macht
NOH Suntag
Text: Thomas Hübener
Ein »State of Emergency«, ein Ausnahmezustand, herrscht nach Ansicht des 1971 in Seoul geborenen Künstlers NOH Suntag im kommunistischen Norden wie im postdiktatorischen kapitalistischen Süden Koreas. Der Südkoreaner hat sich in seinem gleichnamigen fotografischen Werk der Dokumentation des nicht alltäglichen Alltags der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geteilten und doch vielfach ineinander verklammerten ideologiefixierten Staaten verschrieben. Nun ist ein Bildband zu seiner ersten außerasiatischen Einzelausstellung erschienen.

Entspannt in den Konjunkturen der Sympathie
Jutta Koether
Interview: Max Dax und Martin Hossbach
Mohamed Bourouissa, algerischstämmiger Absolvent der renommierten Pariser École des Arts Décoratifs, gehört zu den Shootingstars einer neuen Generation fotografisch arbeitender Künstler in Frankreich. Sein neuer Zyklus »Périphérique« widmet sich den Riten und Gebräuchen auf den Straßen der Banlieue. Bourouissa stilisiert in seinen großformatigen Arbeiten gewalttätige Körpersprache in artifiziellen Bildern, die in ihrer Mehrschichtigkeit viel weiter gehen als die Gewalt-Kicks von Justice – und in ihrer inszenatorischen Perfektion zugleich an die Ausdruckskraft David Lynchs oder Gregory Crewdsons erinnern.

Im Nichts muss nichts bewacht werden
Alvin Baltrop
Text: Thomas Schönberger
Die New Yorker West Side Piers waren zu Beginn der siebziger Jahre eine Parallelwelt aus Sex, Drogen und Gewalt. Auch neue Formen der Hochkunst und Subkultur trafen hier aufeinander. Der erst jetzt entdeckte Fotograf Alvin Baltrop war der obsessive Chronist jener Zeit.

KOLUMNEN & RUBRIKEN:

Bildschirmleuchten (DVD)
Wichtige Musikvideos: Beyoncés »Single Ladies (Put a Ring on It)«
Zehn besondere Songs
Bessere Zeiten klingt gut
These Beats Are Legal
Direct Cuts
Odyshape
Don’t Cry – Work.

TONTRÄGER:

RezensionenTeaser

Platte der Ausgabe: Morrissey
Gelungene Verpackung: Treader Records & Alexis Taylor
Erste Worte: Nico Seyfrid spricht über das gerade im Entstehen begriffene neue Album von K.I.Z.
Musik zur Zeit: Friedrich Kittler /// Mario Andreoni (!!!) /// Martin Hossbach

AC/DC /// The Aliens /// Angil + Hiddentracks /// Arthur Russell /// Beyoncé /// Britneys Spears /// Busy Signyl /// Chairlift /// Chloé /// The Cure /// Deerhoof /// Dir En Grey /// Eagles Of Death Metal /// Efdemin /// El Guincho /// Fennesz /// Future Islands /// Glasvegas /// Guns N’ Roses /// Kanye West /// The Killers /// Matt Elliott /// Megapuss /// Mr. Oizo /// Parts & Labor /// P!nk /// Starkey /// Susanna /// The Welcome Wagon /// Ursula Bogner

LIVE:

!!!, Festsaal Kreuzberg, 16. November, Berlin
Plattenspieler mit Thomas Meinecke, Meliassa Logan & Peaches, HAU 2 / Hebbel am Ufer, 08. November, Berlin
Kanye West »Glow in the Dark«, Arena, 19. November, Oberhausen
Beck’s Gold Ruhrnächte, Präsentationen

SONSTIGES:

Editorial /// Mitarbeiter der Ausgabe /// Leserbriefe

BEILAGE:

Spex-CD #82 (Cover Pop-Up) (Zusammenstellung: Martin Hossbach /// Illustration: Patrick Klose)

Spex #318 – Die Januar/Februar-Ausgabe ab dem 19. Dezember 2008 am Kiosk.

Die nächste Ausgabe – Spex #319 – erscheint am 20. Februar 2009.