Spex #317: TV On The Radio – Die Musik der Zukunft hat keine Hautfarbe

Spex #317 (Titel Pop-Up), die November/Dezember-Ausgabe mit 164 Seiten sowie mit der Spex CD #81 mit zwanzig Titeln ist ab Freitag, 24. Oktober 2008 am Kiosk erhältlich. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte aus der kommenden Ausgabe in Kürze auf spex.de und im Editorial.

Bis zum 10. November, 12 Uhr, läuft außerdem der Spex-Leserpoll 2008. Die Ergebnisse werden in der Januar/Februar-Ausgabe – Spex #318, ab dem 19. Dezember erhältlich – abgebildet.

MAGAZIN

JuanaMolinaTeaser
FOTO: © 2008 Myriam Lutz / SPEX

Juana Molina
Text: Carmen Böker
Musik machen und sonst gar nichts: Juana Molina war früher erfolgreiche Komödiantin und spielte zur Freude des halben fernsehschauenden Lateinamerikas in Sketchen die tumbe Bäuerin, den durchtriebenen Teenager und das blonde Gift. Glücklich wurde die Argentinierin damit nicht. Vor der völligen Selbstzerfleischung verlegte sie sich aufs Songwriting, aufs Singen und auf freischwebendes Balancieren mit Akustikgitarre, Klanghölzern und Loops. Auf ihrem wunderbaren neuen Album »Un Día« entdeckt sie die Poesie der Abstraktion – und eine angenehme Wurstigkeit.

Simon Bookish
Text: Kirsten Riesselmann
Wieder nur Horrornews auf allen Kanälen? Auf seinem neuen Album »Everything / Everything« gibt der britische Komponist Simon Bookish jeder Reaktion des überforderten Homo medialis das passende Genre: Postpunk für Weltuntergangsvorfreude, New Wave für Zynismus.

Dinky
Text: Ulrich Gutmair
Auf den Kompressionsterror verzichten, trotzdem die Massen bewegen: Die Technoproduzentin Dinky, geboren in Chile, ausgewandert nach Berlin, offenbart mit ihrem neuen Album »May Be Later« ein Kaleidoskop magnetisch schwingender Grooves und strahlender Momente.

1000 Robota
Text: Andreas Hartmann
Gekommen, um sich irgendwie zu beschweren: Mit Militärmarsch-Punk und Arroganz säen 1000 Robota in Hamburg Hass. Das Debütalbum des Trios ist gerade erschienen.

High Places / Gang Gang Dance
Text: Jens Balzer
Es tönen ganzkörpergelockerte Hippie-Freakouts, und hinter jedem ›Schnick‹ und jedem ›Itsch‹ lauert eine tolle Geräuschverschachtelung: Mit Gang Gang Dance und High Places lässt sich dieser Tage wieder hübsch der Weirdness made in Brooklyn frönen. Erstere treiben es auf »Saint Dymphna« einen Tick zu weit in Richtung U2, mit dem selbstbetitelten Debütalbum der High Places hingegen ist man auf der absolut sicheren Seite.

Marsimoto
Text: Markus Schneider
Zu zweit allein – kann nur ein Schizo sein: Marten Laciny, in der deutschen Rap-Welt als Marteria bekannt, lässt als Marsimoto Beats brutzeln und Reime quäken.

DanielJohnstonTeaser
FOTO: © 2008 Mark C. Austin / SPEX

Daniel Johnston
Text: Ralf Krämer
Er selbst bezeichnete sich als »Sorry Entertainer«. Für andere gilt Daniel Johnston als der beste lebende Songwriter der Welt. Da er unter einer bipolaren Störung leidet und Zeit seines Lebens immer wieder zu Aufenthalten in Psychiatrien gezwungen war, wuchs die Legende um seine Songs und seine Comic-Zeichnungen in den Zeiten seiner Abwesenheit ins Unermessliche. Mittlerweile sind Daniel Johnstons Ups und Downs medikamentös so zuverlässig eingestellt, dass er sogar auf Tournee gehen kann – im November erstmals auch durch Deutschland. Anlass genug, um den Sänger bei sich zuhause in Houston anzurufen und sich nach dem heutigen Wohlbefinden zu erkundigen.

Auf den Transrouten der Globalisierung: DJ Mujava / Buraka Som Sistema / Esau Mwamwaya & Radioclit
Text: Florian Sievers / Detlef Diederichsen / Julia Grosse
»Die Welt darf sich auf neue Genre-Bastards freuen« – mit diesen Worten beschrieben wir in der letzten Spex die mit betont breitem Akzent-Englisch gepfefferten Grime-Tracks des nigerianischstämmigen, in London lebenden Rappers Afrikan Boy. Es gibt noch weitere Beispiele für brandaktuelle neue Musikstile, die im kulturellen Import-Export-Verfahren zwischen schwarzem Kontinent und europäischer Clubkultur hybridisiert werden: Ihre Bezeichnungen lauten Kwaito, Kuduro und Tropical, und sie fi nden über digitale Blog-Kanäle und MySpace-Verlinkungen genauso Verbreitung wie über aufgedrehte Taxilautsprecher.

Vorspiel für Matthew Herbert
Interview und Musikauswahl: Max Dax und Jan Kedves
Lässt sich die Welt mit Musik verbessern oder wird sie uns bloß den Untergang ein wenig versüssen? Auf seinem Album »There’s Me And There’s You« lotet Matthew Herbert erneut die Möglichkeiten aus, Big-Band-Jazz und Swing als Ausdruck eines Widerstands in Stellung zu bringen gegen Konsumterror und Guantanamo Bay. Anlass für Spex, den britischen Produzenten im Rahmen der »Vorspiel«-Reihe mit einer Auswahl politisch aufgeladener Musik zu konfrontieren.

Spex-Gespräch: Noel Gallagher
Interview: Max Dax
Eigentlich abgeschrieben, überraschen Oasis dieser Tage mit einem ganz und gar unerwarteten siebten Album. Monoton und monolithen, werden die elf neuen Songs von einer Rockstimmung umweht, die verblüffend an die minimalistischen Experimente deutscher Krautrockbands aus den frühen Siebzigern erinnert. Das Interview findet in der Nähe der Londoner Baker Street in den Räumen des Oasis-Managements statt. Bandleader Noel Gallagher ist angeschlagen. Drei Wochen zuvor war er bei einem Auftritt in Toronto von einem Zuschauer auf der Bühne in den Hintern getreten worden – drei gebrochene Rippen zwangen den Gitarristen dazu, die laufende Tournee der Band zu unterbrechen. »So etwas muss man abhaken«, sagt Gallagher, der sich am Tag des Interviews erstmals wieder ohne Schmerzmittel bewegen kann: »Wir werden wachsam sein, aber klar ist auch – absolute Sicherheit wird es auf einer Bühne nie geben können.«

DIE GROSSEN GESCHICHTEN:

TVOTRTeaser
GESTALTUNG: © 2008 Mario Koell | ALLE FOTOS & TITELBILD: © 2008 Gianni Occhipinti / SPEX

TV On The Radio
Text und Interview: Jan Kedves
Mit seinem großartigen neuen Album »Dear Science,« entwirft sich das Quintett aus Brooklyn endgültig als Band ohne Hautfarbe. Im Interview sprechen Dave Sitek, Kyp Malone und Kollegen über Wohl und Wehe des Begriffs ›Black Music‹, über Transzendenz im säkularen Alltag und über Jocks in Hochhäusern.

KunstspracheTeaser
FOTO: © 2008 Oliver Schultz-Berndt / SPEX

Kunstsprache #8
Protokoll und Interview: Martin Hossbach / Max Dax
In Folge #8 der Kunstsprache kommen Barbara Morgenstern und Jacques Palminger zu Wort. Beide veröffentlichen dieser Tage neue Soloalben. Ihre Texte stehen für zwei völlig unterschiedliche Ansätze, in der eigenen Muttersprache zu individuellem Ausdruck zu gelangen.

ModestreckeTeaser
IDEE / FOTOGRAFIE: © 2008 Christoph Voy / SPEX

Modestrecke
Die üblichen Verdächtigen

Interview: Helmut Lang
Interview: Philipp Ekardt und Jan Kedves
»Das Modesystem bedarf einer radikalen Neuordnung«: Helmut Lang, Meister des intellektuellen Minimalismus, redet über seinen Wechsel in die Kunst, seine Freundinnen Louise Bourgeois und Jenny Holzer sowie über Wiener Kuchenrezepte.

FILM:

Topografie einer quälenden Erinnerung
Ari Folmans »Waltz With Bashir«
Text: Miriam Dagan
Der Animationsfilm »Waltz With Bashir« lotet im Grenzgebiet zwischen Dokumentation und Fiktion neue Formen der Erinnerung an die Vergangenheit aus. Der israelische Regisseur Ari Folman arrangiert die Themen Krieg, Verdrängung und Trauma zu einer tief berührenden Reflexion über den Libanonkrieg von 1982.

Flanieren am Rande der Ewigkeit
Wim Wenders’ »Palermo Shooting« und Michel Houellebecqs »Die Möglichkeit einer Insel«
Text: Ralf Krämer
Zwei Männer, eine Utopie – der neue Film von Wim Wenders und Michel Houellebecqs Regiedebüt entschleunigen die Zeit. Durch die zerklüfteten Lavakulissen Lanzarotes und die maroden Straßenschluchten Palermos spazieren zwei Männer und wundern sich. So geheimnisvoll, die fremde Stadt! So schroff und schwarz die Natur! Was klingt wie ein esoterischer Männerroman, sind in Wirklichkeit zwei neue Männerfilme. Beide versuchen, den Tod zu entmachten.

Sehr reale Revolver, sehr realer, paranoider Gegner
Joel und Ethan Coens »No Country For Old Men« und »Burn After Reading«
Text: Ralf Krämer
Gerade erst erschien ihr »No Country For Old Men« als DVD. Jetzt legt das Brüderpaar Joel und Ethan Coen mit »Burn After Reading« nicht nur einen neuen Kinofi lm nach. Mit beiden Werken führen sie auch den Beweis, dass ihr im hohen Maße selbstreferenzielles Hollywoodschaffen immer noch die Kraft hat, nachhaltige Worte zur Lage Amerikas zu formulieren. Eigentlich ein Job für Klaus Theweleit, der an dieser Stelle üblicherweise DVDs filmgeschichtlich kontextualisiert. Da dieser jedoch seine Hendrix-Biografie beenden musste, warf sich Ralf Krämer, unser Mann fürs Grobe, heldenhaft in die Bresche.

Brennende Betten im Auftrag Gottes
»Big Love«
Text: Esther Buss
Während in »Californication« neuerdings David Duchovny als alternder Sexmaniac von Beischlaf zu Beischlaf hechtet, findet sich die viel radikalere Darstellung von Promiskuität in der HBO-Serie »Big Love«: drei Frauen, ein Mann, ein Glaube. Ein Plädoyer für alternative Liebesformen ohne Unterdrückung.

In ständiger Drift
Bilder, die die Welt bewegten: Alain Resnais’ »Letztes Jahr in Marienbad«
Text: Robert Defcon
In unserer Reihe »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir in jeder Ausgabe eine Filmszene – und den dazugehörigen Film – vor. Vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk, dazu die Bilder als Sequenz. Diese Folge: Die letzte Szene aus »Letztes Jahr im Marienbad«, einer Meditation über die Symmetrie der Liebe.


BÜCHER:

Ich höre Stimmen in meinem Kopf
Bill Drummonds »17«
Text und Interview: Martin Hossbach
Musik nimmt Bill Drummond schon seit langem nicht mehr so gefangen wie früher – und das nicht erst, seit er in England medienwirksam eine Million Pfund verbrannte. In seinem neuen Buch »17« stellt der Gründer von The KLF unser aller Beziehung zur Musik in Frage. Mit einem außergewöhnlichen Chor mit dem Namen »The 17« bietet er allerdings auch einen Ausweg aus der Misere an. Martin Hossbach reiste im September zu einem Vortrag Drummonds nach Glasgow, wurde für einen Nachmittag Mitglied von »The 17« und traf den Schotten im Anschluss zum Gespräch.

Fuchs, Hase oder Rohrdommel?
Jörg Schröder
Text: Wolfgang Müller
»Sexfront«, »Acid«, »Scum«, »Nazi-Olympiade«: Schon die Titel der Bücher, die Jörg Schröder in seinem 1968 gegründeten März Verlag veröffentlichte, hatten Punch. Entsprechend bleibend war ihr Eindruck auf das literarische Spießer(west)deutschland. Ebenso unverzichtbar: die mit Insiderschoten aus dem Literaturbetrieb gepfefferte Heftreihe »Schröder erzählt«, die der 1938 in Berlin geborene »Literatur-Zampano« (Diedrich Diederichsen) seit 1990 mit Barbara Kalender veröffentlicht. Anlässlich Jörg Schröders siebzigstem Geburtstag in diesem Herbst widmet Wolfgang Müller, Gründer der Band Die Tödliche Doris und ›Genialer Dilletant‹, dem Autor in Spex eine intime Würdigung.

ChristianKrachtTeaser
ILLUSTRATION: © 2008 Patrick Klose / SPEX

Das eiskalte Herz der Finsternis
Christian Krachts »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«
Text: Alexander Müller
»It’s a cold, cold, cold world«, sang einst Doro Pesch bei Warlock – mit einer kalten, an Ernst Jünger erinnernden Sprache, wie Christian Kracht sie entwirft, ist dieser Welt aber nicht beizukommen. Der Sonderling der deutschen Popliteratur imaginiert in seinem neuen Roman »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« die ehedem neutrale Schweiz als kriegerische, kommunistische Nation.

KUNST:

Patchworks einer globalen Interaktion
Assume Vivid Astro Focus
Text: Dominikus Müller
Assume Vivid Astro Focus zappen sich durch sämtliche medialen und künstlerischen Register – mithilfe von Google und Oswald de Andrades kannibalistischem »Manifesto Antropófago«. Die anonym operierende Künstlergruppe ist wie ein Aggregator, der Disco, Müll, Mode und queere Body-Politik ansaugt, durchkaut und als neonblinkendes Clubraumschiff wieder ausspuckt.

Was guckst Du?
Mohamed Bourouissa
Text: Thomas Schönberger
Mohamed Bourouissa, algerischstämmiger Absolvent der renommierten Pariser École des Arts Décoratifs, gehört zu den Shootingstars einer neuen Generation fotografisch arbeitender Künstler in Frankreich. Sein neuer Zyklus »Périphérique« widmet sich den Riten und Gebräuchen auf den Straßen der Banlieue. Bourouissa stilisiert in seinen großformatigen Arbeiten gewalttätige Körpersprache in artifiziellen Bildern, die in ihrer Mehrschichtigkeit viel weiter gehen als die Gewalt-Kicks von Justice – und in ihrer inszenatorischen Perfektion zugleich an die Ausdruckskraft David Lynchs oder Gregory Crewdsons erinnern.

So weit geht die Maschine – und jetzt kommt der Mensch
Albert Oehlen
Interview: Max Dax
Neben Martin Kippenberger wurde Albert Oehlen in den achtziger Jahren als freier Radikaler einer neuen Malergeneration zugerechnet. Kippenberger verstarb 1997, Oehlen machte weiter. Am ersten November eröffnet die Galerie Max Hetzler Temporary in Berlin eine Ausstellung des Künstlers mit neuen Arbeiten, die einem Werkzyklus Oehlens von 1991 gegenübergestellt werden.

KOLUMNEN & RUBRIKEN:

Bildschirmleuchten (DVD)
Musik im Wahlkampf
Wichtige Musikvideos: Flying Lotus’ »Dance Floor Dale«
20 besondere Songs
Bessere Zeiten klingt gut
These Beats Are Legal
Direct Cuts
Odyshape
Don’t Cry – Work.

TONTRÄGER:

RezensionenTeaser

Platte der Ausgabe: The Rapture
Gelungene Verpackung: Sam Taylor-Wood & Pet Shop Boys
Erste Worte: Kristof Schreuf über sein gerade entstehendes Soloalbum
Musik zur Zeit: Jacques Palminger /// Juana Molina /// Max Dax

Blitzen Trapper /// Bloc Party /// Bob Dylan /// Carl Craig & Moritz von Oswald /// Chad VanGaalen /// Dark Captain Light Captain /// Deichkind /// Duncan Lloyd /// Eugene McGuinness /// Femi Kuti /// Food For Animals /// Herman Dune /// Inara George With Van Dyke Parks /// Inspiration Information /// Jazzanova /// Keane /// Khan Of Finland /// Kid Acne /// Kimya Dawson And Friends /// Kings Of Leon /// Kool Savas /// Max Tundra /// Mira Calix /// Monkey /// Myra Davies /// Of Montreal /// Okkervil River /// Otto von Schirach /// Peter Bjorn And John /// Prinz Pi /// The Sea And Cake /// Snow Patrol /// The Spinto Band /// Squarepusher /// Tomte

LIVE:

Metallica, O2 World, 12. September, Berlin
Kinky Justice, Crazy Horse neben der Volksbühne, 20. September, Berlin
Mobile Sessions, Unbuttoned Tour, Präsentationen

SONSTIGES:

Editorial /// Mitarbeiter der Ausgabe /// Leserbriefe /// Leserpoll 2008

BEILAGE:

Spex-CD #81 (Cover Pop-Up) (Zusammenstellung: Martin Hossbach /// Illustration: Patrick Klose)

Spex #317 – Die November/Dezember-Ausgabe ab dem 24. Oktober 2008 am Kiosk.

Die nächste Ausgabe – Spex #318 – erscheint am 19.12.2008.