Aus der Zeit gefallen: Bob Dylan – The Basement Tapes

Szenen aus dem alten Westen: Eine vergangene Welt inspirierte Bob Dylan zur Erfindung der Americana. (Foto: Library of Congress)

Unfassbare 47 Jahre lang waren jene mythenumrankten Sessions, die Bob Dylan 1967 mit The Band bei Woodstock abhielt, eines der größten Geheimnisse des Pop. Mit The Basement Tapes: Complete erschien 2014 eine komplette Sammlung aller von damals erhaltenen Aufnahmen. Die Veröffentlichung der beeindruckenden Box war nicht weniger als das Musikereignis des Jahres. Sie dokumentiert die Erfindung der Americana, wie wir sie heute verstehen. Zum 75. Geburtstag Bob Dylans am 24. Mai ist die komplette Besprechung von Max Dax aus SPEX N° 357 online zu lesen.

In seiner Autobiografie, den Chronicles Vol. 1, beschreibt Bob Dylan seine Ankunft als unbeschriebenes Blatt im Greenwich Village, Manhattan, im Jahr 1961. Die Gegenwart empfindet er damals als rastlose Welt im Umbruch, wenn nicht gar kurz vor dem Untergang. Zum Ausgleich besucht er regelmäßig die New York Public Library, um sich in deren Zeitungsarchiven die Schlagzeilen des vorangegangenen Jahrhunderts einzuprägen – als bildeten die Geschichten von in der Prärie entgleisten Eisenbahnzügen, Schlachtverläufen des Amerikanischen Bürgerkriegs und tödlich endenden Eskalationen um gestohlene Stetson-Hüte eine amerikanische Wirklichkeit ab, die echter, wahrer und ewiger war als die Kubakrise (1962), der March On Washington (1963) oder die Ermordung John F. Kennedys (im selben Jahr). Beziehungsweise: Tagesaktualität war seine Sache nicht. Einen abendlichen Theaterbesuch von Jean Genets The Balcony im Village beschreibt Dylan mit den Worten: »It portrayed the world as a mammoth cathouse where chaos rules the universe, where man is alone and abondoned in a meaningless cosmos. […] It could have been written one hundred years ago. The songs I’d like to write would be like that, too. They wouldn’t conform to modern ideas.«

1967, fünf bahnbrechende Alben und keine sechs Jahre später, nimmt Dylan mit dem Rumpf seiner Begleitband The Hawks in 138 Takes 105 Songs auf, die dieser Ankündigung des Aus-der-Zeit-gefallen-Seins einen Resonanzkörper verleihen – in der ländlichen Abgeschiedenheit einer Künstlerkolonie namens West Saugerties bei Woodstock, 150 Kilometer nördlich von Manhattan. Nur Levon Helm fehlt bei der Mehrzahl der Aufnahmen, der singende Schlagzeuger der Hawks, die sich im Prozess der Recording-Sessions in The Band umbenennen und eine eigene Karriere beginnen werden. Die Aufnahmen finden in Wohnzimmern und Kellern von Häusern statt, die die Musiker gemietet haben, und nicht in professionellen Tonstudios – mit einer Bandmaschine, rudimentärer Mikrofonierung, ohne Sound-Engineer und Produzent. Einige der Aufnahmen leaken 1969 auf dem ersten Bootleg der Musikgeschichte, The Great White Wonder, und generieren einen Hype um die mysteriösen, weil unveröffentlichten Sessions, dem eine Titelgeschichte des Rolling Stone im Juni 1968 vorangegangen war: »Why the Basement Tapes should be released«.

Die ungezählten Bootlegs, die seitdem den Schwarzmarkt und das Internet bedienten, wie auch die kaputtproduzierte offizielle, gleichnamige Columbia-Veröffentlichung aus dem Jahr 1975 können jetzt getrost entsorgt werden. Denn The Basement Tapes: Complete versammelt alle erhaltenen Aufnahmen in der vermutlich bestmöglichen Restaurierung, die für Geld zu bekommen ist. Alles bleibt hier rough, ungeschliffen und unbehauen. Manches Mal ist gar die Gitarre Robbie Robertsons verstimmt, und einige Songs sind heute, nach 47 Jahren, von tape hisses fast zerstört. Aber das tut der elementaren Energie und zeitlosen Mitteilungskraft dieses immensen Songzyklus keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Folk-, Honkytonk-, Blues-, Country- und Rocksongs sind imprägniert von einer Looseness in Gesang und Zusammenspiel, die ihresgleichen sucht. Ohne spekulieren zu wollen: Man meint, einer Band zu lauschen, die weiß, was sie sucht. Dabei klingt die Band ebenso bekifft, wie sie fokussiert zu Werke geht.

Man muss sich das kreative Energiefeld, in dem die Basement Tapes zwischen März und September 1967 entstanden, wie eine von der Welt abgelegene Blase vorstellen.

Eine eigene, aus der Zeit gefallene Musik zu suchen und nicht an die Moderne des von Dylan nur ein Jahr zuvor mit seinem Album Blonde On Blonde ausgerufenen, amphetamingetriebenen Thin Wild Mercury Sounds anzudocken, ist 1967 die Antithese zu Dylan selbst – und zur psychedelischen Musik, die Ende der Sechziger allgegenwärtig ist. Blonde On Blonde, das erste Doppelalbum der Popgeschichte, markierte den Endpunkt einer drei Alben umfassenden Exkursion Dylans in die definition of cool. Für diesen, in unglaublichen 18 Monaten realisierten künstlerischen Triumph war ein hoher Preis bezahlt worden. Ein Motorradunfall im Juli 1966, der wohl so schlimm nicht gewesen ist, hielt als willkommenes Feigenblatt für die Erschöpfung her, die sich im Anschluss an die legendäre Welttournee von 1965/66 wie ein Kater auf die Protagonisten gelegt hatte: Eine bereits gebuchte weitere Welttournee wurde abgesagt, ein verkorkstes Romanprojekt namens Tarantula ebenso wie Dylans Filmprojekt Eat the Document ad acta gelegt – stattdessen erfolgte der Rückzug ins Private, nach draußen herrschte absolute Funkstille.

Man muss sich das kreative Energiefeld, in dem die Basement Tapes zwischen März und September 1967 entstanden, wie eine von der Welt abgelegene Blase vorstellen, als Oase, wie geschaffen für eine musikalische Herausforderung der Vergangenheit. Bob Dylan, Rick Danko, Richard Manuel, Robbie Robertson und Garth Hudson befeuern sich gegenseitig. Von Dylan kam die obskure Auswahl intensiver Folk-Songs, durch die sich die Fünferbande Stück für Stück arbeitete. Von The Band stammte eine R’n’B-getriebene Spielpraxis, die das Projekt musikalisch kontrapunktierte. Man achte auf Rick Dankos Basslinien. Bald und zunehmend fließen Dylan-Originale in die Sessions ein – Stücke, die Dylan während des Aufnahmeprozesses mühelos in seine Olivetti-Schreibmaschine zu hacken scheint.

Es handelt sich um Rohdiamanten von Songs, die damals wie heute mehr als ausreichen würden, um eine bemerkenswerte Karriere auf ihnen aufzubauen. Die Qualität der Dylan-Originale ist atemberaubend und beeindruckt nicht zuletzt quantitativ: »Tears Of Rage«, »I Shall Be Released«, »Crash On The Levee«, »This Wheel’s On Fire« oder »Million Dollar Bash« gehören längst zum Kanon nicht nur Dylans. 14 dieser Kompositionen wurden strategisch von Dylans Manager Albert Grossman als Demos an Interpreten wie Manfred Mann (»Quinn the Eskimo«), Peter, Paul & Mary (»Too Much Of Nothing«) oder die Byrds (»You Ain’t Going Nowhere«) verschickt, die aus den Skizzen Welthits machten. Den Rest besorgten die in The Band umbenannten Hawks, indem sie 1968 mit Music From Big Pink ihre eigene Version der Basement Tapes veröffentlichten und als Teil dieser konzertierten Aktion nicht zuletzt das Genre Alternative Country / Americana aus der Taufe hoben – eben jenes Genre, das bis heute von Künstlern wie Jeff Tweedy (Wilco), Will Oldham/Bonnie »Prince« Billy (Palace Brothers) und unzähligen anderen am Leben erhalten und unablässig erweitert wird.

Bob-Dylan_Basement-Tapes1_Credit-Library-Of-Congress

Entscheidend bleibt, dass Dylan in den 138 Takes, die nun als 6-CD-Box The Basement Tapes: Complete und als imaginiertes 3-Vinyl-Album mit 38 Songs veröffentlicht werden, eine Reise weg von der Moderne, hinein ins »unheimliche, dunkle Amerika« unternahm, wie es Greil Marcus in seinem Buch Invisible Republic über die Basement Tapes und ihre Wurzeln in der amerikanischen Musik ausgedrückt hat. Der Buchtitel bezieht sich darauf, dass die alten – heute würde man sagen: creative commons – Seefahrerlieder, die Balladen und Geschichten, die Dylan und The Band interpretieren, eine andere Oral History als die offizielle Geschichte Nordamerikas erzählen. Die Coverversionen, die einen Großteil der Basement Tapes ausmachen, handeln von der Geschichte der halb wirklichen, halb phantastischen unsichtbaren Republik, die unterhalb der Zeitleiste der offiziellen Vereinigten Staaten von Amerika liegt. Eine Republik, in der alltäglichen Menschen alltägliche Dinge passieren, die von Dylan freilich mit poetischer Lizenz in Song-Gleichnisse gegossen werden, die in ihrer Einfachheit und Wahrhaftigkeit an Fabeln und an Geschichten aus dem Alten Testament erinnern. Im herausragenden »Sign On The Cross« etwa singt Dylan: »Now, when I was just a bawlin’ child / I saw what I wanted to be / And it’s all for the sake / Of that picture I should see / But I was lost on the moon / As I heard that front door slam / And that old sign on the cross / Still worries me.«

Zugleich war Bob Dylan 1966, als er einen glimpflich verlaufenen Motorradunfall in eine kreative Exit-Strategie ummünzte, ein frischgebackener Ehemann und Familienvater. Eine Tournee, ein Buchprojekt und einen Film abzusagen, mag auf den ersten Blick eine fatale Karriereentscheidung sein, aber für einen Vater ist es gut, seine Kinder aufwachsen zu sehen. In seiner Autobiografie schreibt Dylan: »I was a family man now.« The Hawks waren als Begleitband Dylans auf der Welttournee von 1965/66 eine der lautesten, manche Quellen behaupten: die lauteste Band der Erde gewesen. In Woodstock spielten Dylan und Band leiser, looser, neues Terrain erkundend. Man hört den Aufnahmen an, dass sie für kein Publikum und keine Albumveröffentlichung geschrieben wurden.

47 Jahre nach ihrem Entstehungsdatum verwandeln die Basement Tapes heute jeden Raum in einen Zeittunnel, der viel weiter zurückreicht als bloß bis 1967. Das ist das Besondere dieser Lieder und der Geschichten, die in ihnen erzählt werden. Es werden aus der Zeit entrückte Situationen, oft kafkaeske Momente erzählt, wie in dem Dylan-Song »Lo And Behold«, worin der Sänger vom Zugschaffner aus dem Nichts nach seinem Namen gefragt wird: »And he asked me my name / I give it to him right away / Then I hung my head in shame«. Das ist Reflexion über die conditio humana in Reinform, die in ihrer puren, direkten Erzählweise amalgamiert mit Juwelen wie »The Hills Of Mexico«, auch bekannt als »Trail Of The Buffalo«, einem nicht aus der Feder Dylans stammenden, wunderschönen Traditional über Cowboys, die zu Hungerlöhnen auf die Büffeljagd geschickt werden. Der Take endet abrupt: Mitten in der herzzerreißenden Darbietung bricht Dylan die Aufnahme harsch ab mit den Worten: »We are wasting tape«.

Die Lieder aus dem Keller beschreiben Situationen auf Leben und Tod, erzählen von Mississippi-Fluten, die ganze Landstriche verwüsten, und von bizarren zwischenmenschlichen Dramen.

Denn darum geht es: Musik wird gespielt und auf Tonband aufgenommen, das so wertvoll ist, dass man einen Take im Zweifelsfall lieber abbricht, als Tonband zu verschwenden. Doch Magnetbänder verschleißen, wenn man sie nicht richtig lagert. Auf der sechsten CD der Basement Tapes: Complete versammeln sich die Aufnahmen, denen eine partielle Zerstörung anzuhören ist. Interessanterweise haben diese halb zerstörten Tonkonserven einen ganz eigenen Charme. Sie klingen wie aus dem All zurückgestrahlte, einst versandte Radiowellen, metallen und distorted. Beste Beispiele hierfür sind die Songs »King Of France« und »2 Dollars And 99 Cents«, die dank ihrer Verzerrungen und Zerstörungen gar nicht so weit entfernt scheinen vom Sound der Sonics, die 1965 mit Here Are the Sonics nur wenige Monate zuvor das erste Punk-Album der Musikgeschichte veröffentlicht hatten.

In diesem Sinne: Das Wesen der Basement Tapes ist das Fragmentarische. Mal werden Songs abgebrochen, mal sind sie nicht zu Ende getextet, ohne Ausnahme hätten die Aufnahmen »professioneller«, »cleaner«, perfekter arrangiert sein können. Dennoch verändert sich jeder Raum im Jahr 2014 ins Märchenhafte, sobald diese Musik in ihrer Unvollkommenheit erklingt. Um es klar zu sagen: Diese Lieder sind magisch. Sie ziehen hypnotisch in den Bann. Sie erlauben es überdies, über ihre Narration, immer tiefer in sie einzudringen. Sie laden uns Hörer ein, mit in den Alltag einer anderen, fernen Zeit einzutauchen, in ein rhizomatisches Paralleluniversum, das die Invisible Republic bis in ihre Atomteilchen auslotet, indem das scheinbar Nichtige zum Besonderen erhoben wird. Wenn Dylan etwa in dem Song »Please, Mrs. Henry« die Geldknappheit des Erzählers in einen existenziellen Refrain gießt: »Please, Mrs. Henry, please / Mrs. Henry, please / I’m down on my knees / And I ain’t got a dime.«

Die Lieder aus dem Keller beschreiben Situationen auf Leben und Tod, erzählen von Mississippi-Fluten, die ganze Landstriche verwüsten, und von bizarren zwischenmenschlichen Dramen, in Form gegossen für die Ewigkeit, voller Tiefe und poetischer Strahlkraft. Die Basement Tapes erschienen trotz dieser Qualitäten nicht als Nachfolgealbum zu Blonde On Blonde, sie wurden nie in Form gebracht. Stattdessen markierten sie für 47 Jahre den größten Mythos der Popgeschichte. Dass sie mit einem Mal zugänglich sind, fühlt sich so seltsam und zugleich inspirierend an, als sei man heimlich mit der Taschenlampe in eine Jahrzehnte lang verschlossene Bibliothek eingebrochen.

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 357 erschienen, das Heft kann nach wie vor versandkostenfrei hier bestellt werden.

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