AUS DEM LEBEN EINES SCHROTTSAMMLERS
Bosnien-Herzegowina 2013. Regie: Danis Tanović. Mit Nazif Mujić, Senada Alimanović, Sandra Mujić, Šemsa Mujić.
Kinostart: 10. Oktober

Danis Tanović (No Man’s Land) blickt mit Aus dem Leben eines Schrottsammlers auf ein Ereignis im Leben einer Roma-Familie, ebenso eindringlich wie erschütternd. Der bei der Berlinale 2013 mehrfach ausgezeichnete Film läuft heute in den Kinos an.

Ein Mann schlittert in einen Abgrund, den rutschigen Hang einer Mülldeponie hinab, die selbst als schmutzige Kehrseite der übrigen Zivilisation wie vergessen von dieser wirkt: Nicht einmal ihren Unrat scheint sie diesem verschneiten Erdloch zu gönnen. Der Mann aber, gespielt vom Laiendarsteller Nazif Mujić, der dafür einen Silbernen Bären erhielt, scharrt darin – mehr mit der stoischen Macht der Gewohnheit als mit sichtbarer Verzweiflung – verrostete Matratzenfedern, Blechbüchsen und andere vereinzelte Metallteile zusammen. Er tauscht sie später beim Alteisenhändler für kleines Geld ein, um mit seiner Frau und seinen zwei Kindern einen weiteren Tag über die Runden zu kommen.

An guten Tagen zerlegt Nazif mit einer Axt und mit der Hilfe von Verwandten ganze Autowracks und gönnt sich hinterher einen Schnaps. An einem schlechten Tag klagt seine schwangere Frau Senada über starke Bauchschmerzen, sie verliert Blut. Eine Untersuchung ergibt, dass das Kind im Mutterleib tot ist. Eine Notoperation ist nötig, um nicht auch Senadas Leben durch eine Blutvergiftung zu gefährden. Doch das städtische Krankenhaus weist Senada mehrmals ab. An eine Krankenversicherung ist bei den Lebensumständen der Familie nicht zu denken, die im voraus zu zahlenden Kosten für die Operation, die immer dringender wird, erscheinen als unerreichbare Summe.

Der bosnische Regisseur Tanović, für seinen ersten Langfilm No Man’s Land (2001) mit einem Oscar, einem Golden Globe sowie in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet, entwirft dieses Drama mit simplen und glanzlosen filmischen Mitteln. Das Licht ist fahl und grau; die Kamera wackelt und schaut den Protagonisten oft von hinten über die Schulter; die Geschichte wird in geradlinigen 75 Minuten erzählt. Man ist schnell versucht, den Spielfilm wie eine Dokumentation zu sehen, wie eine in ihrem realen Umfeld vielleicht irgendwie orchestrierte, aber absolut alltägliche Geschichte.

In der Tat ist der Kern dokumentarisch: Aus dem Leben eines Schrottsammlers ist das Reenactment eines Ereignisses, dargestellt von den Betroffenen selbst, einer Roma-Familie am Rande einer Stadt in Bosnien und Herzegowina. Der Film erinnert eher an literarischen Naturalismus als an filmischen Neorealismus, an so fatalistisch-triste Geschichten wie die der Familie Malavoglia des sizilianischen Autors Giovanni Verga, an die Weltsicht in frühen Gerhart-Hauptmann-Dramen – auch wenn im Leben eines Schrottsammlers die – ständig befürchtete – schlimme finale Konsequenz letztendlich ausgespart wird. Aber das macht das Gezeigte nicht etwa milder: Dass jede Kleinigkeit jederzeit absolut existenzbedrohend in diese Leben einbrechen kann und dass es immer so weitergehen wird, das ist hier der eigentliche Horror.

Was wir zu sehen bekommen, ist, wie auch der Filmtitel suggeriert, nur ein kleiner Ausschnitt dieser Welt. Ein Realitätssplitter, der ebenso niederschmetternd wie sehenswert ist.