Widerstand und Selbstermächtigung haben in den letzten Monaten weltweit eine Renaissance erfahren, die Straßen werden von Protestbewegungen in Beschlag genommen. Doch Pop ist nur zum Teil dabei. Zwar lassen sich die Ursprünge und Ziele der Aufstände in der arabischen Welt kaum mit denen des Bürgerprotests gegen einen Bahnhofneubau in Stuttgart oder der wiedererwachten deutschen Anti-Atom-Bewegung vergleichen, die popkulturellen Unterschieden sind dennoch signifikant: Während in der arabischen Welt eine junge Generation von Musikern den Soundtrack zur Revolution liefert, der die gärende Wut der Jugend schon vor dem Ausbruch der Protestwelle über soziale Online-Medien verbreitete, herrscht in den westlichen Gesellschaften eine merkwürdige Flaute.

Offenbar werden hier keine neuen Protestsongs mehr geschrieben. Gleichzeitig ruft das Ausbleiben der alten Songs im vermeintlich prädestinierten Augenblick seinerseits Proteste hervor. Im Zuge der bisweilen bizarren Berichterstattung zu Bob Dylans erstem Auftritt in China wurde in den letzten Tagen wiederholt moniert, Dylan habe ausgerechnet Blowin’ in the Wind und The Times They Are a-Changin‘ in Peking nicht gespielt, angeblich als affirmatives Zugeständnis an die chinesische Zensur. So entschieden diese plakative wohlfeile Empörung an der Sache auch vorbeigeht: sie formuliert doch den Anspruch, dass die wechselseitige Beziehung, in der Pop und politisches Aufbegehren lange standen, auch heute noch Gültigkeit hat. Im deutschen Pop jedoch scheint politisches Bewusstsein jedoch zum Fremdwort verkommen zu sein. Kann das so weitergehen? Wir finden: Nein!

Parallel zum Protestsong-Schwerpunkt der neuen Spex #332, in dem u.a. Hartwig Vens einen Essay über Wutbürger ohne Wutsongs schreibt und Kristof Schreuf fordert, das Konzept des Protestsongs radikal zu überdenken, rufen wir in Kooperation mit ByteFM dazu auf, neue Protestsongs aufzunehmen und einzusenden. Eine Jury, bestehend aus Christiane Rösinger, Andreas Spechtl (Ja, Panik), Stephan Rath, Klaus Walter sowie der Spex-Redaktion, wird die eingereichten Protestsongs bewerten, der Gewinner-Song wird auf der Heft-CD in der nächsten Spex-Ausgabe veröffentlicht. Kristof Schreuf regt in seinem Text an, der Protestsong der Zukunft könne »Nein!« sagen, indem er »Ja!« sagt. Dem schließen wir uns an und sagen: Schickt uns neue Protestsongs! Bis zum 6. Mai besteht dazu noch Gelegenheit.

Zu den Teilnahmebedingungen des PROTESTSONG-WETTBEWERBS von Spex und ByteFM