Aufbruch / Schnitt / Untergang: Feature zum Kinostart von Underdog

Kampfsportfilm, Buddy-Movie unter Hunden, Showdown eines Außenseiters: Heute startet Kornél Mundruczós Underdog in den deutschen Kinos.

Eine Vision geht der Erzählung von Underdog voraus, ein Traumbild. Man sieht eine verlassene Kreuzung bei Tagesanbruch, die verwaiste Brücke zwischen Buda und Pest. Eine Meute von Hunderten Hunden stürmt die Straßen, sie verfolgen ein Hoodie tragendes Teenagermädchen auf dem Fahrrad – oder werden in zufälliger Umkehrung der Bewegungsvektoren von dem Mädchen verfolgt. Das ist apokalyptisch, das ist die Freiheit. Die Vision erinnert daran, dass in Revolutionszeiten Aufbruch und Untergang ununterscheidbar sind. Dass sich der Umsturz nicht von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nährt, sondern von der Rache der Entrechteten an ihren Unterdrückern.

Underdog dogs

So seltsam es auch klingt: Underdog ist zuallerletzt ein Tierfilm. Die Geschichte von der Trompete spielenden Lili und ihrem ausgesetzten Labradormischling Hagen wird dieses anfängliche Vexierbild der Entfesselung und Ermächtigung wieder einholen, und es wird nicht das letzte grandiose Filmbild sein. Der Guardian sah im letztjährigen Gewinner des Certain regard in Cannes zugleich eine Hommage an Hitchcocks The Birds und einen Stephen-King-Thriller, eine Melange aus Gladiator und Spartacus und einen Kinderfilm wie aus der frühen britischen Nachkriegszeit im Stile von Hue And Cry. Der sechste Spielfilm des 1975 geborenen Regisseurs und Drehbuchautors Kornél Mundruczó wechselt überbordend eklektizistisch die Registraturen der Genres. Das gegenwärtige Ungarn unter Ministerpräsident Viktor Orbán bildet die Hintergrundfolie einer Parabel, in die sich die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus mühelos einfügt: Hagen ist ein Mischling, der von einer Rassensteuer erfasst wird. Denunziert, verleumdet, aus der Kulturnation verstoßen und den Häschern überlassen.

Der Hundeblick ist ausgestellte Projektion, eine kinematografische Schleuse, die weit geöffnet wird: für den Underdog unter seinesgleichen, für ein Buddy-Movie unter Hunden, für einen Kampfsportfilm und Verfolgungsjagden und den Showdown eines Außenseiters, der das widerfahrene Unrecht in Widerstand ummünzt und zu orgienhafter Rache wendet. Die blutgetränkte Schnauze des Underdogs wirkt wie ein Zitat der blutverschmierten Prinzessin Mononoke, wie Hayao Miyazakis Anime ist der Film eine melancholische Abstraktion und ebenso gleichnishaft. Mundruczós Straßenhunde sind nicht digitalisiert, sondern Wesen mit individuellen Bewegungsimpulsen. Unversöhnlich halten sie vor einem Trompete spielenden Mädchen inne. Wenn das kein Bild nahender Überwältigung ist!

HU, D, SWE 2014
Regie: Kornél Mundruczó
Mit Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth, Luke, Body u. a.

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