Auf die Musik achtet kein Mensch

Derzeit findet in Berlin das Interfilm Kurzfilmfestival statt – Spex präsentiert zum zweiten Mal die Veranstaltung, deren Programm die aktuellen Tendenzen der internationalen Kurzfilmproduktion aufzeigt. Ralf Krämer besuchte die beiden dort aufgeführten Musikvideoprogramme und sah grafikverknallte bis inhaltlich überbordene Videoclips sowie rauschhafte Exzesse.

Donnerstagabend, im Roten Salon der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, geschah etwas, das mittlerweile Seltenheitswert hat: Menschen sahen Musikvideos. In der Klingeltonwerbefreien Zone. Nicht auf Minimonitoren. Hinter ihnen die gut bestückte Bar, vor ihnen die Leinwand, dazwischen nur sie und die Musik.

    Zum elften Mal gibt Interfilm, das Internationale Kurzfilmfestival Berlin, Einblicke in die aktuelle Musikvideoproduktion. Eine schöne Plattform für das gebeutelte Genre, das seit dem Wegbrechen des Musikfernsehens trotz YouTube und iTunes nicht so recht zurück zur Form findet. Noch vor zehn Jahren schien das Musikvideo zur Stilbildenden Avantgarde der Filmkunst zu taugen, deren kreativste Köpfe wie Spike Jonze, Michel Gondry oder Jonas Akerlund mit Konvention sprengenden Bildkonzepten auch Hollywood aufmischten. Schwierig war es damals für ein Festival, die Plattenfirmen zur Freigabe ihrer Videos zu bewegen. Mittlerweile bemerkt Galina Amashukeli, die mit Tim Logeman das Musikvideo-Programm von Interfilm kuratiert, dass die Labels an der Festivalpräsentation Geschmack gefunden haben. Wenn ein Video, wie das umstrittene »Stress« von Justice es dann nicht in das Programm schafft, liege das eher an organisatorischen Schwierigkeiten und unübersichtlichen Zuständigkeiten. Schade nur, dass analog zum steigenden Interesse an Festivalpräsentationen, das zur Auswahl stehende Angebot qualitativ genügender Produktionen eher abnimmt. »Trash, Minimal und Retro« sind laut Amashukeli die Haupttrends, mit denen man sich als Regisseur gegen die in der Regel selbstausbeuterischen Budgets für einen Videodreh kreativ zu stemmen sucht.

    Im günstigsten Fall, das beweisen sowohl das internationale, als auch das deutsche Programm, ergänzen sich die gefundene Form, das Image der Band und/oder dem Ton des Songs. Der dreißigjährige US-Regisseur Nima Nourizadeh ist mit dem grafikverknallten, mit den Effekten des schwarzen Theaters spielenden Hot-Chip-Clips »Ready For The Floor«, Flight Of The Conchords’ Rollerblade-Balztanz »Ladies Of The World« und zudem mit »Bonafied Lovin’« vertreten. In letzterem singt sich das Electrofunk-Duo Chromeo in das Herz einer jungen Frau samt Hund, die beide in C64- bzw. oldschooligster PC-Manier programmiert sind. Um zusammenzukommen, klar, muss sich Chromeo dem Retro-Look anpassen, nicht umgekehrt. Dass die beiden am Ende verpixelt, aber wieder allein sind, kann man durchaus auch als Erkenntnis in die Einbahnstraßendenke solcher kreativer Spielereien verstehen. 

    Ungünstig auch, wenn sich die gerade im No-Budget-Bereich geforderte, überbordende Fantasie des Regisseurs verkehrt und das Video durch dominantem Bildterror zum Kurzfilm wird. So geschehen mit »In The Blood« von Pivot, für das Regisseur Alex Smith mit allen Mitteln des erwachsenen Puppentheaters einen blutigen Bastard aus »Moby Dick« und »Der weiße Hai« schuf. Das ist sehr unterhaltsam, im Sinne des Auftrags aber gescheitert – auf die Musik achtet kein Mensch mehr.

    Auffällig ist bei den über vierzig ausgewählten Clips – von denen sich einige, wie Kai Kurves Animationsvideo für Lützenkirchens »Drei Tage wach« in anderen Sektionen des reichhaltigen Interfilm-Programms verstecken – dass es vielen Bands in Zeiten der immer existentieller werdenden Live-Präsenz offenbar schwer fällt, sich auch noch in Videos mit der eigenen Visage, oder gar in einer ironiefreien Performance zu präsentieren. Tocotronic beispielsweise, ließen sich in Stephanie von Beauvais’ »Mein Ruin« durch balletartig elegant schwitzende Boxer ersetzen. Selbst Róisín Murphy scheint sich in ihrer Madonna-Replik »Let Me Know« nicht ganz wohl zu fühlen. Die flackernden Lichter, zwischen denen sie im hautengen Top ihr Zorro-Cape wehen lässt, sind bei näherer Betrachtung – auch das geht eher auf der großen Leinwand – ganz schön abgewrackt gebaut.

    Da ist man schon froh, wenn sich vereinzelt Performer trauen, voller Lust auf die Zwölf zu zielen und sich gemeinsam mit ihren RegisseurInnen rauschhaft der eigenen Botschaft in die Arme zu fallen. Besonders gelungen ist dies bei Simian Mobile Discos »Hustler« von Ace Norton und Deichkinds »Arbeit nervt« von dem in Berlin lebenden Regie-Duo Alex And Liane. Die einen lassen Kotze spritzen, die anderen Dosenbier.

Programmwiderholungen:
Let Me Know – New International Music Videos, Berlin – Roter Salon, 08.11., 21.30 Uhr
Alles bleibt anders – Neue Deutsche Musikvideos, Berlin – Babylon Mitte 2, 09.11., 22:00 Uhr

1 KOMMENTAR

  1. zur Róisín Murphy:

    was heißt denn hier Madonna-Replik?? wenn dann hat Róisín die Melodie von ganz woanders her übernommen (was ich ihr nicht ankreide, auch Madonna nicht mit ihrem „Hung Up“), und Videos mit Diskoelementen heißt doch um Gottes Willen nicht gleich das Madonna auch nur irgendwie Vorlage war.
    Auch muss ich fragen warum auf einmal so sehr auf die qualität der Lampen in diesem Video eingegangen wird?
    Ist das nicht Absicht? Muss denn alles perfekt und steril inszeniert sein? Ich sehe das auch nicht als Trash, nur weil die etwas abgewrackt aussehen, das ganze Lokal, indem sie ihr Tanzbein schwingt, ist schlicht und weg einfach sehr einfach und oll dargestellt. Schau dir doch auch mal das Essen auf dem Album-Cover an, genauso abgewrackt bzw. oll.

    Ich persönlich finde da kein Verständnis. In dem Video (LMK) konnte ich schon immer gut auf die Musik achten. In einem Video kann ich aber manchmal auch bedingt auf die Musik achten, aber sie ist dadurch doch nicht verstummt oder weg, viele Videos von Björk zum Beispiel sind so abgefahren das man/frau auch sagen könnte, da achtet doch keine Sau mehr auf die Musik, na und? Ich schau mir ein Video an weil ich etwas sehen UND hören will, es liegt dann eher an der Person selbst, welche dann nicht fähig ist das ganze aufzunehmen, wirken zu lassen und dann zu vereinen.

    Meine Meinung dazu…wer mich eines Besseren belehren kann der soll das bitte tun.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.