Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Wolfgang Müller

Wie tief muss die Auseinandersetzung mit einem Song schürfen, bis so etwas wie eine ›eigene‹ Kunstsprache zum Vorschein kommt? Warum reicht das vorhandene Vokabular an Sprache, Syntax und Stilen nicht immer aus, um im Song eine eigene Identität formulieren zu können? Was macht einen Song zu einem genuinen Ausdruck einer Persönlichkeit und somit zu etwas über die eigene Zeit hinaus Weisendem? Ist Songsprache zwangsläufig informiert von ausgiebiger Beschäftigung mit Literatur?
    Im vierten Teil dieser Reihe berichtet Wolfgang Müller aus dem Kulturbetrieb der achtziger Jahre und über seine Band Die Tödliche Doris. In den nächsten Wochen folgen: Max Müller (Mutter, Campingsex), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), Dendemann und DJ Koze (beide in Spex #310).

WolfgangMüllerWolfgang Müller, Jahrgang 1957, prägte Anfang der Achtziger gemeinsam mit Blixa Bargeld den Begriff des »Genialen Dilletanten«, der fortan all jene Protagonisten zusammenzufassen schien, die im damaligen Westberlin an einem eigenen Ausdruck und einer eigenen Sprache feilten. Der große Bruder des Mutter-Sängers Max Müller und Kopf der legendären Berliner Band Die Tödliche Doris arbeitet seitdem ebenso unermüdlich wie akribisch. Ausstellungen, Performances, Schallplattenveröffentlichungen, Hörspiele, Islandstudien und schließlich der temporäre Betrieb eines privaten Goethe-Instituts in Reykjavík lassen die Bandbreite der Aktivitäten Wolfgang Müllers erahnen. Zuletzt stellte Wolfgang Müller für den Bayerischen Rundfunk ein Dieter Roth Orchester zusammen, in dem Andreas Dorau, Khan, Namosh, Stereo Total, Mutter, Mouse on Mars und er selbst auf der CD »Das Dieter Roth Orchester spielt kleine Wolken, typische Scheiße und nie gehörte Musik« Texte des Fluxuskünstlers Dieter Roth als Songs vertonten.

Interessanterweise wurde die Tödliche Doris immer als Sprachband wahrgenommen, im Unterschied zur Musikband. Als ob die Musik bei uns nicht so wichtig gewesen wäre… Vielleicht lag das daran, dass ich mit dem Buch »Geniale Dilletanten« damals versucht habe, viele Musiker dazu zu überreden, Texte beizusteuern. Nur kamen dann fast nur schlechte Texte – Leute wie Frieder Butzmann und Gudrun Gut waren die Ausnahme –, so dass ich fast das gesamte Buch selber unter Pseudonymen geschrieben habe. Claudia Schand zum Beispiel, das bin ich. »Geniale Dilletanten« war die Konstruktion einer Bewegung. Es gab ja nur dieses eine Konzert. Aber es ist natürlich interessant zu sehen, dass fast alle Beteiligten seitdem Karriere gemacht haben: Dr. Motte, Westbam, die Einstürzenden Neubauten, Frieder Butzmann, Gudrun Gut, ich… Rückblickend finde ich es interessant, dass sich damals, Anfang der Achtziger, alle darüber definierten, dass sie etwas anderes gemacht haben als andere. Heute scheint es mir so, dass jeder das Gleiche machen will wie jeder andere auch.

    Ich habe also bei der Tödlichen Doris gelernt, dass das Lob, »gute Texte zu machen«, auch wie vernichtende Kritik gelesen werden kann, wie ein negatives Urteil. Dabei liegt die Wahrheit in der Sprache. Sprache kann so wahnsinnig viel transportieren. Schon »Die Tödliche Doris« ist ein
Sprachspiel. Habe ich mich verhört? Es muss doch »die tödliche Dosis« heißen … Im DDR-Lexikon der Populären Musik von 1987 wird die Band folgerichtig genau so gelistet: »Die Westberliner Avantgarde-Gruppe mit gesellschaftskritischen Texten Die Tödliche Dosis…«. Da habe ich mich schon gefragt, ob man das nicht als Triumph verbuchen sollte, dass gerade das Land, in dem Sprache nur aus Doppelbedeutungen bestand, wo die Leute im Theater an codierten Stellen klatschten, die der Staat nicht angreifen konnte, gerade in der DDR, wo alles chiffriert war und die Leute viel sensibilisierter gegenüber der Sprache waren, gerade da fielen sie auf unseren Bandnamen herein. Kurz: Mir geht es um Bewusstmachung von Sprache.

Was ist mit dem Tippfehler im Wort »Dilletanten«?
    Der war nun einmal passiert. Aber er ließ sich natürlich wunderbar als vermeintliches Konzept kommunizieren. Und aus heutiger Sicht ist man natürlich gewarnt, was für eine Macht Sprache haben kann. Bei dem »Geniale Dilletanten«-Buch funktionierte die Sprache, weil sie humorlos gehalten war, sachlich und kalt. Ich habe Bazon Brock zitiert und Goethe. Das hat die Leute aufgeregt, weil es ihnen die Möglichkeit zur Identifi kation genommen hat.

    Es ist wahnsinnig schwer, in der Popmusik nicht in Klischees abzugleiten. Ein gutes Beispiel ist Udo Lindenberg. Seine ersten beiden Platten gehören zum Besten, das je in deutscher Sprache getextet wurde. Auch DAF haben ein, zwei Platten lang tolle Sachen gemacht. So viele deutschsprachige Künstler haben sich aber darauf eingelassen, dass ihre Sprache sich bald wiederholte, zur Methode wurde. Ein Pakt mit dem Teufel. Meistens haben mich die Künstler ab diesem Punkt nicht mehr interessiert – sobald sie nämlich die Sprache nicht mehr betrachtet haben als ein Mittel, um Neues zu erforschen. Die Tödliche Doris war von Anfang an geprägt von diesem Bewusstsein: Nie sollte es passieren, dass die Sprache bei uns zur Masche verkommt. Muster sind nichts anderes als Stereotypen.

Du hast Musikgeschichte geschrieben mit den Platten »Vier« und »Sechs« – und kaum einer hat’s gemerkt. Synchron abgespielt nämlich ergeben sie die Platte »Fünf« …
    »Vier«, auch bekannt als »Unser Debut«, war eine so genannte U-Musik-Platte. Auf textlicher Ebene gab es nur Behauptungen und Slogans. Das waren richtiggehend Plattitüden: »Farbenprächtige Kostüme voller Munterkeit / Lustig und heiter ist der Auftakt der Schau / Das Publikum ist entzückt, wenn sich das Ballett im Kreise dreht«. Die Spex hat die Platte übrigens genau deswegen damals verrissen. Genau ein halbes Jahr später veröffentlichten wir die zweite Platte. Bei der war es genau umgekehrt: Hier herrschte eine entkernte, nüchterne Sprache vor, lange Pausen lagen zwischen den einzelnen Wörtern – sie klang wie eine E-Musik-Platte. Tatsächlich passten die einzelnen Worte aber genau in die Lücken der ersten Platte. Wenn es also auf der ersten Platte hieß »Eine Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort«, dann erzählte diese Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort, nämlich der anderen Platte, Witze. Hörte man nur die »Sechs«, hörte man nur die Witze. Diedrich Diederichsen hat damals als Einziger den Braten gerochen. Er hat die »Sechs« als ganz große Kunst beschrieben, war aber ebenfalls nicht darauf gekommen, dass man die hätte gleichzeitig abspielen müssen… Aber das will man ihm nun  wirklich nicht vorwerfen.

Ihr habt aber auch keinerlei Hinweise gegeben …
    Zugegeben. Und schlussendlich war mit diesen drei Platten dann auch alles gesagt, da wir  zwischen Festlegung und totaler Fragmentierung alles ausgelotet hatten. Es war an der Zeit, die Doris aufzulösen. Denn wir hatten das Spannungsverhältnis, aus dem ein guter Text entstehen kann, erforscht. Wir mussten es nicht mehr wiederholen.

Die Band löste sich auf in weißem Wein aus dem Veneto, den der Spex-Autor Thomas Schönberger 1988 im Auftrag der Tödlichen Doris nach Deutschland importierte.
    Die Band wurde zu Weißwein und zu einem Etikett auf einer Flasche. Das war ja auch so eine sprachliche Sache: Eine Band »auflösen« – wie geht das? Ich meinte damals, dass ich die Band gerne in Lebensmittel auflösen würde, nur in was für welche? Am besten solche, die man auch wirklich verdauen kann.

Also nicht wie Dieter Roth seinerzeit Bücher von Günther Grass zerrissen hat und mit Sülze zu unverdaulichen Würsten verarbeitete?
    Dessen Bücher waren ja schon vorher unverdaulich. Dieter Roth war einer der wenigen in den Sechzigern, die sich getraut haben zu sagen, dass die Literatur von Günther Grass schlecht ist. Hegel hat er, glaube ich, auch noch zu Literaturwurst verarbeitet. Als ich die Tödliche Doris auflöste, habe ich hingegen etwas aufgelöst, das ich heute noch klasse finde. Das einzige  Lebensmittel übrigens, das auf dem Etikett einen Namen wie »Die Tödliche Doris« verträgt, ist Wein. Weine tragen Namen wie »Krügers Nacktarsch« oder »Oppenheimer Krötenbrunnen«. Als Künstler, die wir ja waren, standen wir den Ausdrucksmitteln der bildenden Kunst und  speziell dem neoexpressionistischen Stil sehr skeptisch gegenüber, wählten stattdessen das Feld der Popmusik, um unsere Aussagen zu treffen. Meine erste Soloplatte nach Auflösung der Tödlichen Doris war dann schließlich die Lautbarmachung der Ultraschalllaute von Fledermäusen. Mein erstes Soloalbum sollte etwas zuvor noch nie Gehörtes sein – und quasi das Versprechen einlösen, das Solokünstler für gewöhnlich infl ationär geben. Die Platte klang ja weder schön noch toll, aber man hatte so etwas zuvor noch nie gehört! Ein philosophischer Nebenaspekt war, dass die Fledermaus durch die Reflexion der Ultraschall-Echolaute, also ihrer Sprache, sich selbst vergewissert, an welcher Stelle sie sich im Raum befindet. Sie ortet den Raum und weiß, wo sie selber steht. Das ist beim Mensch genauso: Man kann die eigene Persönlichkeit nicht selber bilden, sondern nur durch Interaktion mit der Umwelt und mit anderen Leuten. Interessanterweise wird das ja in jüngster Zeit bestritten, indem die »Individualität« der Menschen zum höchsten Gut ausgerufen wird – als Unterscheidung zum Islam, wo die Menschen angeblich keine Individuen sind, sondern eine »Masse«.

Dieter Roth hat als Nicht-Musiker Texte geschrieben, die du kürzlich von verschiedenen Sängern hast vertonen lassen. Was macht einen guten Songtext aus?
    Das ganze System Popmusik basiert auf Identität, also auf Wiedererkennbarkeit und eigenem Stil. Dieter Roth hat das Gegenteil getan. Er hat praktisch für jeden seiner Texte eine neue Form gesucht und ist damit gegen die Formung einer Identität angegangen. Er legte keinen Wert auf Wiedererkennbarkeit. So kam es, dass diese Texte, die er in den Sechzigern geschrieben hatte, heute wunderbar funktionieren können als Vorlagen für Andreas Dorau, Stereo Total, Die Tödliche Doris, Max Müller und so viele andere mehr. Die Platte ist empfehlenswert. Dieter Roth war darüber hinaus destruktiv veranlagt. Er nannte ein wichtiges, im Suhrkamp-Verlag  erschienenes Buch »Frühe Schriften und typische Scheiße«. Das war auch schon in den Siebzigern ein Hinderungsgrund, um ein Buch verkauft zu bekommen. Ich habe das Buch Jahre später im Ramsch für drei Mark erstanden. Heute kostet ein Exemplar 150 Euro. Die Texte von Dieter Roth mussten wie alle guten Texte zunächst erfolglos bleiben. Man muss Erfolglosigkeit in Kauf nehmen, weil die Grundbedingung für künstlerische Textarbeit die Rücksichtslosigkeit ist. Dass ein eigener Stil beim Publikum gut ankommt, muss eigentlich für den Künstler bedeuten, ihn hinter sich zu lassen. Das Befolgen dieser Grundsätze ist die Basis für gute Texte. Erfolglosigkeit ist der Preis, weil sich Erfolg nun einmal nur durch Identifikation einstellt. Ich meine: Würden die Leute Nick Cave folgen, wenn er plötzlich meinen würde, aus künstlerischen Gründen witzig und unterhaltsam statt melancholisch und existentialistisch sein zu müssen?


Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dirk von Lowtzow, Kristof Schreuf, Antye Greie, Max Müller, Blixa Bargeld, Dendemann, DJ Koze.

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