Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: DJ Koze

Die deutsche Sprache zu dehnen und geschmeidig zu machen, auf dass sie – aufgeladen mit Identität – zum originalen Ausdruck ihres Sängers oder Sprechers wird – im Juli trafen wir den Hamburger Rapper, DJ und Technoproduzenten DJ Koze aka Adolf Noise in seinem derzeit im Umbau befindlichen Studio auf St. Pauli, Hamburg. DJ Koze, Gründungsmitglied von Fischmob und International Pony, gilt als Dekonstruktivist der deutschen Sprache. Mantra-artig vorgetragene Phrasen – »Meine Reime sind feine Reime / Deine Reime sind Schweinereime / Meine Reime sind feine, stoffliche Reime / Deine Reime sind Uääärgh! Bääääh!« (aus dem Track »Deine Reime sind Schweine«) – wachsen bei DJ Koze, 35, mit jeder Wiederholung zu monströsen Meta-Gesellschaftsbetrachtungen. Adolf Noise’ letzte Album-Veröffentlichung »Wo die Rammelwolle fliegt« erschien 2005, im Oktober 2008 veröffentlicht das Kölner Label Kompakt das neue DJ Koze-Album. Selbst wenn er mittlerweile mehr instrumentalen Minimal-Techno produziert oder Geräuschcollagen aus field recordings montiert, tragen seine Tracks noch lautmalerische Titel: »Bäume strahlen Stress aus« oder »Anspieltipp: Titel 5«.

DJKoze Ich texte schon lange. Begonnen habe ich 1994 mit Fischmob. Ich stamme also aus der zweiten Generation des deutschsprachigen Hiphop. Die erste Generation hatte gezeigt, dass es geht. Dass man die deutsche Sprache dehnen und zerren kann wie die englische. Wir mochten zudem gerne Musik und konnten auch Beats basteln. Tatsächlich kamen wir aber weniger vom Hiphop als vielmehr aus anderen Szenen. Vorbilder waren bestimmte Wave-Bands, aber auch Palais Schaumburg. Hiphop war ein links-sozialisierter Zweig, auf dem wir uns treffen, und auf dem wir unsere jungsmäßige Freude am sportlichen Kräftemessen – das Reimen, das Battlen, das Rappen – ausleben konnten. Entscheidend war aber das Neuland ›deutsche Sprache‹. Diese Ambition, einen Thomas Bernhardschen Flow hinzubekommen. Dieser Wunsch, eine Authentizität mittels Sprache zu erreichen.

    Heute rappe ich nur noch selten. Ich bin der Meinung, dass Aussagen gut dosiert werden müssen. Das Sprache-Text-Gerappe hatte mich entfremdet von den Gefühlen, auch von der Einsamkeit und von der deepness. All das geht verloren, wenn dich einer zutextet. Daher habe ich mich dem Geräusch und dem Ton zugewandt. An den Geräuschen fand ich inspirierend, dass sie mich mit mir alleine lassen, weil kein Gequassel die Geräusche stört. Dosierung ist das Wort. Die menschliche Stimme muss sparsam eingesetzt werden. Ich finde es heute meist völlig ausreichend, wenn ein Stück einen interessanten, lautmalerischen Titel hat oder in einem Song nur zwei Zeilen gesprochen oder gesungen werden.

Manchmal hat das Texten aber funktioniert. Ich habe mir kürzlich zum Beispiel wieder meinen Adolf-Noise-Track »Deine Reime sind Schweine« angehört, dabei fiel mir das Mantrahafte des Vortrags auf. Es erinnerte mich in Momenten sogar an Thomas Bernhards »Der Untergeher«. Einen solchen Track kann man gar nicht schreiben. Als ich den Track aufnahm, empfand ich mich wie eine andere Person. Das war aber seinerzeit auch die Idee hinter der Produktion: mich selber abzulauschen. Auf dem Papier funktioniert das gar nicht. Nicht zufällig ist der Track auch in einem Take aufgenommen worden. Es war ein Freestyle, den ich allerdings zu diesem Zeitpunkt schon Wochen lang in mir herum getragen hatte. Tourettemäßig flog mir dieser Rap damals durch den Kopf, wartete nur auf den Moment, abgelassen zu werden. Ich musste mich gewissermaßen selbst überlisten. Ich fühlte mich in dem Moment wie ein Schauspieler.

    DJ Koze war im Moment dieser Aufnahme ein Comic-Charakter. Ich habe diese fiktive Person völlig überzogen zwischen den beiden Extremen ›totaler Stumpfsinn‹ und ›totaler Überblick‹ oszillieren lassen. Es ging tatsächlich darum, in dieser Aufnahme einen Moment einzufangen. Mehr noch: Unbedingte Absicht war, eine Wahrhaftigkeit herzustellen. Vielleicht haben deswegen viele Leute »Deine Reime sind Schweine« als ›Meta-Text‹ bezeichnet. Bei Adolf Noise habe ich seitdem oft mit Realsounds gearbeitet. Telefonanruf, aus dem Fernsehen, Sekundärquellen, zusammengecuttet. Ich nehme also Sachen und stelle sie in einen neuen Kontext. Songtexte werden auf diese Weise zu Schnappschüssen. Sie werden zu verdichteten Momenten der Wahrhaftigkeit. Denn das Gefundene ist keine Kunstform wie das Textschreiben. Einen Text zu verfassen und diesen anschließend schön einzusingen ist am Ende immer eine Behauptung. Es gibt Machensfibeln und Anleitungen dafür, wie das geht, das Textschreiben. Es gibt Techniken.

    Je länger ich Musik mache, desto mehr habe ich den Eindruck, dass alles schon abgegrast worden ist. Gute Texte gibt es bei mir entsprechend nicht häufi ger als alle zwei Jahre. Ich habe eine sehr langsame Produktionsgeschwindigkeit, was das Texten anbetrifft. Denn ein Text hat schließlich ein echter Beitrag zu sein und kein Füllen einer Form. Ein Text darf keine Abarbeitung an einem Format sein. Ein Text darf also nicht einfach nur deshalb entstehen, weil ich das kann: texten. Er muss auch da sein, weil ich ein Mitteilungsbedürfnis habe, eine Message, wenn man so will. Aber die kann man nicht planen.

Wie kommt man dann aber zur Produktivität?
    So einer wie ich darf nicht nur texten, das wäre eine Langsamkeit, die man niemandem zumuten könnte. Aber ich habe mich immer gelangweilt, wenn ich zwei Mal das Gleiche gemacht habe. Und zugleich dämmert mir: Immer das Gleiche zu machen, ist der Schlüssel zum Erfolg. Vor die Wahl gestellt aber, wähle ich das Weitertraben, vom Erfolg weg, hin zu neuen Ufern. Auf texterischer Ebene bedeutet es, dass Virtuosität nicht wirklich wichtig ist. Mein Grundreflex auf fast alles, was ich in deutscher Sprache höre, Dirk von Lowtzow und Dendemann einmal ausgenommen, ist kritisch bis ablehnend. Weil die deutsche Sprache von den meisten Sängern und Rappern indirekt benutzt wird. Ihre Sprache ist meist konstruiert und clever und vorbereitet. So etwas will ich aber gar nicht hören. Mir fehlt da fast immer die Wahrhaftigkeit.

Du kannst aber doch nicht allen Textern die Relevanz absprechen.
    Tue ich ja gar nicht. Ernst Jandl zum Beispiel finde ich unfassbar gut. Der versucht einem eben nicht etwas bereits Formatiertes unterzujubeln. Den Mund aufzumachen, und das Gesagte hat eine Autorität – das ist es doch, worum es gehen muss, wenn man sich anmaßt, zu Menschen zu singen. Jens Rachut von Dackelblut, Blumen am Arsch der Hölle und Kommando Sonne-nmilch ist auch so eine Naturgewalt; seine Sprache ist wie ein Wasserfall. Rachut braucht bloß seinen Mund aufzureißen und es wird relevant. Das Problem ist: Die deutsche Sprache verbaut sehr oft die Schönheit. Und manchmal gelingt es, auch ohne eigenes Zutun, mit der Sprache etwas exorbitant Gültiges zu schaffen. Mir fällt dazu natürlich der Adolf-Noise-Track »Zuviel Zeit?« ein, in welchem ich einen gefundenen Singsang von Gunter Gabriel wie ein field recording benutzte, um schließlich selbst darüber zu improvisieren und den Song ad absurdum zu führen.

In dem Song beschimpft Gabriel sein Publikum in Ostdeutschland: »Ihr habt ja zuviel Zeit, sonst wäret ihr ja nicht schon um fünf Uhr hier. Ich habe leider keine Zeit, ich muss meinen Arsch ständig in Bewegung halten, damit die Knete stimmt.« Du hast diesen Rap geloopt.
    Ich fand diese logische Rückkopplung, die er gegenüber seinem Publikum hinlegte, einfach sehr erstaunlich. Er beschwert sich bei seinen eigenen Zuschauern, dass diese zahlreich und pünktlich um 17 Uhr zu seinem Konzert bei der Eröffnung eines Möbelhauses in Eisleben gekommen sind. Er hingegen muss um diese Uhrzeit auf der Bühne stehen und arbeiten, also seinen Arsch in Bewegung halten, damit die Knete stimmt. Diesen Gedankengang fand ich bemerkenswert. Und so etwas zeigen die auf RTL. Für solche Situationen habe ich mittlerweile ein Gespür. Natürlich habe ich im richtigen Moment meinen Mini-Disc-Rekorder eingeschaltet und alles mitgeschnitten. Dadurch hatte ich die Klangquelle, aus der ich anschließend den Track »Zuviel Zeit?« zusammenschneiden konnte.

In dieser Auseinandersetzung mit Gunter Gabriel wurde mir übrigens bewusst, dass wir Deutschen unser Publikum viel zu selten beschimpfen. Von Herzen kommende Bosheiten können aber der schönste Sprachflow sein, den man unter Freunden haben kann. Wenn ich meinen Freund Mense Reents anrufe, dann hinterlasse ich auf seinem Anrufbeantworter gerne Nachrichten wie diese: »Dass ich angerufen habe, war dir ja offensichtlich egal. War egal für Mense. Geht links rein und rechts raus. Schöner Freund.« Natürlich ist es liebevoll, aber der Flow ist wunderbar. Ich finde es nahe liegend, Hörer zu beschimpfen. Mit Übersprungshandlungen. Mit Tourette. Mit Nervkram. Man unterhält sich doch auch im Büro nicht normal. Das meine ich mit Wahrhaftigkeit: Man möchte keinen völlig codierten Wahnsinn loslassen, sondern ich möchte in Sprache übersetzen, was für mich einer echten Kommunikation entspricht. So wie Gunter Gabriels Kommunikation mit seinem Publikum echt und somit wahrhaftig gewesen ist.

    Schon seit längerem schwebt mir übrigens ein Tourette-Rap vor.

Leidest du unter dem Tourette-Syndrom?
    Nein, aber meine Freundin sagt, ich hätte es ein bisschen, sie sagt dann immer, dass ich in solchen Momenten eine ›verbale Entgiftung‹ an mir selbst vornehme.

    Das funktioniert nur, weil wir alle wissen, dass wir es sowieso nicht so meinen, wie es gesagt wird, sondern im Gegenteil ganz anders. Das sich gegenseitige Beschimpfen nimmt mitunter unglaubliche Ausmaße an, aber anschließend geht es mir stets spürbar besser. Wir finden ob dieser wahnsinnig brutalen Übertreibungen viel näher zueinander. Ich bin ja ohnehin der Meinung, dass man der Öffentlichkeit viel mehr und eine viel explizitere Sprache zumuten könnte. Wüste Beschimpfungen, das wär’s doch. Allerdings laufen solche Ambitionen diametral den Wünschen und Strategien der Plattenfirmen entgegen. Deren Policy besagt ganz klar: Man darf sein Publikum nicht beschimpfen. Als Boygroup-Sänger darfst du ja noch nicht einmal eine Freundin oder einen Freund haben – um für das Publikum als Projektionsfläche zu funktionieren. Aber in Wirklichkeit, wenn das Mikrofon ausgeschaltet ist, reden wir alle doch in einem sehr harten Umgangston miteinander. Mit Beschimpfungen kann man eine Kraft ausloten, die noch weitgehend unerforscht ist in der Musik. Und als Texter muss ich mir eben dies immer wieder vergegenwärtigen: dass alles möglich ist, dass ich eben keine Korrekturen vornehmen muss, nur weil man annimmt, man dürfe oder könne etwas nicht aussprechen.


Tatsächlich beschränkst du dich zurzeit darauf, deinen minimalelektronischen Tracks, die ohne Gesang und also ohne Text auskommen, lautmalerische, vieldeutige Titel zu geben…
    Wieviel Dosis Text ist wirklich notwendig? Bevor ich einen Text schreibe, den man zu Recht als peinlich bezeichnen könnte, beschränke ich mich lieber auf einen guten Titel für einen ansonsten instrumentalen Track. Mir reicht es ja nicht, einen Text zu schreiben, der gut geschrieben ist. Es müssen auch eine Wahrhaftigkeit und eine Fügung zusammenkommen. Ein guter Text verblüfft sogar seinen Verfasser. Weil er besser ist, als es der Autor eigentlich kann. Und das wiederum bedeutet nun einmal, dass ich vielleicht 14 von 15 Texten nicht verwende. Bei Fischmob habe ich viel geschrieben und gerappt. Aus heutiger Sicht finde ich, dass mir da aus rap-sportlicher Sicht ein paar ganz gute Doppelreime gelungen sind. Aber ansonsten habe ich damals viel zu viele Wörter benötigt. Ich finde es heute befremdlich, wie stark wir alle von dem Umstand eingeengt waren, dass man sich beim Rappen mit anderen hat messen wollen, wie wichtig die Skills waren. Dagegen vermisse ich allerorten absurde Texte, zum Beispiel in Gospelchören. Warum müssen die immer singen: »Your love is my only desire«? Warum singen die nicht mit der gleichen Virtuosität einfach mal etwas Wahnsinniges?

Was zum Beispiel?
    »Dem Schwein müsste man die Schnauze mit Montageschaum aussprühen.«

    Ich möchte eben, dass die Form passt und der Inhalt subversiv ist. Ich wünsche mir eine Unterwanderung der Form. Ich wünsche mir »Zauberberg« und Klaus & Klaus. Einen total seriösen theoretischen Überbau und totalen Dünnsinn zugleich. Ich träume übrigens von einer psychedelischen Karnevalsplatte. Ich habe schon 15 Hooks zusammen, bei denen das ganze Zelt wackeln wird, da bin ich mir sicher. Und wenn die Leute einmal hinhören würden, was sie da gerade für einen Wahnsinn bierselig mitsingen, dann hätte ich es geschafft. Dann hätte ich alles zusammengebracht: die Beschimpfungen, die Dummheit, die Form, den Inhalt. Da bin ich natürlich geprägt von dAdA.

Geht es also auch um eine Befreiung des Geistes?
    Für meine Karnevalsplatte scharren sie alle schon mit den Hufen – Rocko Schamoni, Andreas Dorau und noch einige mehr. Sie wollen alle mitmachen. Denn sie wissen, dass sie sich bei mir so richtig gehen lassen können. Die leiden doch auch darunter, sich immer von ihrer besten Seite zeigen zu müssen. Ich kritisiere Rocko Schamoni ja auch dafür, dass er nicht albern genug ist. Klar: Er will mit 40 nicht mehr festgelegt werden auf Kalauer und Gags. Aber kaum ist das Mikrofon abgeschaltet, wird er wieder zum Vogel. Da frage ich mich, ob der seriöse Rocko nicht einen Teil seiner Identität auf der Strecke gelassen hat. Man sieht ja an Helge Schneider, wohin einen totale Virtuosität und eine hohe psychedelische Kraft bringen können: zur Sonne.

Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dirk von Lowtzow, Kristof Schreuf, Antye Greie, Wolfgang Müller, Max Müller, Blixa Bargeld, Dendemann.
Das neue Koze-Album erscheint im Oktober 2008 auf Kompakt. Seit kurzem betreibt DJ Koze alias Stefan Kozalla sein eigenes Label Hoobert, auf dem bisher das Solo-Debüt »It's Zwanietime« von Zwanie Jonson erschienen ist.

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