Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dirk von Lowtzow

Die Fragen lauteten: Wie tief muss die Auseinandersetzung mit einem Song schürfen, bis so etwas wie eine ›eigene‹ Kunstsprache zum Vorschein kommt? Warum reicht das vorhandene Vokabular an Sprache, Syntax und Stilen nicht immer aus, um im Song eine eigene Identität formulieren zu können? Was macht einen Song zu einem genuinen Ausdruck einer Persönlichkeit und somit zu etwas über die eigene Zeit hinaus Weisendem? Ist Songsprache zwangsläufig informiert von ausgiebiger Beschäftigung mit Literatur? Insgesamt acht deutschsprachige Sängerinnen und Sänger, Urheber ihrer eigenen Texte, berichten in Einzelgesprächen über Erfahrungswerte und schildern in monologartiger Form ihre tägliche Arbeit am Wortwerk. Aufgeteilt in mehrere Folgen, kommen vorerst immer Donnerstags die Künstler zu Wort: Wir beginnen mit Dirk von Lowtzow (Tocotronic), es folgen: Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Antye Greie (Laub, agf), Kristof Schreuf (Brüllen, Kolossale Jugend), Max Müller (Mutter, Campingsex), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), folgen werden Dendemann und DJ Koze (beide in Spex #310).

Als Kopf von Tocotronic arbeitet der 36-jährige Dirk von Lowtzow seit 1995 an einer funktionalen Sprache, die das Schildern der eigenen Befindlichkeit ausklammert. Als Texter, nicht als Lyriker sieht sich der Sänger, der bisweilen die Rollen wechselt und für die Berliner Kunstzeitschrift Texte zur Kunst auch als Autor auftritt. Er sagt, Tocotronic sei von Anfang an als Folie angelegt gewesen, auf die Slogans und manifestartige Behauptungen projiziert werden konnten. Anfang Juli ist das mit Spannung erwartete Nachfolgealbum zu »Pure Vernunft darf niemals siegen« von 2004 erschienen. Es trägt den  vielversprechenden Titel »Kapitulation«.

Ich habe ein Problem mit dem Begriff »meine Sprache«. Dazu war ich in der Vergangenheit viel zu sehr Chamäleon. Ich habe selbst viel zu sehr die Sprachen anderer collagiert, als dass ich von meiner eigenen Sprache sprechen wollte. Es gibt nicht die eine Sprache, die ich spreche. Ich bin ein extremer Fan. Und wenn ich mich selbst analysiere, dann setze ich mich zusammen aus vielen Stimmen oder Sprachen oder Dialekten eben jener, die mir etwas bedeuten.

    Eine eigene Sprache zu sprechen, bedeutet ja auch, eine Autorenposition einzunehmen. Das klingt mir aber zu intentional. So bin ich nicht. Als ich beispielsweise auf dem ersten Album von Tocotronic den Song »Freiburg« – also erstes Album, erster Song – geschrieben habe, war mir nur eins bewusst: Die Zeilen »Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse / Fahrradfahrer dieser Stadt / Ich bin alleine und ich weiß es / Und ich find es sogar cool / Und ihr demonstriert Verbrüderung« waren keine Zeilen des Protestes. Ich wollte eine gerade, schmucklose, nicht verzierte Sprache, das wusste ich schon damals. Ja, mir gefiel sogar der Gedanke, dass einer denken könnte, ich hätte das Lied in einem Moment auf die Ecke eines Papiers gekritzelt. Ich wollte, dass mein Text auf eine unprätentiöse Art daherkommt. Wenn, dann war das meine Sprache – dass diese Absicht eben nicht poetisch verborgen wurde. Ein Stück wie »Freiburg« funktioniert nur deswegen, weil es wie dahingeschrieben ist. Meine Sprache war also schon damals keine  authentische. Ich wollte nichts loswerden, ich wollte mich nicht beschweren, nahm einfach etwas, das im Kern harmlos war – Fahrradfahrer, Backgammonspieler, Tanztheater – und prangerte es an. Ich hätte auch Rucksackträger oder Grüne-Tee-Trinker singen können, völlig austauschbar. Der Trick, dass die Leute sagen: »Er hat völlig Recht!«, hätte immer funktioniert.

    Ich möchte mir auf eine gewisse Art sogar eine Identität absprechen: Ich habe eher das Gefühl, dass die Sprache sich meiner bedient, nicht umgekehrt. Selten habe ich etwas zu sagen. Also bin ich in diesem Sinne auch selten in der Situation, dass ich um Worte ringe, um genau das auszudrücken, was ich sagen will. Ich möchte lieber Untertan der Sprache sein, als mir die Sprache untertan zu machen. Immer wieder gibt es natürlich Initialzündungen, Schnapsideen. Um bei dem Beispiel des Songs zu bleiben, war die Schnapsidee das Wort ›Freiburg‹. Tatsächlich habe ich dort mal gelebt. Dann ein paar Zeilen dazu zu schreiben, ist schon fast écriture automatique – also automatisches Schreiben. Ich bin in diesem Sinne eher Texter als Autor. Auch, weil Songtexte etwas Funktionales haben. Ich empfinde den Auftragscharakter eines Songtextes – also, es gibt einen Song, ein Text muss her! – gar nicht uninteressant. Ein Text hat also ein klares Ziel. Ich mag es in diesem Sinne, mein eigener Auftraggeber zu sein. Ich schreibe diese Texte ja schließlich für Tocotronic – und nicht für Texte zur Kunst. Diese Band wiederum hat ein ganz spezifisches Konzept. Ich kann von einem Text ganz klar sagen, ob er zu Tocotronic passt oder nicht. Viele meiner Texte für Tocotronic arbeiten ganz bewusst mit Slogans, mit Behauptungen. Die sind da, weil ich mir zuvor vorgenommen hatte, dass Slogans auftauchen müssen – weil Slogans ein Teil von Tocotronic sind. Slogans durchziehen meine Texte daher auch von der ersten bis zur letzten Platte – »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!«, »Pure Vernunft darf niemals siegen«, »Digital ist besser« sind alles Slogans, und ich könnte Dutzende aufzählen.

Redest du von Markenschärfe über Sprache? Tocotronic als Marke?
    So könnte man es ausdrücken. Vier Alben lang funktionierte die Sprache gut, die ich mit dem ersten  Album eingeführt hatte. Danach stellten wir fest: Wir sind zur Marke geworden. Ich kam mir damals vor wie mein eigener Werbetexter. Dass die Textebene bei Tocotronic immer eine konzeptuelle,  experimentelle war, haben viele in der Gewöhnung an die Texte übersehen. Sie nahmen die Texte immer als unmittelbare Äußerungen eines Subjekts, also mir, wahr, das waren sie aber tatsächlich nie. Aus genau diesem Grund wählten wir eine Modifikation der Sprache. Die Unterscheidung, der Bruch markierte sich in einer Sprache, die fortan weniger identitätsstiftend war als vorher. Wir änderten gewissermaßen das Rezept.

Weil es niemals um Befindlichkeit geht?
    Ganz genau. Es ist ein Problem, wenn man plötzlich mit einer anderen Rezeptionsgeschichte konfrontiert wird. Unsere Rezeption von Tocotronic war immer ganz klar, seit Gründung der Band übrigens: In unserer Wahrnehmung sind wir eine konzeptuelle Band – und die Texte sind ein Bestandteil. Wir haben anfangs lange Zeit darauf verwendet, eine Bandidentität zu entwerfen. Die Musik, tja, die haben wir damals an ein paar Nachmittagen eingespielt. Vom Ansatz her waren wir also in jedem Falle eher eine dieser englischen Art-School-Bands als eine ehrliche Working-Class-Kapelle. In Deutschland gibt es dieses Klassendenken so gut wie gar nicht, deswegen ist es vielleicht nicht allen aufgefallen. Erst als wir gemerkt hatten, dass dieser konzeptuelle Ansatz bei Tocotronic in der Rezeption durch unser Publikum total ignoriert wird, wollten wir handeln, korrigieren, modifizieren.
    Ich habe also meine Texte verändert. Ganz bewusst. Der Bruch lässt sich klar benennen, der fand mit der Platte »K.O.O.K.« statt, die Platte mit dem Science-Fiction-Cover von Chris Foster. Seitdem  unterscheiden wir zwischen der ersten Phase und der zweiten. Auf »Pure Vernunft darf niemals siegen« waren mir die Slogans so ernst, dass es geradezu aberwitzig wurde. Ich wollte, dass es bitterernst und total witzig zur gleichen Zeit sein kann.

Auf »Pure Vernunft darf niemals siegen« gibt es den bemerkenswerten Song »In höchsten Höhen«, da gibt es die Zeilen »Im Blick zurück entstehen Dinge / Die dazu führen, dass wir uns finden«. Das ist nicht total witzig, eher schon reflektiert.
    Vor allem ist dieser Song keine Miniatur wie »Freiburg« oder »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein« mit seinem aus nur wenigen Sätzen bestehenden Songtext. Mich hat es im Laufe der Zeit immer mehr interessiert, mich in einem populären, oder nennen wir es konventionellen Genre wie dem Song zu bewegen – und dessen Ecken auszuleuchten. Wie weit kann ich im Format des Songs gehen? Das heißt für mich: größtmögliche Verknappung. Oder es heißt für mich, mal einen zwölfminütigen Song zu schreiben, der nur aus einem Satz bestand. Umgekehrt fand ich es genauso reizvoll, zur Abwechslung sehr kurze Songs mit sehr langen Texten zu schreiben. Nur eins war immer klar: Das Format bleibt der Song. Ich finde experimentelles Arbeiten innerhalb der Konventionen, die ein Song nun einmal mit sich bringt, viel spannender als völlig freies Arbeiten. Zu viel Freiheit in der Form würde bei mir zu Beliebigkeit führen. Mir geht es darum, mich mit einem Songtext an einer Aufgabenstellung abzuarbeiten. Wenn ich eine Aufgabenstellung habe, kann ich auch mit Alleatorik, also einem bewusst eingesetzten Zufallsprinzip arbeiten.
    Denn man kann ja nicht nur Songs schreiben – man kann an ihnen auch scheitern. Ich bewundere den Künstler Michael Krebber – er war früher der Assistent von Martin Kippenberger –, weil er sich nach wie vor als klassischer Maler begreift, seine Denktechnik aber sehr viel weiter geht. Als Außenstehender könnte man sich fragen: Warum beschränkt er sich auf Malerei? Mir leuchtet das total ein. Ich würde mich übrigens gar nicht wundern, wenn Krebber das Bildermalen gar nicht so gerne mag! Vielleicht mag ich ja auch persönlich gar nicht so gerne Songs, sondern höre viel lieber Miles Davis? Aber darum geht es nicht, es geht nicht um mich und um Krebber. In meinen Augen ist das Unoriginelle manchmal interessanter als das krampfhaft Originelle. Sich zu wiederholen und wieder aufzugreifen, sich auf Gewesenes,  Geäußertes, Geschriebenes zu beziehen, finde ich nicht nur total schlüssig, sondern auch ungemein faszinierend. Ich liebe diesen Satz von Neil Young: »Every song sounds the same – it’s all one song.« So habe ich es bei Tocotronic auch stets zu halten versucht. Ich mag die Idee, Stücke anzugleichen. Ich mag auch die Idee, dass alles gleich klingen könnte, nur in den Details sich unterscheidet.

    In der Sprache gibt es die Entsprechung in der Form der Litanei, also der ewigen Wiederholung. Das Interessante daran ist ja, dass der Sinn durch die Wiederholung irgendwann wegsackt, in den Hintergrund rückt. Es ist gewissermaßen gar nicht mehr so wichtig, was mit den Worten transportiert wird, sondern nur die Worte selber sind noch wichtig, entwickeln ein Eigenleben. Und das ist genau das, was ich eingangs meinte: Ich bin am glücklichsten, wenn die Sprache nicht mehr ein Werkzeug ist, dessen man sich bedient, sondern wenn die ein Eigenleben zu führen beginnt – und ich als Texter eine Distanz zum Song bekomme.


Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Kristof Schreuf, Antye Greie, Wolfgang Müller, Max Müller, Blixa Bargeld, Dendemann, DJ Koze.

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