Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dendemann

Dendemann oder die Gnade der späten Geburt: Den Hiphop ins Deutsche übertragen haben andere vor ihm. Als Dendemann gemeinsam mit seinem langjährigen Kompagnon DJ Rabauke 1997 das Rap-Duo Eins Zwo gründete, war die Landkarte des deutschprachigen Hiphop schon weitgehend erkundet. Für den heute 34-jährigen Wahlhamburger blieb die Formfrage, die er akribisch und virtuos mit Wortspielen und anfangs auch anarchistischem Humor zu füllen begann. Sprache, sagt Dendemann, der als Daniel Ebel zur Welt kam, sei eine »Taktung von Silben, eine strenge Form, die mit Inhalt zu füllen ist. Alles steht und fällt mit dem Reimflow.« Das Handwerk beherrscht Dendemann, wie er mit seinem Album »Die Pfütze des Eisbergs« und zuletzt auf dem Melt! Festival bewies. Geradezu ratlos wirkte er allerdings über den Dächern Berlins, auf der großzügigen Terrasse seines Labels, als es um konkrete Inhalte und die Überwindung der Formfrage ging: Bequem geworden angesichts des eigenen, verlässlichen Erfolgs, fordert Dendemann einen Herausforderer. Gerade erst hat er eine längere Kreativpause angekündigt. Zurückkehren wolle er erst dann, wenn »das Rad namens Rap neuerfunden ist«.

DendemannWenn man über Kunstsprache in der deutschen Musik spricht, gehört deutscher Hiphop in jedem Falle dazu. Vielleicht ist er im Moment ein wenig in Verruf gekommen. Aber es gab auch die guten Zeiten. Ich gehöre zur dritten Generation im deutschen Hiphop. LSD (Legally Spread Dope, Anm. d. Red.), Advanced Chemistry, bitte nie Fantastische Vier vergessen. Das war die erste. Dann kam die zweite Generation mit der MZEE-Clique – also MC Rene, Massive Töne, Cora E., die Stieber Twins –, außerdem in Hamburg Der Tobi und das Bo, Fettes Brot. Und dann kam ich.

Auf Deutsch zu rappen hat sich beim Machen gleich von Anfang an so richtig, so wahr, so unmittelbar angefühlt, dass ich einfach bei der deutschen Sprache blieb. Ich zog nach Hamburg und kümmerte mich um einen Praktikumsplatz in einer Videofirma, die damals im gleichen Büro untergebracht war wie die Plattenfirma Yo Mama – in meinen Augen war das damals ein wahnsinnig wichtiges Label. Der Hamburger Sound, wie er beispielsweise von Fettes Brot oder Der Tobi und das Bo gemacht wurde, war für mich der erste richtig identitätsbeladene deutsche Hiphop. Das war ehrlich adaptiert von US-amerikanischen Vorbildern. Alles Tolle, was man vom amerikanischen Hiphop so mitnehmen kann, hatten die schon in ihren Sound einfließen lassen – und viel Eigenes hinzugetan.

Andererseits oder gerade deshalb habe ich, wie viele andere auch, an mehr oder weniger lustigen Anglizismen gebastelt. Die wahrscheinlich Hiphop-typischste Form der Kunstsprache. Ständig war jemand »tight am representen« oder »derbe am reminiscen«. Einige solcher künstlichen Sprachwendungen – etwa der Begriff »Eimsbush« – haben es sogar in den ottonormalen Sprachgebrauch geschafft. Ich für meinen Teil hatte aber immer am meisten Spaß an den schier unerschöpflichen Doppeldeutigkeiten im Deutschen. »Schlagfertig wie Sprühsahne«, »ausschlaggebend wie Allergien«, »Randgruppen und Schnittmengen« – das alles sind für mich Beispiele für die Dehnbarkeit der deutschen Sprache.

    Mit der Zeit aber wurde die Frage: ›Wie klingt denn das?‹ immer wichtiger. Wir alle, nicht nur Fettes Brot, hatten unser ein Jahrzehnt umfassendes Ami-Rap-Studium hinter uns und natürlich einen bestimmten Klang im Ohr, wie geschmeidig sich Sprechgesang anzuhören hatte, den man nicht unterbieten durfte. Unsere Aufgabe war: Wir mussten es ins Deutsche übertragen. Die Fragen lauteten: Wie klingt der Reim? Wie flowt der über die Musik? Passt der Rap zur Musik? Wie bekomme ich die gleiche Entspanntheit oder Aggressivität hin? Am amerikanischen Hiphop hat mich immer der Skill der Rapper am meisten beeindruckt. Ich fragte mich: Wie kriege ich diesen in meine Sprache reingeprügelt? Da haben wir dann viel probiert, wir betraten ja nach wie vor Neuland.

    Da gab es dann eine ganze Weile den unanfechtbaren Wert eines spezifischen, mehrsilbigen Versmaßes, das sich irgendwann ganz still und leise durchgesetzt hatte. In einem Vers hatten sich beispielsweise immer am Ende mindestens zwei Silben reimen müssen. Besser waren drei. Und gerne auch mehr. Aber drei war fast immer optimal für den Klang. Ein »Wie« am Anfang der zweiten Zeile, auch das hatten wir bald raus, passte fast immer und erlaubte es, immer neue Vergleiche anzustellen. Mit der Zeit bekamen wir mit, dass der Reim ja nicht nur dazu dient, den eigenen Einfallsreichtum zur Schau zu stellen. Es wurde zudem sehr wichtig, stets aufs Neue mit Reimen aufzuwarten, die noch keiner zuvor benutzt hatte. Es war wie ein Sport. Wir standen immer unter dem Druck, stets ganz anders als die anderen sein zu müssen.

Ich hatte eine Zeit lang eine Hotline eingerichtet, auf der gelegentlich Samy Deluxe anrief und sich vergewissern wollte, dass auch ja niemand vor ihm zum Beispiel den Reim »Jediritter / Babysitter« schon benutzt hätte. Denn er kannte natürlich nicht alle Platten und schon gar nicht die Platten von denen, die er nicht schätzte. Wir nannten die Hotline »Reimkartei«.

    Das führte dazu, dass Reime oft von der Form ausgingen, man also zwei sich reimende Endsilben hatte – und den Sinn, den Inhalt nachträglich ergänzte. Seine Blütezeit erlebte der deutsche Hiphop dennoch zwischen 1998 und 2000 – als genau so gereimt wurde. Ich für meinen Teil habe seitdem kontinuierlich an meinem Klang gearbeitet. Ich begann am mehrsilbigen Reim als Melodiemittel zu arbeiten. Denn ein Charakteristikum von Hiphop ist ja, dass die Beats in der Regel etwas Tonales, aber nur selten eine Melodie haben. Das musste der Reim erfüllen.

    Dass wir popsprachlich eine Art von Neuland betreten haben, hat zumindest mich nie wirklich tangiert. Gut, mir blieben Anfängerfehler erspart, da andere sie bereits gemacht hatten – etwa in der Sprache total sperrig und unfunkig zu sein. Umgekehrt habe ich erlebt, dass viele deutschsprachige Rapper überhaupt erst durch ihre intensive Beschäftigung mit der eigenen Sprache in der Folge auch angefangen haben, deutschsprachige Popmusik zu hören. Zum Beispiel Tocotronic. Dirk von Lowtzows Texte und seine manifestartigen Slogans hätte ich ohne den Umweg Hiphop nie mitbekommen – Rock interessiert mich einfach nicht. Als ich sie dann aber aus dem Blickwinkel des Texters las, haben sie mich schier umgehauen. Ohne auch nur einen Song gehört zu haben, urteilte ich über die Songs auf »Nach der verlorenen Zeit«: Das ist ja schon beim Lesen genial!

    Ich erinnere mich aber ebenso gut noch an die Zeit, in der es immer wieder hieß: Du kannst doch nicht als Mittelklasse-Reihenhauskind so tun, als wärst du ein Rapper. Stimmt: In der Kleinstadt, aus der ich komme, gab es keine brennenden Mülltonnen und auch keine Ghettos. Umso mehr war es mir seitdem aber ein Anliegen, zu beweisen, dass gerade meine Herkunft mir erlaubte zu rappen – indem ich muttersprachlich über meinen eigenen Erfahrungshorizont und mein Umfeld berichtete. Diesen Beweis anzutreten, dass gerade dies authentisch ist, spornte mich an. Übrigens bin ich mir sicher: Wenn man Hiphop einmal persönlich fragen würde, täte er antworten: »Jungs, tobt euch aus, ist alles erlaubt. Aber bitte bleibt ehrlich.« Wir fühlten uns immer von Hiphop legitimiert.

Mit Ehrlichkeit meinst du Identität?
    Ganz genau. Und diese Ehrlichkeit kann ich sogar in einigen aktuellen Entwicklungen im deutschen Hiphop erkennen, auch wenn mir die musikalisch und rap-technisch ungemein aufstoßen. Ich kann das daher nicht verteufeln, nur wird es halt von Asis gemacht.

Du sprichst von Berliner Rap?
    Wir wissen doch beide, wer gemeint ist, oder? Harald Schmidt würde wahrscheinlich »Unterschichten-Rap« dazu sagen. Wo wird deine Identität sichtbar? Viele Sprüche, die ich bei meinen Eltern gehört habe, Bauernweisheiten gewissermaßen, stecken tief in mir drin. »Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht«. Solche Sprüche habe ich ständig hören müssen. Bei mir wird dann aus »Unkraut vergeht nicht« eine Zeile wie »Mundraub vergeht nicht«. Eigentlich müsste ich meinen Vater bei der Gema anmelden.

Hast du auch Vorbilder aus der Literatur?
    Ich habe fast keine Bücher gelesen in meinem Leben. Reimtechnisch fand ich Heinz Rühmann und Wilhelm Busch ganz groß. Es gibt übrigens ein interessantes Phänomen: Deutsche Rapper hören keinen deutschen Hiphop. Ich kenne kaum einen Kollegen, der in den Laden gehen und eine Platte von einem anderen Rapper kaufen würde. Wozu eine Platte von jemandem kaufen, der schlechter ist als man selbst? Über eine Form von Konkurrenzbeobachtung hört sich in der Regel keiner die Platten vom anderen an. Es gibt also gewissermaßen ganz viele Einzelgänger. Das war früher mal anders. Ich denke, das ist eine Entwicklung, die sich beschleunigt hat, seit alle die gleichen Sounds benutzen und mit der gleichen Software arbeiten. Manchmal habe ich auch den Eindruck, alle würden die gleichen Reime recyclen. Die Unterschiede schwinden, man hält sich für den Besten und macht sein Ding weiter.

In Hamburg gab es damals einen Zusammenhalt. Ich habe Bo von Tobi und das Bo einmal gefragt, als ich mir unsicher war, ob ich einen grammatikalisch falschen Satz so bringen könnte. Ich fragte: »Verstehst du diesen Satz?« Er bejahte. In solchen Momenten kann man den anderen bestärken, einen experimentellen Weg fortzuschreiten. So gab es eine Zeit lang in Hamburg Ansätze, die in die Richtung gingen, Satzbau und Grammatik hinter sich zu lassen. Reim dich oder ich schreib dich. Aber ich würde diese Phase nicht überbewerten. Das hat sich nicht als rhetorisches Mittel durchgesetzt. Trotzdem darf man grundsätzlich alles, solange es gut klingt.

Tatsächlich hat sich aber phonetisches Reimen durchgesetzt, wie man es teilweise wohl auch aus der Dichtung kennt. Wenn man die Wörter auf eine bestimmte Art ausspricht, kann sich auch ›Mülltonne‹ auf ›Bildung‹ reimen. Die Aussprache ist wichtig, sie ist essentiell für den Klang. Die Stieber Twins haben damals eine wichtige Neuerung  eingeführt, indem sie im Heidelberger Dialekt gerappt haben. Der regionale Klang hat Originalität ins Geschäft gebracht. Das war schon fast so etwas wie ein glaubwürdiger Slang, obwohl sich auf dem Papier alles gleich liest, gar keine regionalen Wörter auftauchen, eben nur die Aussprache anders ist. Rödelheim haben es im Hessischen vorgemacht, »Digger« hier, »Digger« da war dann quasi die Hamburger Hafenarbeitersprech-Variante. In Berlin praktizieren das heute Icke und Er. Wir nennen es: dialektisches Rappen.

Im Englischen spricht man von der »June Moon Rhyming School«, wenn man auf besonders plumpe Reime in einem Songtext oder einem Gedicht stößt. Bei dir reimt sich auf deinem aktuellen Album »Die Pfütze des Eisbergs« wie folgt: »Es wächst kein Gras mehr« mit »Glas leer«. Das klingt nach Reimzwang.
    Akzeptiert. Aber andererseits fühlt es sich nicht gut an, wenn sich zu wenig reimt. Sprache ist nun einmal im Hiphop stärkeren formalen Regeln unterworfen als im Rock. Es ist wichtiger, dass sich etwas gut anhört, als dass es literarisch wertvoll ist. Zumindest ich habe 2000 bewusst den Pfad des abstrakten Wahnsinns verlassen – wie ich ihn gemeinsam mit Rabauke bei Eins Zwo teilweise noch beschritten hatte. Heute heißt es ja oft, wir hätten auch sprachliches Neuland betreten, indem wir krumme Versmaße, zu viele Silben benutzten. Dadurch bekam der deutsch-sprachige Hiphop eine erzählerische Komponente, die er vielleicht heute nicht mehr so hat. Aber krummes Versmaß bedeutete eben auch, dass man beispielsweise drei Takte volltextete und im vierten dann nichts mehr zu sagen hatte. Aus musikalischen Gründen habe ich von dieser Methode Abstand genommen.

Du wartest also auf einen neuen Quantensprung im deutschen Hiphop?
    Ja, aber ich habe mittlerweile bereits resigniert. Andererseits bin ich Rapper und kein Labelbesitzer. Nur als Labelbesitzer müsste ich mir Sorgen machen. Als erfolgreicher Rapper bereitet mir das Fehlen einer revolutionären Neuentwicklung eher weniger als mehr Probleme. Denn zur Zeit gibt es nur Samy, Dendemann… und dann wird’s dünn.


Aber eigentlich müsste doch jeder der etablierten Rapper – also auch du – mit dem Selbstverständnis an die Sache heran gehen, diesen Schritt höchstpersönlich zu vollziehen. Den anderen eine Harke zeigen.
    Das ist aber nicht mein Anliegen. Natürlich arbeite ich an meinen Reimen, aber ich glaube, ich kann für alle trägen Hiphopper sprechen, dass keiner von uns derzeit in der Lage wäre, diesen Schritt zu gehen. Vielleicht ist es uns schlichtweg egal, ob einer von uns diesen Schritt geht. Dafür sind wir uns alle zu sicher. Vor allem die paar, die Erfolg haben.

Im Klartext reden wir also von Stagnation?
    Ja. Und das schon seit Jahren.

Was muss also passieren?
    Wir brauchen einen. Einer reicht wahrscheinlich, besser wären natürlich zwei oder drei. Der neue Schub kann nur mit einem neuen Rapper kommen, mit einem neuen Gesicht, mit jemandem, der die Grenzen radikal überschreitet. Der muss technisch so gut sein, dass die anderen Rapper, ich vor allem, sagen: »Nach dem möchte ich nicht auftreten.« Außerdem muss er natürlich inhaltlich überzeugen. Wenn er eine eigene Sprache mitbringt, wird ihm das auch gutgeschrieben. Gut aussehen, jung sein – all das wären geldwerte Vorteile.

Du musst herausgefordert werden – und es gibt keinen Herausforderer? Keine Berliner Aggro-Rapper, niemanden, der dir einfällt?
    Ich kann ehrlich gesagt gut darauf verzichten, herausgefordert zu werden. Aber als Fan von deutschem Hiphop sage ich: Da ist niemand. Es ist ganz klar: Wenn der auftaucht, wird es endlich wieder spannend.

Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dirk von Lowtzow, Kristof Schreuf, Antye Greie, Wolfgang Müller, Max Müller, Blixa Bargeld, DJ Koze.

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