Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Antye Greie

Wie tief muss die Auseinandersetzung mit einem Song schürfen, bis so etwas wie eine ›eigene‹ Kunstsprache zum Vorschein kommt? Warum reicht das vorhandene Vokabular an Sprache, Syntax und Stilen nicht immer aus, um im Song eine eigene Identität formulieren zu können? Was macht einen Song zu einem genuinen Ausdruck einer Persönlichkeit und somit zu etwas über die eigene Zeit hinaus Weisendem? Ist Songsprache zwangsläufig informiert von ausgiebiger Beschäftigung mit Literatur?
    Im dritten Teil dieser Reihe berichtet Antye Greie über ihre Arbeiten als Laub, agf oder agf/Delay. In den nächsten Wochen folgen: Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Max Müller (Mutter, Campingsex), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), folgen werden Dendemann und DJ Koze (beide in Spex #310).

Die 1969 in Halle/Saale geborene, in Berlin lebende Sängerin Antye Greie veröffentlicht seit 1997 als weibliche Hälfte des Duos Laub, unter dem Kürzel agf wie auch in Kollaboration mit ihrem Mann Vladislav Delay, auch bekannt als Luomo, eine Vielzahl von Songs und Alben.
In einigen Fällen experimentiert Greie mit HTML-Programmiersprache (»Head Slash Bauch«), in anderen dichtet sie nach den Regeln einer ganz eigenen Metrik (»Miniversum«). Auf dem dieser Tage erscheinenden Laub-Album »Deinetwegen« beschreitet sie abermals neue Wege – sie sucht nach einer passenden deutschen Übersetzung für die Geschichten des Blues.

Ich benutze unterschiedliche Sprache für unterschiedliche Projekte. Das hat sich im Laufe der Jahre so entwickelt. Je inhaltsbezogener ich für ein jeweiliges Projekt arbeitete, desto mehr unterschied sich die Sprache auch von den vorangegangenen. Es gab eine Phase der Identitätsfindung, da war ich in meinen Zwanzigern. Da ging es mir etwa darum, mich mit meiner Sprache von anderen abzusetzen, Trennlinien zu ziehen. Heute würde ich sagen, ich ahne meine Identität, also muss ich mich auch nicht mehr so von anderen absetzen.
    Neben diesem ganz dringlichen, persönlichen Ansatz, der sich in vielen meiner Songs finden lässt, arbeite ich heute gern auch konzeptuell. Ein gutes Beispiel hierfür ist mein Album »Head Slash Bauch«, auf welchem ich Programmiercodes singe: »Layer read me slash p / id blockquote slash layer movable / liniendicke slash sehr groß schriftgröße erste ordnung / slash color click mich«. Das war mein erstes Soloalbum unter dem Kürzel ›agf‹.

    Ich habe damals HTML-Programmiersprache gelernt, und ich habe mich zugleich durch diese ganzen Musiksoftware-Benutzerhandbücher durchgearbeitet – ich bin ja nicht nur Sängerin, sondern auch Produzentin. Ausprobiert hatte ich die Idee auf einem Song für das Album »Dolls«, den ich für den Streicherarrangeur von Massive Attack, Craig Armstrong, eingesungen habe: Da sang ich den Quellcode einer zufällig ausgewählten Website.

    »Head Slash Bauch« hat mir, vielleicht auch, weil es bis zu einem gewissen Grad auf der ganzen  Welt verstehbar war, sehr viel Feedback eingebracht. Zwar habe ich die Wörter deutsch  ausgesprochen, aber es war eben deutsch ausgesprochener HTML-Quellcode, und somit universal verständlich. Die Platten, die ich unter dem Namen Laub aufnehme, sprechen eine viel persönlichere Sprache, in der das Schildern von Befindlichkeit ausdrücklich dazugehört. Ganz persönliches Betrachten. Das ist heutzutage fast ein Tabu.

    Das ging mit »Miniversum« los, es gab Wortfindungen über Filesharing und solche Sachen. Den Song »Grau« habe ich übrigens zusammen mit Kristof Schreuf geschrieben. Das Lied findet sich auf dem Laub-Album »Unter anderen Bedingungen als Liebe« – da geht es: »Straßenbahnen / straßen bahnen leiser / ihren weg / durch baustellen diesmal / was baut da wer schon wieder auf / auf jeden fall / sieht es ziemlich nach glas aus / und nach bombast«.

Mit deinem Mann Vladislav Delay hast du 2005 das Album »Explode« aufgenommen. Da bist du abermals anders mit Sprache umgegangen.
    Da haben wir viel aus Büchern und DVDs gesampelt. Das kommt daher, dass ich in mir ständig Phrasen und Sätze speichere. Ich funktioniere da fast selbst wie ein Sampler – nur eben mit Sprache und Worten. Da habe ich zum Beispiel erlebt, dass ich auch freestyle mit Sprache  umgehen kann. Unsere gemeinsamen Live-Auftritte haben mich in diesem Freestyle bestätigt. Auf der Bühne konnte ich improvisieren, indem ich zitierte. Ganz nebenbei durchbrach diese Herangehensweise auch die ewige Wiederholung auf der Bühne. Ich habe zu Hause eine Aufnahmekabine in meinem Studio, in die kann ich, nur mit einem Thema, über das ich freestyle improvisieren möchte, hineingehen und singen, ganz ohne vorbereitete Textblätter. Aus diesem situativen Sich-hineinfallen-lassen-Können sind meine schönsten Songs entstanden. Ein Beispiel ist »Explode Baby«, ein Song über eine Suicide-Bomberin, über die ich im Internet ein Portrait gelesen hatte. Die Frau hat sich und elf Unbeteiligte in den Tod gerissen. Das hat mich sehr berührt.

Was genau hat dich daran berührt?
    Vor allem ihr Foto: Sie trug einen Schleier, aber man sah ihr Gesicht, ganz weiß, mit rot geschminkten Lippen, eine wunderschöne Frau. Schlau, 21 Jahre alt, Jurastudentin. Songs wie dieser sind ganz anders als die frühen Sachen, also auch Songs, die ich für Laub geschrieben habe. Damals musste ich sagen, was ich denke und fühle. Heute kann ich reflektierter, distanzierter, konzeptueller herangehen. Ich habe nicht mehr so viel zu berichten.

Auf deinem neuen Laub-Album »Deinetwegen« berichtest du aus dem Alltag, dazu hört man deepe Blues-Gitarren, die den Stil der Mississippi-Delta-Blueser zitieren, es erinnert an Ekkehard Ehlers’ »A Life Without Fear« – nur dass du deutsch singst …
    Mein Laub-Partner und Gitarrist Jotka wollte unbedingt Blues spielen. Das war für mich überraschend, aber ich begann mich mit der Materie zu beschäftigen und stellte fest: Die sangen damals auch ganz einfache Geschichten über ihr Alltagsleben. Alltagsleben heißt für mich: »An so einem tag / nach stunden / der telekommunikation / zähle ich: 200 emails durchgeschliffen / 30 mal zum telefon gegriffen / und schlussendlich nicht viel erreicht / und kaum etwas begriffen«. So etwas darf man meiner Ansicht nach gerne dokumentieren, festhalten. Jotka hat mir sehr viele alte Bluesplatten zum Anhören gegeben. Die Einfachheit hat mich beeindruckt. Jotka erwähnte irgendwann, dass er der Meinung sei, wir hätten ohnehin schon immer Blues gespielt – nur eben ohne hörbare Bluesriffs. Es war immer schon mein ganz großer Ehrgeiz, eine musikalische, emotional berührende, aber auch moderne Sprache zu entwickeln. Ich denke, dass ich geprägt bin von meiner Kindheit und Jugend in der DDR. Es gibt aus meiner Sicht daher auch nicht so viele Vorbilder in der deutschen Musik. Ich bin anders mit Musik aufgewachsen als jeder Westdeutsche. Wenn Muddy Waters von seinem »Homeland« singt, stelle ich mir die Frage: Was ist mein Homeland? Da finde ich nicht so leicht eine Antwort. Ich weiß nur: Ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Mein Land gibt es nicht mehr. Mir ging dann auf, dass darüber zu singen vielleicht so etwas wie eine dokumentarisch-emotionale Entsprechung sein könnte zu dem, was ein Blueser damals über eine vergleichbare Situation gesungen hätte. Das Blues-Album ist einfach ein weiteres Projekt, in welchem ich eine andere Sprache ausprobiert habe.

    Im Osten gab es eine ganz krasse Poesie- und Dichtkultur. Bis ich 15 war, habe ich  beispielsweise nur Gedichte gelesen, gar nicht so sehr Romane. Ich stehe da nicht alleine: Da es in der DDR keine Meinungsfreiheit gegeben hat, gab es wohl diesen tiefen Wunsch, sich anders auszudrücken – über Poesie, Verdichtung, Verschlüsselung. Keiner meiner westdeutschen
Freunde hat sich in seiner Jugend mit Rilke oder Celan oder auch unbekannten Dichtern auseinander gesetzt. Es gab in der DDR regelmäßig erscheinende Gedichtzeitungen, in denen alle möglichen Leute geschrieben haben, auch Soldaten. Es muss ein Wahnsinns-Bedürfnis nach einem solchen Sich-ausdrücken-Können gegeben haben. Vor allem aber haben mich Frauen beeinflusst: Ingeborg Bachmann oder Else Lasker-Schüler. Für uns aber war das normal. So normal wie MTV gucken. Beides hat auf seine Weise die Musik und die Sprache an den verschiedenen Orten beeinflusst.

    Sowohl in der Liedermacherei als auch im Rock gab es in der DDR Codes, die man einhalten musste, welche die Sänger und Hörer geprägt haben. Dieses Denken in Codes hat bis heute einen ganz klaren Einfluss auf meine Texte. Wenn du etwas beschreiben wolltest, das nicht opportun war, dann musstest du im Schreiben Umwege gehen. Das Ergebnis war sehr oft eine Sprache, die aus lauter Leerstellen und scheinbaren Belanglosigkeiten bestand, die aber zusammengenommen ein Bild ergaben – nur dass es eben in seinen Atombestandteilen nicht angreifbar war. Auch bei mir hangelt sich oft ein Wort zum nächsten. Das ist wie ein Reflex – den ich aber nicht ablegen möchte. Wenn man so wie ich damit aufgewachsen ist, heißt es schlicht und einfach, dass man die Sprache anders angeht als jemand, der seine prägenden ersten 19 Jahre im Westen verbracht hat. Ein solches anderes Sprachverständnis ist einfach in dir, das kann man reflektieren, aber es bleibt als Prägung.
    In der Sprache geht seitdem für mich alles. Bis hin zum Extrem: Mein neues agf-Album wird den Titel »Words Are Missing« tragen. Zum ersten Mal werde ich ohne Worte auskommen. Das ist eine große Herausforderung. Die Worte wegzulassen, ist spannend. Ich will mich nach 15 Alben, die ich in den letzten Jahren aufgenommen habe, noch einmal neu mit Sprache auseinander setzen.

Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dirk von Lowtzow, Kristof Schreuf, Wolfgang Müller, Max Müller, Blixa Bargeld, Dendemann, DJ Koze.

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