Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Jens Rachut

Er ist der berühmteste Punk Hamburgs. Mit seinen Bands Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Oma Hans und zuletzt Kommando Sonne-Nmilch schrieb der 1954 in der Hansestadt geborene Jens Rachut deutschsprachige Musikgeschichte. Seine Texte spreizen die Grammatik, sind oft humorvoll, immer direkt und zeugen von einer gewissen Unbeugsamkeit. Interviews mit Jens Rachut haben absoluten Seltenheitswert, da sich der Sänger und Texter nahezu konsequent der Presse verweigert. Umso überraschender kam seine Zusage im Januar. Einzige Bedingung: Eine Flasche Sekt hat schön durchgegletschert beim Interview bereitzustehen. Dafür war Rachut, der als erfolgreicher Theaterschauspieler unentwegt auf Achse ist und viel Zeit in Zügen verbringt, auch bereit, die Reise von Hamburg nach Berlin zu unternehmen. Schließlich sei Berlin, anders als Hamburg, noch nicht städtebaulich glattgebügelt.

 

Kunstsprache Jens Rachut
»Er lebt alleine im Tal, sieht derbe aus, aber er weiß ganz viel … Er kann mir alles über das Wetter erzählen und über die Jagd.« (Jens Rachut)

 

(Foto: © Oliver Schultz-Berndt / SPEX)

Die Stadt Hamburg, in der ich geboren wurde und seitdem lebe, hat keinen Einfluss auf meine Texte. Andererseits weiß ich natürlich nicht, wie es wäre, wenn ich in Frankfurt am Main aufgewachsen wäre. Ich weiß nur, dass meine Heimatstadt in den letzten zwei Jahrzehnten total verwahrlost ist. Jede gewachsene Nische haben sie im Zuge fehlgeleiteter Stadt erneuerung angehübscht, feingemacht, blankgeputzt. Es gibt in Hamburg keinen Dreck mehr wie in Berlin, keine Zwischenräume. Ich bemerke, wie sich die Stadt ändert, weil ich viel auf Reisen bin, in den Jahren viel am Theater in Zürich und Berlin zu tun hatte – und immer wenn ich zurückkehre, ist in Hamburg wieder eine liebgewonnene Ecke glattgebügelt worden. Ich bin schon immer viel gereist. In ICEs kann ich gut Texte und Hörspiele schreiben. Das tue ich auch in Hotelzimmern, wenn ich unterwegs bin, oder in den Buden, in denen ich absteige. Und natürlich schreibe ich gelegentlich auch an meinem Schreibtisch zu Hause. Einfach, weil ich dort am Ende doch die meiste Zeit verbringe.

    Wenn es für mich eine Methode gibt beim Texten, dann die, dass ich versuche, zumindest meine Songtexte nur nachts zu schreiben, wenn es draußen schon dunkel ist. Es muss spät sein. Ich muss allein sein. Und ich trinke dann Rotwein dazu. Ich schreibe, ich schreibe, ich schreibe – und dann trinke ich ein Glas Rotwein, und dann noch eins, und dann noch eins. Und dann gehe ich irgendwann frühmorgens ins Bett. Wenn ich mir dann am nächsten Morgen das am Abend Geschriebene wieder angucke, schmeiß’ ich die Hälfte davon gleich wieder weg. Mindestens. Weil ich eben doch teilweise totale Scheiße geschrieben habe. Und dann geht’s weiter. Einem guten Text gehen eine Reihe weggeworfener Texte voraus. So genial bin ich nicht, dass mir Texte in einem Rutsch gelingen.

    Auf meiner Platte »Jamaica« von Kommando Sonne-Nmilch gibt es einen fast fünf Minuten langen Song, der heißt »Das Verhör«. Es gibt keinen Song von mir, dessen Fertigstellung länger gedauert hätte. Endlos zog es sich hin, bis ich schließlich wusste: Jetzt sitzt der Text. Es existiert ein Foto von mir in einem Zimmer, ich sitze am Tisch, auf dem steht eine leergetrunkene Flasche Rotwein, vor allem aber ist ein riesiger Stoß Papier zu sehen. Da habe ich gerade an »Das Verhör« geschrieben. Zeile für Zeile habe ich mir erkämpfen müssen, ich will gar nicht wissen, wie viele vollgeschriebene Seiten Papier ich dafür weggeschmissen habe. Ich habe natürlich weitergemacht, weil ich wusste, dass ich da etwas an der Angel habe, es ist in meinen Augen oft nur eine Geduldsfrage, bis ein Text schließlich steht.

    In »Das Verhör« geht ein Typ zum Arzt, zu einem Psychiater. Er wird gebeten, seinen Gemütszustand zu beschreiben. Und er antwortet, dass er mit den Menschen nicht klarkomme, dass er mit denen nicht reden könne. Dass er ihre Sprache, also die Sprache der Menschen und ihre Witze nicht verstehe. Er sagt dem Arzt, dass er viel lieber alleine sei. Das war für mich der zu schreibende Song, das weiß ich noch, ich hatte diese Idee. Und ich konnte den Typen, um den es in dem Song gehen sollte, ein Stück weit nachvollziehen: Manchmal geht es mir im Leben genauso. Ich hatte also eine klare Vorstellung von dem, was ich in Worte fassen wollte. Und außerdem gab es die Musik, die war bereits eingespielt, und sie klang in meinen Ohren so unfassbar geil, sie war so ungemein treibend.

    Zu dieser Musik wollte ich einen langen, guten Text verfassen. Das war ich der Musik schuldig. Ich weiß noch, dass ich dachte: Dieses Stück Musik ist wie ein Auswärtssieg. Ich kam dann irgendwann auf die Lösung, dass der Text zwei Figuren involvieren sollte. Die des Arztes und die des Typen, der den Arzt aufsucht, der Misanthrop ist, einer, der die Welt nicht mag. Der Song ist der Monolog des Typen, mit dem er sich an den Arzt richtet. Ursprünglich hatte ich für den Song zuerst nur eine Person, nämlich den Typen selbst, ohne Gegenüber, dem die Menschen zu viel Scheiße labern. Doch dann stellte sich mir die Frage: An wen richten sich eigentlich seine Zweifel und seine Wut? Mit der Figur des Arztes hatte ich eine Projektionsfläche, an die er sich wenden konnte. Die ersten Zeilen von »Das Verhör« lauten dementsprechend: »Beschreibe deinen Gemütszustand / Der Puls ist ganz normal / Lass das Flackern in den Fragen / Deiner Augen ruh’n // Herr Dr. ich weiß auch nicht / Es ist ’ne Art Belag / Er schwert mein ganzes Leben / Die Nerven liegen blank«. Was sich ganz leicht und wie aus dem Ärmel geschüttelt anhört, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines langen Eindampfungsprozesses. Der Song steigert sich zu den Zeilen: »Ich hoff’ ich krieg’ mehr Power drauf / Diese ewige Sucherei / Und Tod durch Lachen gibt es einfach nicht / Ofenheizung analog – der Fortschritt ist gemein / Doc – manchmal denk’ ich deswegen, Doc / Denk’ ich: zu spät«.

    Der Typ ist einer, der nicht bereit ist, den ganzen Mist mitzumachen. Die Zeilen »Und rein da in die Soße will ich nicht / Nicken, Knicken, Arschrasur / Karriere Anfang – Klick – Hochzeitsbilder / Kinderhort – was soll das Doc?« bringen das ganz gut auf den Punkt. Ich rede von gesellschaftlichen Konventionen, gegen die ich früher mal gewesen bin – gegen das Heiraten, das Karrieremachen, das Buckeln, das Opportunistische. Von daher mag dieser Typ auch ein Teil von mir sein, aber er steht jetzt nicht für eine Botschaft, die ich rüberbringen möchte, er ist eher ein Beispiel für viele Menschen, die es in einer Gesellschaft gibt, und die mit den Zwängen nicht klarkommen. Bestimmt ist da etwas von mir in diesem Typen – schließlich könnte ich mich nicht in einen Staatsanwalt oder einen Unternehmer hineinversetzen. Das Naheliegendste schreibt man auf.

    Alle Ideen und Textzeilen, die mir zu »Das Verhör« im Laufe der Zeit einfielen, habe ich wie alle anderen Notizen auch mit Kugelschreiber in so kleine Billigschreibblöcke hineingekritzelt, die ich in der Jackentasche immer bei mir trage. Wenn ich Muße habe, schreibe ich in Druckschrift, wenn es fließt, verfalle ich in eine fast unleserliche Schnellschrift. Ich würde mal sagen, dass geschätzte acht Prozent meiner Texte schon mal wegen Unleserlichkeit nie das Licht der Welt erblickt haben. Auf jeden Fall konnte ich meine Notizen am nächsten Tag nicht mehr lesen. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte Schreibmaschine schreiben. Aber ich kann es nicht. Wenn die Gedanken schnell sind, komme ich mit dem Aufschreiben nicht nach.

Fiel es Ihnen schwer, einen Song wie »Holzfäller« zu schreiben? Der ist völlig anders als »Das Verhör«, er ist ganz witzig und ironisch, überhaupt nicht schwer und ernst.
    Da hatte ich einen Satz, der passte, gleich zu Anfang: »Sie sind kräftig, manchmal feige und haben kaum Verstand«. Ich miete mir jedes Jahr eine Hütte oben in Norwegen. Der Deal mit dem Vermieter schließt ein, dass ich während meines Aufenthalts stets auch Holz machen muss. Seit acht Jahren bin ich Besitzer einer Motorsäge, und ich mache dann tatsächlich mit einigen Nachbarn im Winter Holz. Irgendwann kamen dann die Folgesätze dazu und reihten sich nahtlos ein: »Zeckenbisse an den Beinen / Und sind ganz wenig krank / Sägen weg die Wälder / Kriegen fast kein Geld«. Der eine Nachbar von mir in Norwegen ist Lehrer von Beruf, der andere arbeitet jetzt auf einer Bohrinsel. Und im Nebental lebt einer, der war früher Alkoholiker und hat sein Leben lang in einer Säurefabrik gearbeitet. Jetzt ist er sauber und Frührentner. Er wohnt das ganze Jahr dort, macht Holz und jagt. Er lebt völlig alleine im Tal, sieht derbe aus, aber er weiß ganz viel. Als ich ihn diesen Winter besucht habe, hat er mir gesagt: »Wenn ich mal nicht schlafen kann, morgens um fünf Uhr, dann setze ich mich auf die Terrasse, höre dem Wind zu und schaue mir die Wolken an, wie sie vorbeiziehen.« Er kann mir alles über das Wetter erzählen und auch über die Jagd. Zweimal war ich, quasi als Zuschauer, mit ihm Rehe jagen, ich bin mit ihm durch den Wald gepirscht. Morgens um sechs gingen wir los, die Hunde hauen erst mal ab, weil sie heiß sind, weil sie die ganze Zeit über im Käfig gehalten werden und sich erst einmal verausgaben müssen. Die freuen sich so, laufen zu dürfen! Nach einer Stunde haben sich die Hunde dann immer beruhigt, und wir sind losgelatscht. Das war ein ganz einschneidendes Erlebnis: Ich habe die Natur noch nie so gesehen und gehört wie auf dieser Jagd durch den dunklen, kalten norwegischen Wald. Hätte ich dazu die Möglichkeit, würde ich die Zeile »…und sie haben kaum Verstand« heute mit Sicherheit streichen und durch etwas Freundlicheres ersetzen. Durch etwas, das nicht so gemein klingt.

Weil das ein einfacher, aber kein dummer Mann ist?
    Genau. Die letzte Strophe allerdings, die würde ich stehen lassen, denn da singe ich: »Musikalisch nicht astrein / Diese Fäller machen Späne / Und hassen Holzleim! / Und hassen Holzleim! / Und hassen Holzleim! / Sie hassen alles«.

Auch Sie hassen gelegentlich. In dem Song »Es gibt keinen Weihnachtsmann« singen Sie: »Es gibt keinen Weihnachtsmann / Es gibt keinen Gott / … / Nimm deine Rentiere und lass sie frei / Faule Sau! / Ein Mal im Jahr nur arbeiten? / Wie wär’s mit neuen Klamotten? / Oder mal baden?«
    Das stimmt: Ich glaube nicht an Gott, aber ich denke, dass Beten zu etwas gut ist, ›wenn‹ man an Gott glaubt. Im Akt des Betens liegt sicherlich Kraft und Hoffnung. Aber für mich ist das nichts, für mich gibt es Gott nicht. Vielleicht auch deshalb, weil meine Mutter mich zum Konfirmationsunterricht geschleppt hat und weil ich die ganzen Bibelstunden in der Schule mitnehmen musste. Ich glaube nicht daran, dass man sich als Mensch reinwaschen kann, nur weil man sich einer Kirche anschließt.

Ihre Mutter stirbt gelegentlich in Ihren Songs.
    Stimmt. Zwei, drei Mal bisher. Die ist schon genervt davon. Auf der neuen Platte von Kommando Sonne-Nmilch spricht sie vier Sätze, außerdem haben wir einmal einen Kurzfilm mit ihr gedreht, da spielt sie einen Geist, den Tod, die tote Mutter. Aber das hat sonst weiter keine Bedeutung.

Sie trägt’s mit Humor?
    Ja, irgendwie schon.

Ist die jährliche Reise nach Norwegen für Sie auch eine Reise, um in Ruhe zum Schreiben zu kommen?
    1994 sind wir morgens um sechs Uhr mit Blumen am Arsch der Hölle und Restalkohol im Blut in Hamburg ins Auto gestiegen und sind erst einmal sechs Stunden über Flensburg, Kolding und durch den Tunnel in Aalborg bis nach Århus zur Fähre gefahren, dann viereinhalb Stunden Überfahrt, dann eine halbe Stunde zittern beim Zoll, und dann waren wir am frühen Abend in Norwegen angekommen. In einem Tal, in dem ›nichts‹ ist. Das war toll. Und in dem gleichen Haus haben wir mit Dackelblut später die erste Platte aufgenommen. Und mit Blumen am Arsch der Hölle haben wir in dem Haus geübt. In dem Haus habe ich auch schon ein Hörspiel geschrieben. Und mit Heiner Ebber, also mit Jacques Palminger, habe ich in dem Tal einen Kurzfilm gedreht. Das Haus in Norwegen ist Rückzugsort, ist Erholungsort, ist ein heiliger, geiler Ort, der sich immer gut zum Schreiben angeboten hat. Das zählte. Vielleicht war nicht unentscheidend, dass es ein analoger Ort war, mit Plumpsklo, Brunnen und ohne fließend Wasser. Natürlich ist die Zeit seit meinem ersten Besuch nicht stehengeblieben. Leider gibt es jetzt auch dort Handy empfang und Internet. Eine Tankstelle und eine Schnellstraße, Brücken und Tunnels sind auch schon gebaut worden, sie kreisen das Tal ein. Die Wege verkürzen sich rapide.

Wenn die Erlebnisse und Routinen in Norwegen einen Song wie »Holzfäller« geprägt haben – wie sehr sind Sie von anderen einschneidenden Ereignissen geprägt worden? Sie waren 1991 Fahrer der Goldenen Zitronen, als diese in Hoyerswerda von Neonazis in einen Hinterhalt gelockt wurden.
    Mein Fahrstil ist von diesem Erlebnis geprägt worden. Ich fahre nie wieder mit einem Laster vorwärts durch eine Einfahrt, nur noch rückwärts, damit ich Gas geben und wegfahren kann, wenn was schief läuft. Wir wurden in Hoyerswerda von Glatzen empfangen, da hätten wir eigentlich schon merken müssen, was dort für ein Spiel gespielt wurde, aber wir hatten zu dem Zeitpunkt eine ermüdende achtstündige Autobahnfahrt durch Schneeregen hinter uns. »Wir sind Rechte«, an den Satz erinnere ich mich noch, dann kam schon das Tränengas zum Einsatz. Die hätten uns wahnsinnig schwer verletzt, wenn Aldo Moro, der Bassist der Zitronen und damals noch nicht im Besitz eines Führerscheins, nicht so schnell geschaltet und den Wagen aus der Hölle manövriert hätte. Wir waren ja unbewaffnet. Aber ich habe das Erlebte auch schnell wieder verdaut, ich habe kein Trauma davongetragen. Einen Song müssen andere darüber schreiben. Ich werde es nicht tun.

Warum so kategorisch?
    Weil ich noch nie politische Texte geschrieben habe. Anders als die Zitronen, die in meinen Augen manchmal schon fast politischen Anschauungsunterricht betreiben. Ich glaube aber nicht, dass man die Menschen belehren kann.

Ein Missverständnis, dass Punkrock im Idealfall politisch zu sein hat?
    Es geht in guten Texten ohnehin immer nur um Beobachtungen und um Geschichten. Ich selbst tue mich mit einem Begriff wie ›Punkrock‹ schwer. Die Musikindustrie ist es, die den Produkten Namen gegeben hat, damit sie sich besser verkaufen. Punk ist für mich aber eher eine Haltung als ein Musikstil. Die Sex Pistols haben ja musikalisch nichts anderes als Rock’n’Roll-Rock gemacht, die waren ja noch nicht einmal besonders schnell. Die Kombination aus den Texten und der Mode, das hat die Sex Pistols ausgezeichnet. Und die Haltung von Johnny Rotten natürlich. Und ich wiederum stelle fest, dass sich die Bands heute mehr und mehr angleichen. Als wäre dies eine Bedingung dafür, dass sie bei einem großen Label einen Plattenvertrag bekommen dürfen. Aber ihr Produkt wird von Platte zu Platte weichgespülter. Das fängt bei den Fotos an und endet bei Musik und Texten. Da ist irgendwann gar keine Identität, gar keine Unterscheidung mehr auszumachen.

Da hilft es, bei einem kleinen, unabhängigen Label wie Buback, Schiffen oder Major Label zu veröffentlichen?
    Die lassen mir meine Eigenheiten.

Schreiben Sie Ihre Texte in einer deutschsprachigen Tradition?
    Es gibt natürlich Einflüsse. Vor allem Charles Bukowski, außerdem John Fante. Das war ein Anfang des 20. Jahrhunderts geborener US-amerikanischer Schriftsteller italienischer Abstammung. Bukowski, den ich seit 1976 lese, verehrte ihn als seinen großen Helden – also las ich ihn auch. Andere texterische Einflüsse kommen aus der Musik.

Die beiden Schriftsteller sind Amerikaner.
    Das ist ja egal, es geht um die Haltung. Sie haben viele Gemeinsamkeiten, auch wenn Fante statt »Arsch« noch »Po« sagte. Beide haben gesoffen wie die Löcher, beide waren Loser und beide haben ständig mit Frauen rumgemacht. Aber ich würde nie in einem Buch von Bukowski nachgucken, wenn mir selbst mal eine Zeile fehlt oder ich mit einem Text nicht weiterkomme.

Sie machen Ihre Texte mit sich selbst aus?
    Ich schreibe alle meine Texte alleine. Meine Band kriegt die Texte erst mit, wenn die Platte fertig ist. Manchmal auch in dem Moment, in dem ich sie einsinge. Früher war das anders. Bei Dackelblut haben wir zweimal die Woche geprobt, eisern. Da hat die Band jede neue Zeile hautnahm mitbekommen. Bei meinem Album »Jamaica«, das im letzten Jahr bei Spex für mich überraschend auf Platz drei der Jahresbestenliste landete, hatte ich gerade einmal drei Texte fertig, als wir ins Studio gingen. Wir spielten die Songs ein, danach erst begann ich die Texte zu schreiben. Natürlich setze ich mich auf diese Weise unter Zeitdruck, aber ich weiß ja, dass ich zum Schluss irgendwie doch noch rechtzeitig fertig werde – wenn ich die Musik habe. Um einen Text schreiben zu können, brauche ich nämlich einen konkreten Gesangsrhythmus. Wenn es mir gelingt, diese Silbenzahl mit Inhalt zu füllen, ist der erste Schritt zu einem guten Song bereits getan. Andererseits ist es mit dem Arbeiten auf den letzten Drücker aber auch scheiße: Ich denke oft, es hätte einigen Texten geholfen, wenn ich länger an ihnen gefeilt hätte. Die oft falsche Grammatik ist jedoch gewollt.

Da liest sich ein Songtext dann wie folgt: »Schwarm – Schwärmer – Warme starke Herzen aufgefallen«. Wie machen Sie die deutsche Sprache zu etwas für Sie ganz Eigenem?
    Meine eigene Sprache ist vor allem das Weglassen. Wenige Adjektive, wenige Atmosphäre schaffende Wörter. Er fuhr nicht »die von Fichten eingefasste Auffahrt« hinauf, sondern »er fuhr die Auffahrt hinauf«.

Der Römische Kaiser Titus hat einmal gesagt: »Adjektive machen das Heer langsam.«
    Das ist ja toll! Das hat er gesagt? Den Satz merke ich mir.

Warum teilen Sie sich eigentlich so ungern über Interviews mit, wo doch das Wort Ihr Medium ist?
    Ich habe einfach keine Lust, mich mitzuteilen. Habe ich noch nie gehabt.

Schlechte Erfahrungen?
    Nee, eher keine Erfahrungen. Oder besser: kaum Erfahrungen. Ganz ehrlich: Ich lese auch kaum Zeitschriften. Den Kicker lese ich. Außerdem lese ich gegen meine Flugangst vielleicht zweimal im Jahr die Zeitschrift Aero. In der wird jedes Heft ein Flughafen vorgestellt, und es werden spektakuläre Unglücke beleuchtet. Da ich nie fliege, finde ich Aero schon sehr faszinierend. Ich habe in all den Jahren eigentlich nur zwei Musikzeitungen gerne gelesen, beide waren Fanzines: Das Heft und Wasted Paper, das von Nagel, dem heutigen Sänger von Muff Potter herausgegeben wurde.

Im Zuge fast jeder Platte, die Sie in der Vergangenheit veröffentlicht haben, gründeten Sie auch eine neue Band. Deren Namen strahlen jenen bizarren Humor aus, der sich anschließend in Ihren Texten wiederfindet. Mögen Sie einmal erklären, wie Sie auf all diese Namen gekommen sind?
    Warum die erste Band Angeschissen hieß, das erklärt der Bandname selbst. Blumen am Arsch der Hölle ist auch schnell entmystifiziert: Der bezieht sich auf das gleichnamige Gedicht von Bukowski. Dackelblut habe ich nach einer Textzeile aus einem Theaterstück von Schlingensief benannt. Oma Hans bezieht sich auf ein Foto eines deutschen Soldaten in Argentinien. Er war Transvestit und brachte den anderen das Tanzen bei. Und »Kommando Sonnenmilch« war mal ein Stück von Blumen am Arsch der Hölle, das haben wir auf einer Single veröffentlicht. In dem Song geht es um einen Soldaten, den die Amerikaner in Vietnam vergessen haben. Der hockte nach zwanzig Jahren immer noch in seinem Bunker und wartete auf den Angriffsbefehl. Codewort: Kommando Sonnenmilch.

Auf »Jamaica« haben Sie neben Ihren Songtexten auch ein Backrezept für Krapfen abgedruckt. Ist so etwas eine Ausweitung des texterischen Arbeitsfelds?
    Nee, das ist eine Ausweitung des Quatsches. Es hat keine Bedeutung. Ich hätte auch ein Kreuzworträtsel ausschneiden und dort abdrucken können. Ich glaube fest daran, dass nicht alles, was man macht, eine Begründung nötig hat.

Und was ist mit dem Song »10. September«? Den haben Sie nach dem 11. September geschrieben.
    Ich beschreibe in dem Song die Tagesabläufe der Attentäter, die einen Tag später in die Flugzeuge steigen werden: »Sie haben bestimmt geduscht und etwas gegessen.«

»Gelassenheit ist kräftig / Wir liegen beide im Gras / Haben beide frei und / Alles lässt sich Zeit.«
    Sie haben den Kühlschrank auf und zu gemacht. Und die Hummeln haben noch geschlafen, als sie losgefahren sind und am Flughafen eingecheckt haben, ein schöner Tag wäre es wohl geworden. Mich fasziniert einfach die Vorstellung, dass ich mich hineinversetze in das vermeintlich Normale. Wüsste ich, dass ich vier Stunden später tot sein werde, ich weiß nicht, ob ich ganz normal duschen und frühstücken würde. Die haben sogar noch ihre Betten gemacht, alles ganz sauber und aufgeräumt hinterlassen. Das ist schon enorm entrückt: Du verlässt das Haus, um 3.000 Leute umzubringen, aber du machst vorher noch dein Bett. Aber es passt alles gar nicht, denn ich beschreibe den 10. September. Für mich ist es nämlich schon immer spannender gewesen, etwas vermeintlich Nebensächliches genau zu beschreiben – statt die eigentliche Tat oder das eigentliche Ereignis.

Das aktuelle Mini-Album »Scheiße nicht schon wieder Bernstein!« von Kommando Sonne-Nmilch ist bereits erschienen (Major Label / Broken Silence).

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