Asbjørn: »Die Männer hinken meilenweit hinterher«

Mit seiner aktuellen EP Pseudo Visions zelebriert Asbjørn den Grenzgang zwischen den Geschlechtern. Im November steht er bei zwei Deutschland-Konzerten auf der Bühne. Zuvor sprach der Däne mit SPEX.de über Männerideale, sexuelle Freiheit und die Melancholie des Dancefloors.

Die linke Schulter poppt nach vorn, die Hände ballen sich zu Fäusten. Der rechte Arm fliegt über den Kopf, der ganze Oberkörper scheint wie in einer Welle zu wogen. Asbjørn wirkt wie ein tanzender Boxer, aber mit mehr Hüftschwung. Er verleiht seinem schmächtigen Körper damit nicht nur auf der Bühne Ausdruck, meist komponiert er so auch seine Stücke. »Ich lege erst Lo-Fi-Demos an, und schaue, wie mein Körper sich dazu bewegen will«, erklärt er. »Damit gestalte ich dann den Rest des Songs.«

Asbjørns Körper ist gleichzeitig die Leinwand seiner Ambivalenz, Projektionsfläche für seine Suche nach einer neuen popkulturellen Formulierung von Männlichkeit. »Frauen sind im Pop so weit gekommen, und die Männer hinken meilenweit hinterher«, sagt er. Die Liste seiner Idole liest sich demgemäß wie ein Querschnitt feministischer Pop-Gallionsfiguren der letzten vierzig Jahre: Lykke Li, Beyoncé, Björk, Madonna, Patti Smith. Mit dem Männerideal, das ihm als Teenager vorgesetzt wurde, konnte er sich nicht identifizieren. »Wenn du heranwächst, wirst du mit so vielen Erwartungshaltungen konfrontiert. So und so soll der Mann sein, so sich sexuell verhalten, so sinnlich sein. Sind Rapper die wahren Männer, nur weil sie sich so aggressiv maskulin geben? Klar, sie sind ein Aspekt von Männlichkeit, aber ich denke Bowie war genauso männlich.« Im Grunde ist für ihn der Mann im Pop ein unterdrücktes Wesen. Deswegen wendete er sich lieber weiblichen Leitbildern zu, die ihm halfen sich von diesen Erwartungshaltungen zu befreien. Nun hofft er seinen Teil zum »neuen Mann« beizusteuern.

Bereits die Kindheit im kleinstädtischen Århus verbrachte Asbjørn im Grenzgang zwischen den Geschlechtern, beim cross-dressing mit Mamas Kleiderschrank, mit blonden Haaren bis zum Po, unter den schützenden Händen der liberalen Eltern. Ein wichtiger Moment in seiner Entwicklung war der Besuch des Internats. Plötzlich konnte er Jungs beobachten, die sich ohne Scheu  aneinander schmiegten, sich Küsschen gaben oder in einer vermeintlich femininen Art umeinander kümmerten: »Ich denke, das passiert momentan überall in der Jugendkultur, dass Jungen sich einfach so geben, wie sie sein wollen und ihre Sexualität frei ausdrücken.« Wenn der soziale Rahmen es erlaubt.

Im Alter von 16 geriet Asbjørn schließlich zwischen die Leute, die ihm die Möglichkeit eröffneten, seine Sinnsuche kreativ zu entfalten. Zwei Jahre lang verbarrikadierte er sich mit seinem Produzenten im Studio. Das Ergebnis: Sunken Ships – flamboyanter Synthpop, durchwoben von klassischen Elementen; verweht, doch ungeheuer ansteckend. »Meine erste Platte war total metaphorisch und ich mit 18 extrem jung. Ich wollte erwachsen sein, deswegen benutzte ich all diese großen Wörter, aber eigentlich war ich noch nicht reif genug.«

Jetzt ist der 22-jährige erwachsen genug und die Metamorphose vom introvertierten »Inhaler« zum explosiven »Exhaler« – Worte, die er selbst gebraucht – vollzieht sich auf dem aktuellen zweiteiligen EP-Projekt Pseudo Visions. Seit Februar wurde jeden Monat ein Stück daraus als aufwändig inszeniertes Video veröffentlicht, mit Geschichten von Stigmatisierung, Unterdrückung, auszehrenden Liebschaften, vom Feiern oder vom Kämpfen; typische Geschichten eines untypischen Zwanzigjährigen. Jetzt lebt er in Berlin, ist verliebt in die dortige Clubszene. Die Melancholie des Dancefloors versteht Asbjørn ebenso wie dessen Hedonismus. Und mit seinem kämpferischen Tanz darauf zelebriert er eine vollzogene Befreiung – auf dass ihm Viele folgen mögen!

Asbjørn live

20.11. Berlin – Bang Bang Club
21.11. Leipzig – Electronic Beats Festival

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