Arto Lindsay „Cuidado Madame“ / Review

Bei Arto Lindsay stehen Zärtlichkeit und zerstörerischer Krach weiterhin, eingebettet in modernste Rhythmen, nahe beieinander.

Mittlerweile 14 Jahre ist es her, dass Arto Lindsay seine seit 1996 stetige Folge von Soloalben plötzlich aussetzte. Salt hieß das Album, das, wäre der Sänger, Gitarrist und Produzent von einer unvorhersehbaren, schweren Krankheit tatsächlich besiegt worden, wohl sein letztes geblieben wäre.

Immerhin: Es gab zuletzt Lebenszeichen, die nicht nur auf ein Comeback hindeuteten, sondern zugleich einen neuen Sound ankündigten. Arto Lindsay gab in den letzten paar Jahren grandiose Konzerte und Performances in immer neuen Formationen, mal mit Konzeptkünstlern und experimentellen Literaten wie Karl Holmquist, mal mit ebenso freien wie radikalen Freejazz-Schlagzeugern wie Paal Nisselm-Love. Schließlich veröffentlichte Northern Spy 2014 ein Doppelalbum Lindsays, das auf der ersten Platte eine Reihe von Songs aus seiner Solokarriere versammelte (von Hits kann man beim besten Willen nicht sprechen) und auf der zweiten deren hybride Dekonstruktionen in verschiedenen Live-Konzertsituationen. Immer dabei war Lindsays berühmt-berüchtigte 12-saitige Danelectro-Gitarre, aus der der heute 63-Jährige einen Klangraum abruft, der bipolar zwischen sanftester Bossa-Zärtlichkeit und schroffem Freejazz gebaut ist.

Von Hits kann man beim besten Willen nicht sprechen.

Auf Cuidado Madame nun bricht Lindsay sein gefühlt ewiges Schweigen und singt bis auf wenige Ausnahmen auf Brasilianisch. Lindsay lebt seit knapp zwei Jahrzehnten in Rio de Janeiro, „im Westen der Moderne“, wie er es ausdrückt, und verfolgt das musikalische Weltgeschehen von dort. Wo immer es interessante Entwicklungen und Mikrotrends, vor allem in der afro-amerikanischen wie auch der brasilianischen Musik, gibt – Lindsay kennt die Protagonisten, erahnt ihre Produktionsweisen und macht genau da weiter, wo die losen Enden herausragender Avantgarden in der Popmusik liegen.

Wir hören: Dekonstruktionen von Hip-Hop-Beats, Baile Funk und Bossa Nova, vermischt mit dem Noise seiner Gitarre. Zugleich verfeinert er seinen Gesang, einen Verführungsgesang, der seine eigene, höchst poetisch verdichtete Verführungslyrik zum Ausdruck bringt. Textbeispiel zum Thema? „I love my handwriting / Your name on your belly / Until you forget your name“.

Damit steht Cuidado Madame – der Titel heißt so viel wie „Obacht, Madame!“ und bezieht sich auf einen Film von Julio Bressane, in welchem unterdrückte Hausmädchen mit Gewalt gegen ihre Herrinnen rebellieren – ganz in der jüngsten Tradition Lindsays: Zärtlichkeit und zerstörerischer Krach stehen, eingebettet in modernste Rhythmen, nahe beieinander. Keine Schönheit ohne Gefahr.

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