Ariel Pink Pom Pom

Tolle Harmonien, irritierende Gimmicks und schrullige Referenzen: Ariel Pinks Pom Pom liefert kindsköpfige Kapriolen mit unangenehmem Beigeschmack

Gut zwei Jahre sind seit Ariel Pinks letztem Album Mature Themes vergangen. Seither ist er positiv mit einer schönen Kollaboration mit Jorge Elbrecht aufgefallen – aber auch ziemlich unangenehm durch einen Misogynieskandal. Vergangenen Sommer war Pink zu Gast in Alexi Wassers YouTube-Show Alexi In Bed, wo er in sexistischem Vokabular von der para-amourösen Begegnung mit einem Mädchen erzählte. Das Interview wurde im Netz heiß diskutiert, während Pink sich in Thilo-Sarrazin-Manier mit Verweis auf die sogenannte Meinungsfreiheit verteidigte.

Ist Pinks Drall Richtung reaktionäre Maskulinität der Grund dafür, dass er jetzt ein Album ohne seine Band Haunted Graffiti eingespielt hat? Kann er solo seine Obsessionen ungestörter ausleben? Wer in die Schule des Verdachts gegangen ist, kann auf Pom Pom einige Indizien für trübe Männerfantasien ausfindig machen: In »Sexual Athletics« bezeichnet Pink sich mehr oder auch weniger ironisch als »sex king«, in »Lipstick« fragt er spitz: »Where are the girls now?«, und »Black Ballerina« flirtet zumindest mit dem Unkorrekten. Ob man dem Paten des Hypnagogic Pop Kredit in Sachen Anti-Feminismus gibt und solche Sperenzchen unter Kunstfreiheit verbucht, sei jedem selbst überlassen. Unabhängig davon liefert Ariel Pink einmal mehr ein Album voller toller Harmonien, irritierender Gimmicks und schrulliger Referenzen ab.

Zwar hat sich das Klangideal wieder stärker Richtung Sixties-Pop verschoben, trotzdem wandelt Pink immer noch zwischen Homerecording-Stadionrock und Psychedelia für spleenige Mods. Dazwischen wuchert ein Pastiche-Gestrüpp aus dick angerührtem Westcoast-Rock, Novelty-New-Wave à la Jilted John und pompösem Gothic Rock, der in Songs wie »Not Enough Violence« vehement an Sisters Of Mercy erinnert. Dem hypnagogischen Paradigma bleibt Pink trotz Gothic und einer damit einhergehenden Annäherung an seinen Geistesverwandten John Maus insofern treu, als er sich für keinen noch zu schäbigen Sound zu schade ist. Einmal sind selbst schauderhafte Panflöten zu hören.

Es ist immer wieder beeindruckend, wie Pink bekannte Reize de-optimiert und Idiome aus Garagenrock, Teenie-Bop oder AOR in seine hysterische Privatsprache übersetzt. Der meist in der goldenen Mitte zwischen Treble und Bass angesiedelte Sound tut sein Übriges, um nichts allzu auffordernd klingen zu lassen. Natürlich wirken Musik und Texte oft kindsköpfig, und neuerdings haben Pinks Kapriolen einen unangenehmen Beigeschmack, denn es ist nicht auszuschließen, dass er nicht nur zwischen Genie und Wahnsinn pendelt, sondern auch zwischen Genie und Arschloch. Wären da nicht entwaffnende Songs wie das sich zu euphorischer Sentimentalität emporsteigernde »Dayzed Inn Daydreams«, könnte man die ästhetische Kritik der Politik überantworten. Aber ganz so einfach ist es im Falle Ariel Pink eben doch nicht.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.