Architecture In Helsinki, die globalisierte Band

Nicht »twee pop«, nicht »art school«, nicht multiinstrumentalistisch, überladen, euphorisierend, bezaubernd, anstrengend, naiv – nein, wenn man den internationalen Besprechungen ihrer ersten beiden Alben »Fingers Crossed« und »In Case We Die« glauben kann, sind Architecture In Helsinki vor allem eines: australisch. Kein Attribut wird der Band öfter zugedacht als das ihrer Herkunft.
    »Viele Leute empfinden Australien als irgendwie exotisch«, sagt Songwriter Cameron Bird achselzuckend beim Interview auf einem unexotischen Hinterhof in Köln-Deutz. »Es ist eine Insel mitten im Nirgendwo.« Bird, der auf einer Farm in New South Wales groß geworden und schließlich nach Melbourne gezogen ist, hatte nach einem Vierteljahrhundert schon wieder genug von Australien. »Es war einfach Zeit zu gehen«, sagt er. »Nach zehn Jahren in Melbourne kannte ich alle Straßen, Bäume, Menschen.« Bird verließ Australien auf der Suche nach kreativen Stimuli – und fand sie knapp 10.000 Seemeilen entfernt, in Williamsburg, New York City.

    So begann die Arbeit an dem neuen Album »Places Like This« für Architecture In Helsinki mit dem wohl schlimmstmöglichen Brain Drain. »Ich schreibe die Strukturen der Songs«, sagt Bird, »ich suche die Künstler aus mit denen wir arbeiten, auch diejenigen, die uns remixen. In gewissem Sinne bin ich der Projektkoordinator, der Regisseur, das Zentrum der Band.« Entsprechend unerfreut reagierten die Bandkollegen auf seinen Umzug: »Sie dachten, das wäre meine Art, ihnen mitzuteilen, dass ich nicht mehr mit ihnen arbeiten möchte.«

    Das wollte er dann aber doch noch. Während die Restband in der Supermelodyworld, ihrem Studio in Melbourne, werkelte, jammte Bird mit sich selbst im New Yorker Homestudio. Am Ende eines Arbeitstages schickte er seine Ideen durchs Netz und um die Welt – kurz bevor in Australien die Sonne aufging und in der Supermelodyworld die ersten E-Mails abgerufen wurden. Für das, was Bird und seine Bandmates da taten, gab es keine Vorbilder. Zwar haben The Postal Service ihr Arbeitsprinzip zum Bandnamen gemacht, aber sie wohnen immerhin auf dem gleichen Kontinent, im gleichen Land, an der gleichen Küste. Die einzige globalisierte Band, die Bird als Referenz einfällt, sind die Instrumentalrocker Dirty Three, deren Bandmitglieder in Frankreich, den USA und Australien leben – und auch aus Melbourne stammen.

    Trotzdem sei die neue Arbeitsweise das Beste gewesen, was der Band passieren konnte. Bird schwärmt von der Ego-freien Arbeitsatmosphäre – isoliert voneinander gab es plötzlich keine persönlichen Befindlichkeiten, keine Schüchternheiten und nichts mehr, auf das man hätte Rücksicht nehmen müssen, außer der Musik. »Es war pure Kreativität«, sagt Bird. Eine Woche Proben in New York, dann die anschließende US-Tour – und die Songs für das neue Album waren fertig.

    Eines musste bei der Globalisierung der Supermelodyworld jedoch dran glauben: ausgerechnet der privilegierte Status der Melodien. Immer noch hat ein einziges Lied von Architecture In Helsinki genug Ideen, Ansätze und B-, C- und D-Teile um anderen Bands eine ganze EP zu befüllen. Doch auf »Places Like This« dominieren erstmals und unverkennbar die Rhythmen.
Auch diese Entwicklung will Bird als Konsequenz seines Umzugs verstanden wissen. Als Migrant unter Migranten erlebte er in Williamsburg den amerikanischen Melting Pot: »Wir haben auch in Australien viele Einwanderer, aber es gibt es kaum Menschen aus Mexiko, Puerto Rico oder der Dominikanischen Republik. In New York war ich zum ersten Mal mit diesen Kulturen konfrontiert. Die Art und Weise, in der Lateinamerikaner Räume für sich einnehmen ist beeindruckend: alte Männer spielen auf der Straße Domino, überall ist Müll, ständig fahren Autos mit lauter Musik vorbei. Ich erlebte eine sehr stolze und feierwütige Kultur. Und ich glaube, dass hat seine Spuren bei unseren neuen Songs hinterlassen.«

    So ist »Places Like This« weniger »twee poppig« geraten als die beiden Vorgängeralben. Aber immer noch »art school«, multiinstrumentalistisch, überladen, euphorisierend, bezaubernd, anstrengend, naiv. Und: global.


»Places Like This« von Architecture In Helsinki erscheint am 10. August 2007 (Moshi Moshi / Cooperative Music / Universal Music)

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