Archäologie der Gegenwart

»Das ist ein sich Anzünden an beiden Enden – eine Suche nach Leben, so stark, dass sie das eigene Verbrennen mit einschließt.« Eine derart beschriebene Leidenschaft äußert sich gegenwärtig höchstens in Extremsportarten, Weltumsegelungen, vielleicht noch in durchtanzten Wochenenden – Hobbys also ohne Rücksicht aufs Budget oder sonstige Verluste. Doch Benjamin Reding meint einen Berufsstand. Er erzählt von den Wandergesellen, jenen scheinbar aus der Zeit gefallenen Gestalten mit breitkrempigem Hut und imposant beknöpfter Weste, die durchs Land tippeln, von Baustelle zu Baustelle. Sie tun es seit Jahrhunderten, lernen drei Jahre lang das Leben vom Handwerk in den Mund, bilden sich durch die freiwillige Konfrontation mit der Fremde und den Fremden, ohne Handy, nur das Schreiben von E-Mails ist mittlerweile erlaubt.


VIDEO: Für den unbekannten Hund (Trailer)
    »Für den unbekannten Hund« ist die Einlösung jenes Versprechens, das Benjamin und Dominik Reding 1999 mit ihrem Debüt, dem rohen Skin-Drama »Oi! Warning«, gegeben hatten. Schwarz-Weiß drehten sie damals, überwiegend mit Laien. Ihr Stil war manchmal bis an die Nervgrenze ungeschmeidig, aber es war nicht zu übersehen, dass sich hier eine filmische Sprache jenseits der Fördertöpfe bedienenden Konventionen erhob. Und gehört wurde. Den Weg des jungen Sascha, fort aus dem spießigen Elternhaus, hin zum Kumpel Koma, der sich im Ruhrgebiet für seine Szene der eher unpolitischen Oi-Skins bereits die Haare geschoren, seinen Körper gestählt und fl eißig eigenen Szenenachwuchs gezeugt hat, verfolgten über 100.000 Zuschauer, allein im Kino. Die rechten Skins fühlten sich auch angesprochen, natürlich, bloße Kritik an ihrer Neonazi-Einstellung hätte sie wohl weder überrascht noch ernsthaft provoziert. Wirklich übel nahmen sie den Redings allerdings, dass sie von schwuler Erotik unter den Herrenmenschlern erzählten. Es setzte massive Prügel, Aufführungen wurden im Vorfeld bedroht, zum Teil abgesagt.

    Es folgte »Fette Krieger«, mit Handkamera im Hiphop-Milieu, ein Tatort, wie man ihn so wohl nie wieder sehen wird. Und nun: ein Film über Handwerker in Ausbildung, die soviel Staub schlucken, wie man es auf deutschen Landstraßen nur kann. Ein Film, in dem erstmal demonstrativ ein Handy im Kornfeld versenkt wird, eine Feier des analogen Lebens, das vor allem in Wirtshäusern, an Talsperren, in Kirchenruinen, nachts unter freiem Himmel oder im nebligen Wald, im direkten Kontakt von Mensch zu Mensch spielt. Eine Absage an die Moderne, die doch mit schwer zu ignorierender Überwältigungskraft vom Hier und Jetzt erzählt.

FürdenunbekanntenHund

Man kann die eineiigen Zwillinge nur an Dominik Redings blondierten Punksträhnen und seiner etwas helleren Stimme unterscheiden. Er erzählt von der ersten Spex, die er gekauft hatte und mit ihr: das Gefühl, ›dazuzugehören‹. Noch wichtiger: zu lesen, was nicht ›dazugehörte‹. »Rock’n’Roll war immer Aufstand gegen die Eltern, und die Eltern waren die Konservativen. Diedrich Diederichsen war der erste von den Großschreibern, dem auffiel, dass dieser Grundkonsens aufgegeben worden war. Plötzlich gab es im Hiphop zum Teil faschistoide Texte. Die Kids waren eben nicht mehr ›alright‹. Jetzt fällt es Jugendlichen leicht, eine Meinung durchzuhalten, wie rechts oder kon servativ sie auch sein mag.« Aufgekündigt also der Generationenvertrag, in dem es vor allem um die gesellschaftliche Autokorrekturfunktion einer per se rebellischen Jugend ging. Die soziologische Assoziationsmaschine beginnt zu rattern. Man wundert sich aber trotzdem, wenn man nach »Für den unbekannten Hund« noch ganz benommen im Presseheft liest, hier sei ein Tabuthema angefasst worden, nämlich die vielen »Gewaltexzesse rechtsradikaler Jugendlicher in Ostdeutschland«. Hatten die Schreiberlinge den Film nicht gesehen? Doch, sie haben ihn sogar gemacht, und haben natürlich das bessere Gedächtnis. Gewaltexzesse ›junger Menschen‹ stehe da, berichtigen sie. Dass es einem mittlerweile unwillkürlich passiert, Jugendgewalt und rechte Gewalt gleichzusetzen, ist nicht gerade ein Grund zur Beruhigung. Aber erstmal ein Blick zurück auf den Film.

    Es ist dunkel in der Provinz. Nur in der Tankstelle brennt noch Licht. Zwei durstige Motten werden angezogen, Bastian und Maik. Aber auch für sie gilt: nach Feierabend kein Bier mehr weit und breit. Dafür ein Penner, zufällig in der Nähe, wird aufgeklatscht und verbrannt, mitsamt der Tankstelle. Um es kurz zu machen: Der Mord bleibt juristisch ungesühnt, Bastian (Lukas Steltner, Breakdancer und Journalistikstudent aus Rostock, spielt hier seine erste Rolle) entflieht der Enge seiner vertrauten Umgebung, schließt sich dem wandernden Steinmetzgesellen Festus an, geht bei ihm probehalber in die Lehre. Dieser Festus, der das Handwerkerleben mit der Inbrunst eines melancholischen Piratenkapitäns betreibt, ein Jack Sparrow ohne Ironie oder Kajal, ist bei Weitem nicht die erste schauspielerische Erfahrung für Sascha Reimann. Vor allem in Bremen aufgewachsen, spielte er dort Jugendtheater, machte eine KFZ-Mechaniker-Lehre, ohne einen Führerschein zu haben. Seine bekannteste Rolle war aber die des Hiphoppers Ferris MC, der sich 2006 mit dem Best-Of-Album »Düstere Legenden« von seinem Rap-Alter-Ego verabschiedete.

Der Film ist eigentlich ein Road Movie zu Fuß, eine Erkundung des archaischen Lebens, ein Abstoßen der Hörner. Das kann auch gerne Mal auf der Bühne einer plüschigen Stripbar passieren, oder auf einem Zeltfest, wo sturzdumme Nazibräute schon bei der traditionellen Anrede »Kamerad« ganz schwach um die Knie werden. Festus’ große Liebe wird auf einem Ökohof heimgesucht, den sie mit ihrem neuen Freund bearbeitet. Eine Hamburger Künstlerin weiht die zu Freunden Gewordenen in die Magie der Ménage à Trois ein. Über allem steht Bastians Ringen um Dazugehörigkeit, er will offiziell zum Gesellen ernannt werden, und natürlich geht es dabei um die Verdrängung seiner Schuld. Vorbestraft dürfen Gesellen nicht sein. Gegen Ende entdecken Festus und Bastian ihre schicksalhafte Verbindung, stehen sich unversöhnlicher als geahnt gegenseitig im Weg. Der Mord zu Beginn war einem zwischendurch abhandengekommen, er fordert seine Macht wieder ein, bei den Protagonisten und ihren Zuschauern.

    Den Inhalt grob rekapitulierend bleibt allerdings der Eindruck, »Für den unbekannten Hund« ist weniger ein Film zu den »bestialischen Gewaltexzessen junger Menschen im deutschen Osten«. Eher handelt es sich um einen modernen Entwicklungsroman im traditionellen Gewand, in seiner Einbindung von Landschaften als Spiegelbilder der Seele und in seinem Ringen um männliche Selbstbestimmung am ehesten verwandt mit Filmen von Pasolini oder Werner Herzog.

    Dominik Reding präzisiert: »Wie kann man mit den destruktiven Zügen von Männlichkeit so umgehen, dass sie nicht wirksam werden?« Und wenn sie wirksam werden, wie zum Beispiel in dem bestialischen Mord in Potzlow, beschäftigt die Frage: »Kann sich so ein Mensch wirklich ändern? Und wenn ja, wie? Die Gesellen nennen sich Brüder, und da steckt schon ein bisschen die Antwort auf die Frage drin. Die versuchen, das Problem über ihre Umgangsformen und Regeln zu lösen.« Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. »Die Gesellen, die drei Jahre lang jeden Tag woanders sind, jeden Tag andere Leute, andere Wirklichkeiten antreffen, haben kaum eine andere Wahl, als sich durch ihre Erfahrungen eine humanistische, tolerante Weltsicht anzueignen. Vielleicht ist die Wanderschaft so eine Art soziologischer Beweis: Je mehr Erfahrungen du sammelst, desto toleranter wirst du.«

Für einen Moment droht dieser sozialtherapeutische Ansatz den schillernden Film zu überschatten. Vor die Mission haben die Redings allerdings die ehrliche Neugier gesetzt und ihre Faszination für Strukturen, zwischen den Menschen, zwischen Mensch und Welt und Technik.
»Die Wanderschaft wurde ja erschaffen, um in relativ kurzer Zeit viel zu erleben«, stellen die Redings mit wunderndem Respekt fest. »Du hast da eine Ereignisdichte, die noch höher ist als die eines Regisseurs, der gerade dreht. Das musst du erstmal schaffen im Hier und Jetzt, in einer doch relativ organisierten Welt, in Westeuropa.«

    Die Ereignisdichte der Wanderschaft spiegelt sich im Filmdrehen, wird in »Für den unbekannten Hund« quasi als energetische Übertragung spürbar – nicht von ungefähr wurde der Film in seiner bisherigen kurzen Festivalkarriere bereits von Jury und Publikum ausgezeichnet. In biografische Daten übersetzt heißt das: In ihren Filmen kommt die geballte Lebenserfahrung der zwei 1969 geborenen Dortmunder Jungs zum Tragen. Der eine studierte Archäologie, dann Schauspiel, war Regieassistent, bevor es ihn nach Jahren ohne viel Kontakt zu seinem Bruder nach Hamburg zog, der dort als fertiger Architekt den »typischen 68er-Studiengang visuelle Kommunikation« belegte. »Alle Interessen, alles Halbwissen, alles, was so rumliegt, kanalisierte sich dann im Medium Film«, fasst Dominik dieses ›sich Finden‹ zusammen. »Ich liebe Film, weil er trivial ist. Ich mag das Trashige, das nicht Elitäre, dass jeder ins Kino gehen kann. Man darf im Kino furzen und fluchen und Bier mit hinein nehmen«, ergänzt Benjamin. Am Filmemachen selbst schätzt er das Haptische.

    »Wenn man so arbeitet wie wir, wenn man Autor ist und Regisseur und Produzent, dann darf man auch mal zugreifen. Dann greift man selbst in den Schlamm, um die Kostüme damit zu präparieren, oder steht im Kopierwerk, macht sich Gedanken über Farbemulsionen, riecht die Chemie. Das schützt einen dann ein klein wenig vor dem zu Intellektuellen, das der Beruf auch mit sich bringt.« Die »emotionalen Terror Twins«, wie sie Ferris MC liebevoll getauft hat, ergänzen sich fließend gegenseitig, sprechen wie aus einem Mund. Als der Film noch nicht einmal zur Hälfte durchdiskutiert ist, hängt es aber an Dominik, ein Fazit zu ziehen. »Archäologie bedeutete für mich immer: verlorene Dinge zu entdecken, von denen die Gesellschaft gar nichts mehr weiß, obwohl sie noch da sind. Das versuchen wir auch in unseren Filmen.« Sein Bruder nickt. Ihr nächstes Projekt ist die Neuverfilmung des »Golem«. Kein Scheiß.


»Für den unbekannten Hund
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Regie: Ben Reding, Dominik Reding, D 2007, 107 Min., Senator / Autobahn, Der Film startet am Donnerstag, 06. Dezember 2007

 

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