Review: Arcade Fire Funeral

Eigentlich sollte dies ein Album werden, das von Nachbarschaft erzählt. Doch es kam anders. Der Tod wurde quasi nachträglich zum alles beherrschenden Thema. So sehr, dass er sich gar den Albumtitel unter die langen Fingernägel riss.

    Vor allem das Hauptsongschreiber-Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne der vielköpfigen Band aus Montreal hatte sein Päckchen zu tragen. Régines Großmutter starb Anfang 2003, Wins Großvater im März 2004. Insgesamt neun Menschen aus dem nahen bzw. erweiterten Umfeld der Band leben nicht mehr. Damit muss man umgehen können. Und ja, ein Album kann dafür auch nachträglich ein Ventil sein, selbst wenn die Songs allesamt schon geschrieben waren, als »es« passierte. Weinerlich, bedrückend oder hoffnungslos ist es in keiner Sekunde. Dass der Musik grundsätzlich aber eine gewisse Melancholie innewohnt, lässt sich nicht abstreiten. »Funeral« beginnt mit »Neighbourhood #1 (Tunnels)« und einem Klaviermotiv, in das sich Gitarren bohren. Der Gesang setzt ein, dann Rhythmus, erst gebrochen, später steigernd. Schon nach wenigen Augenblicken wird deutlich, mit welcher Sorte Pathospop wir es hier zu tun haben ? und welch vorzügliche Arrangeure, Soundästheten und Kompositeure hier am Werk sind. Man muss schon ein Herz aus Stein und eine totale Abneigung gegenüber jeglicher Überzeichnung haben, um diese Musik emotionslos vorüberziehen zu lassen.

    Und The Arcade Fire sind Meister der Überzeichnung, des Aufladens von Songmodulen, des D-Parts. Immer wieder legen sie auf den eigentlich vollendeten Song noch eine Schippe drauf, was so sein muss. Viel zu reichhaltig ist das Repertoire an Instrumenten und musikalischen Einflüssen, aus dem sie sich bedienen. »Neighbourhood #2 (Laika)« begrüßt uns mit einem Akkordeon, lässt dieses auch im Postrefrain-Part weiter klingen. Streicher geben das Stakkato, Win Butlers Gesang ist Weite, Entrücktheit und schonungslose Intimität in einem ? selbst in den lauten Augenblicken. Im weiteren Verlauf der Platte bleibt nichts unausgesprochen. Das ruhige, akustische Moment, Andeutungen japanischer Traditionals, Glocken, Klingeln, Pauken, ein flotter Indiewalzer; mit »Wake Up« haben The Arcade Fire gar ihr »China Girl« als Bombast-Stomperversion abgeliefert, überall schwirren die Geigen, schimmern Einflüsse frankophiler und osteuropäischer Volksmusiken durch. Ihre jazzmusikalische Ausbildung und der kulturelle Melting Pot Montreal lassen gar nichts anderes zu. (Apropos Geige: Nur Bobby Conns Weggefährtin Monica BouBou spielt im erweiterten Indieumfeld eine effektivere, weniger aufgesetzte.)
Bis heute konnte sich niemand, den ich kenne, dieser Band entziehen. Ganz im Gegenteil. Die Unterschiedlichkeit der bedingungslosen Gutfinder ist groß. Auch der Fundus der zum musikalischen Vergleich herangezogenen Musik: Mittsiebziger-Kunstrock der britischen Schule, die Band Of Holy Joy, die Geraldine Fibbers, David Bowie zur Berlin-Phase, Roxy Music sowieso, die ewig zum Vergleich herangezogenen Talking Heads, die übermütigen Pulp, die neuen Wilden Großbritanniens wie British Sea Power, New Order (einzig der Beat in »Neighbourhood #3 (Power Out)« dürfte gemeint sein), schließlich The Strokes und Konsorten ? wohl deshalb, weil The Arcade Fire durchaus auch mal rocken können. Doch keine Angst: Sie sind weit davon entfernt, in die Kleinkunst-Falle zu tappen. Nichts ruht sich in künstlicher Verhuschtheit aus. Alles Mumpitz. Diese Band ist selbst in den elegischsten Momenten wild! Wer ob der vermeintlichen Konturlosigkeit zeitgenössischer The-Bands gelangweilt dem Format Indie, Pathos und dem daraus resultierenden Pop gegenübersteht, sollte es mit »Funeral« probieren. Mehr Selbstverständlichkeit und unprätentiösen Umgang mit der verdammt großen Geste gab es selten. Du hast die Wahl. »If you want somethin´, don´t ask for nothin / if you want nothin´, don´t ask for somethin´!« Wer sich FÜR das gewisse Etwas entscheidet, dem hält diese Band ihr musikalisches Versprechen auf Wochen und Monate. Und wem das alles zu schwülstig klingt, dem sei, dank der Übermittlung des Kollegen Lehner (Autor des The Arcade Fire-Artikels in SPEX 03/05), folgendes Zitat von Fritz Ostermaier ans Herz gelegt: »Sie können uns alles nehmen, aber nicht das Pathos.«

    Dementsprechend muss hier niemand tiefstapeln, ganz im Gegenteil. Diese Platte ist die Beerdigung aller Zweifel, dass es einmal nicht mehr weitergehen wird ? mit der Musik, der Nachbarschaft, der Welt drum herum und überhaupt: nach dem Tod.

LABEL: Rough Trade Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 13.03.2005

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