Arca »Mutant« / Review

Teufel, Bock, Tier, Mensch: Arca verflüssigt solche Unterschiede.

Ist Alejandro Ghersi Lateiner, ein alter Grieche gar? Mancher Schabernack, den der venezolanische Produzent der Stunde mit Wohnsitz London treibt, lässt die Möglichkeit des Bildungswitzes offen. Vom Cover seines zweiten Arca-Albums blickt uns eine Knetfigur mit langen Hörnern an – ein Teufel, ein Steinbock, ein unfertiges Projekt. Bei Aristoteles wird die Tragödie als »Bocksgesang« oder »Bockstanz« übersetzt, auch wenn seit dem bürgerlichen Trauerspiel der tierische Ursprung vergessen ging. Seit einiger Zeit kehren die Tiere zurück, nicht nur auf Laienbühnen auf dem Land, wo Ziegen oder Schafe immer gern gecastet wurden. Nein, Theaterwissenschaftler und Philosophen denken darüber nach, wie ein Theater nach dem Anthropozentrismus aussehen könnte, eine Bühnenpraxis ohne die Ideologie, dass der Mensch die Geschichte lenkt, und zwar zum Besseren. Esel sind der heiße Scheiß, auch für die Performance-Kunst.

Teufel, Bock, Tier, Mensch: Arca und Jesse Kanda, der für das Artwork und die zugehörigen Videos verantwortlich ist, verflüssigen solche Unterschiede. Mutant versteht jeder, auch ohne Latinum: ein Verwandelter oder Verwandelnder. Wenn man dann noch den Namen des englischen Labels Mute dahinter schreibt, stecken sich die Worte an: Mut(e)ant. Das beschreibt das Programm bei Arca: Es geht um ein Werden ohne Sprache, ohne den Anspruch, ein Ziel zu definieren.

In diesem Denken, das bei Arca zur Ästhetik wird, spielen Tiere oder Tierisches eine große Rolle. Gilles Deleuze und Félix Guattari nannten eine ihrer Denkfiguren »Tier-Werden«. Gemeint war eine sich von den Fesseln der Form und des Ausdrucks befreiende Schreibhaltung. Das Tier ist nicht Thema, sondern Mittel nicht-identitären Denkens (Schreibens, Komponierens, Musizierens …). Die Idee von Deleuze und Guattari ist 35 Jahre alt und klingt dennoch wie maßgeschneidert für die superseltsame Musik von Arca. Die ist tierisch dicht: Es gibt eine Überfülle an Klängen und Metren, oft ohne Beats, auch wenn Mutant mehr Harmonien und Taktarten zulässt als das Vorgängeralbum Xen, das davon beseelt schien, mit neutönerischem Material in taktfreien Zonen abzustreiten, dass Arca soeben für Kanye West, Björk und FKA Twigs aufregende Arbeiten erledigt hatte.

Diese Dichte an nicht-menschlichen Stimmen und Geräuschen legt tierische Metaphern nahe: schnattern, schnalzen, balzen, brüllen, zirpen, zischeln. Und fiel da nicht eben eine Kokosnuss auf den Dschungelboden? Die Nachahmung der Tierwelt in der Kunst ist genau das, was Deleuze und Guattari nicht meinten mit dem »Tier-Werden«. Aber Arca ist ja auch kein Gehülfe der französischen Denker. Er denkt sie weiter, und erst das macht Mutant zu einem wahrhaft tollen Trip. Die Maschine – sie kann auch ein Flügel sein – bleibt immer hörbar, und doch verfügt Arca schon nach wenigen Veröffentlichungen über eine Signatur aus Sounds, die sich zu einem Organismus fügen. Er folgt den Franzosen, wenn seine Musik die Unterschiede zwischen Mensch, Tier und Maschine auflöst; er überschreitet sie, wenn er dabei eine starke Identität entwirft. Souveränität heißt hier: auch das Gegenteil der Verflüssigung zulassen, etwa die Melodie oder den Rave-Romantizismus. Nichts bleibt, wie es ist – das wäre nur ein alter Popgemeinplatz, der bereits zu oft in neoliberale Lyrik gekippt ist. Mutant aber handelt nicht vom Befehl, fit und stets anders bleiben zu müssen. Sondern von der Wonne, diesem Befehl auszuweichen und wahlweise als Esel oder Bock zurückzustarren.

 

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