Antony And The Johnsons Another World

So nah am Pol des Verstummens wie im Titelstück der »Another World«-EP war selbst der stilleverliebte und in letzter Zeit von allen möglichen und unmöglichen Leuten als Universal-Campifizierer eingesetzte Antony Hegarty kaum je zuvor. Ruhig und elegisch à la Schubert an einem Herbsttag mit besonders viel Laubanfall klagen dunkel und warm die Klavierklänge. Dazu stöhnt wund und doch schon schmerzergeben hier und da ein Cello. Mit der Ruhe dessen, der sich mit dem eigenen Sterben abgefunden hat, leidet über all dem still Schmerzensmann Antony. »I need another place / Will there be peace? / I need another world / This one’s nearly gone«, wimmert er leise. »Another World« ist eine Ballade zum Abschied von dieser Welt, in der das lyrische Ich all jene Dinge aufzählt, die es – in jener? – vermissen wird: das Meer, den Schnee, die Bienen, die Bäume, die Sonne, die Tiere, die Vögel samt ihrem Gesang.

    Abgesehen von »Shake That Devil«, einem ritualistisch-kathartischen Teufelsaustreibungssong mit Call-and-response-Pattern und kunstvoll gequältem Saxofon, das man sich auch gut von Nick Cave gesungen vorstellen kann, bleibt es auf »Another World« reduziert und verhalten wie bei einer vor dem Gospelgottesdienst zelebrierten Totenmesse. Der bebende Gesang des bis in die Fingerspitzen vom Blues durchzuckten Soulboys Antony mit all seinem Nina-Simone-Feeling passt zu dieser Sepulkralmusik mindestens so gut wie zum gehypeten Retro-Hedonisten-Disco-Pluckern von Hercules And Love Affair.

 

VIDEO: Antony And The Johnsons – Another World

    In »Sing For Me« hebt das erzählende Ich seine Mutter noch einmal aus dem Grab, um ihr Haar zu Löckchen zu ordnen. »She used to chase me to my soft, soft bed«, wehklagt Antony wieder und wieder. Der Tod, dieses Skandalon, an dem alles scheitert, wird hier weder schöngeredet noch metaphysisch überhöht, sondern beharrlich als große Ungerechtigkeit angeklagt. Man darf solche textlichen Direktheiten nicht mit Naivität verwechseln: Das Naive, Kindliche, die vertrackte Beschaffenheit der Welt einfach Bestreitende ist vielmehr Programm, Generalangriff auf die kompromisslerische Erwachsenenwelt, die sich in der konsentierten Realität des aufgeklärten Fatalismus eingerichtet hat. Der ›zivilisatorische‹ Schritt vom primären Narzissmus zur Objektwelt, wie Freud, oder der Übergang vom symbiotischen Einssein mit der Mutter in die vermittelte Welt des Symbolischen, wie Lacan formuliert hätte, wird in Hegartys Kunst gezielt verweigert. Darin besteht das Rebellisch-Gegenaufklärerische Antonys: in der reflektierten Weigerung, reflektiert zu werden.

    Auffällig ist, dass bei diesen romantischen Kunstliedern und Dramoletten nicht mehr auf gar so angstfreie Weise hart an den Klippen des Pathetischen navigiert wird wie noch auf den beiden vorangegangenen Full-Length-Alben. Die Zahl der falsettierten »Huhs« und gewundenen »Oohs«, die in der Vergangenheit dazu führten, dass sich Antonys Darbietungen allen eingestandenen Qualitäten zum Trotz mit gleichem Recht putzig und drollig wie ergreifend und sublim finden ließen, wurde heruntergeschraubt. Die Nähe zu sympathischen Obskurantisten wie Tiny Tim und Baby Dee hat sich dadurch verringert. Ebenso wird es hier allen, die mehr an musikalischer Grandezza als an verbissen geführten Sturmläufen gegen den Strafraum des 1. FC Heteronormativität interessiert sind, etwas leichter gemacht.

    Dafür ist das im Werk des erlösungssehnsüchtigen Dulders Hegarty ohnehin flächendeckend zu nennende Bombardement mit religiösen Symbolen auf dieser EP besonders dicht. Ein bisschen Genderdiskursanschlussfähigkeit muss aber auch hier sein: Im von sanften Klaviertupfern à la Erik Satie, Harold Budd und unlängst Current 93 (auf »Soft Black Stars« und »Hypnagogue«) getragenen Schlussstück »Hope Mountain« darf das Jesuskindlein nach einer abermaligen Sintflut als Mädchen auftreten: »Look, look … walking on the water … / It’s Jesus … But this time she’s a Girl / This time she’s a Girl …« Da lässt sich wohl nur mit Leonard Cohen sagen: »Hallelujah«.

LABEL: Rough Trade Records / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 10.10.2008

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