»Anomalisa« – Charlie Kaufman lässt die Puppen tanzen

Fotos: Duke Johnson (oben), Charlie Kaufman (ganz unten) / Biennale di Venezia

Der Animationsfilm Anomalisa verhandelt existentielle Fragen. Das Ergebnis ist derart brisant, dass es in den USA als nicht jugendfrei eingestuft wurde. Das Publikum in Venedig ist begeistert.

Unter den 21 Wettbewerbsbeiträgen der 72. Filmfestspiele in Venedig befindet sich, wie schon in Cannes mit Pete Docters Inside Out, ein Animationsfilm. Regie geführt haben Duke Johnson und Charlie Kaufman. Letzterer hatte 1999 seinen Durchbruch mit Being John Malkovich, für den er das Drehbuch schrieb, sein Skript für Eternal Sunshine Of The Spotless Mind bescherte ihm 2005 einen Oscar. 2008 gab Kaufman sein Regiedebüt mit Synecdoche, New York. Allerdings floppte der schwer zugängliche, poststrukturalistisch angehauchte Film an den Kinokassen, was es für den Regisseur schwer machte, die Mittel für weitere Projekte aufzutreiben.

Kaufmans neuer Film Anomalisa, der zuerst auf dem Telluride-Festival gezeigt wurde und soeben in Venedig offiziell Premiere hatte, ist komplett durch Crowdfunding finanziert. Auf der Plattform Kickstarter haben 5770 Personen insgesamt über 400.000 Dollar gespendet, doppelt so viel, wie sich die Produzenten erhofft hatten. In den USA scheint man sich allerdings noch nicht ganz einig darüber zu sein, für welches Publikum Anomalisa geeignet ist – ein Verleih hat sich bisher nicht gefunden.

Anomalisa mag auf seiner Handlungsebene weniger originell sein als Kaufmans frühere Werke: Michael Stone, ein in L.A. lebender Brite in den Vierzigern, hat eine Existenzkrise. Seine Ehe ist eingeschlafen, er fühlt sich einsam und schrecklich gelangweilt, der Sound ist seinem Leben abhanden gekommen. Eine Geschäftsreise nach Cincinnati reißt ihn für kurze Zeit aus seiner Tristesse: Im Hotel trifft er – Überraschung! – eine Frau, Lisa Hesselman. Ein Großteil der Handlung beschränkt sich auf die Nacht, die Lisa und Michael miteinander verbringen, es ergeben sich einige Parallelen zu Lost In Translation.

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Bemerkenswert ist an Anomalisa vor allem die Machart des Films. Die Grundlage bildet ein 2005 von Kaufman geschriebenes Theaterstück. Klänge spielten dabei eine besondere Rolle: Die Schauspieler lasen sitzend ihre Dialoge ab und wurden von einem Orchester und einem Klangkünstler begleitet. Auch die Zuschauer des Animationsfilms brauchen ein feines Gehör, denn Kaufman setzt auf den metaphorischen Einsatz von Stimmen.

Bis auf die Protagonisten Michael und Lisa werden alle Charaktere von nur einem Schauspieler, Tom Noonan, gesprochen. Für Michael hören sich alle Menschen gleich an, die Stimme des Taxifahrers ist identisch mit der seiner Frau. Der Satz »Gut, deine Stimme zu hören«, den er ihr kraftlos am Telefon entgegenbringt, hat seine Bedeutung verloren. In Michaels Wahrnehmung sprechen alle Menschen im gleichen ausdruckslosen, monotonen Bass, der an eine Roboterstimme denken lässt – das genaue Gegenteil von Scarlett Johanssons überaus lebendig klingender Computerstimme in Spike Jonzes Film Her.

In Michaels Welt ist alles gleichförmig und unpersönlich, was sich auch in den Farben des Films widerspiegelt: In allen Szenen (bis auf die farbenfrohe Schlussszene, die aus Lisas Perspektive gezeigt wird) dominieren Grau- und Beigetöne. Das Luxushotel, in dem der unglückliche Handlungsreisende eincheckt, entpuppt sich als Albtraum. Das Servicepersonal rattert mechanisch die Anweisungen aus festen Skripten herunter, ironischerweise den Anweisungen aus Michaels Buch How May I Help You Help Them? folgend.

Um mittels Roomservice einen Salat zu bestellen, muss sich Michael durch ein kompliziertes Tastenmenü kämpfen und diverse Fragen über sich ergehen lassen. Das Badezimmer steht einem High-Tech-Labor in nichts nach, dabei will Michael nichts als eine warme Dusche – und verbrennt sich dabei fast. Das Hotel heißt Fregoli, unter diesem Pseudonym hatte Kaufman ursprünglich sein Theaterstück veröffentlicht. Wer am Fregoli-Syndrom leidet, glaubt, dass hinter allen Personen der gleiche, ihn täuschen wollende Mensch steckt, der sich lediglich durch verschiedene Masken tarnt.

Masken spielen in Anomalisa in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselrolle. Die Gesichter aller Figuren weisen eine über der Nase entlang laufende Fissur auf, die die obere von der unteren Gesichtshälfte trennt. Geschuldet ist dies der Produktionsweise: Anomalisa wurde mithilfe von Stop-Motion entwickelt. Zirka 30 Zentimeter hohe Puppen wurden in 3D-Optik gedruckt und in immer neuen Winkeln fotografiert. Allen Figuren liegt eine Masterpuppe zu Grunde, die durch Kostüme und Masken modifiziert werden kann. Das sei das kosteneffizienteste Verfahren, erklärte Anomalisa-Produzentin Rosa Tran auf der Pressekonferenz in Venedig. Normalerweise werden die Gesichtsfissuren im Anschluss am PC wegretuschiert. Die Macher von Anomalisa haben sich gegen dieses Verfahren entschieden: »Die Technik unseres Films war sehr arbeitsintensiv. Die Textur soll man ruhig sehen, wir wollten bewusst kein allzu perfektes Ergebnis«, sagte Kaufman.

Andererseits haben Puppendesigner und Animatoren eine derartige Sorgfalt an den Tag gelegt, dass die Puppen mitunter einen täuschend echten Eindruck machen. Michaels Finger sind derart feingliedrig gestaltet, dass man ihm sogar unter die Nägel gucken kann; ihm zuzuschauen, wie er in eleganten Bewegungen eine Nummer ins Telefon tippt, macht großen Spaß. Die Sexszene zwischen Michael und Lisa könnte kaum lebendiger sein, sie ist derart realistisch und vor allem tragikomisch, dass man vergisst, dass es sich um Puppen handelt.

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Jennifer Jason Leigh, die Lisa ihre Stimme geliehen hat, erzählte von der Scham, die sie bei der Aufnahme dieser Szene mit David Thewlis in der Rolle des Michael verspürt habe: »Obwohl wir uns nicht berührten, war der Moment unglaublich intim. Als würde man sehr langsam in einen warmen Pool eintauchen.« Der Motion Picture Association Of America (MPAA) war das Ganze zu heiß: Sie verpasste Anomalisa wegen »expliziten sexuellen Inhalts, grafischer Nacktheit und heftiger Sprache« ein »R« für restricted, was bedeutet, dass Jugendliche unter 17 Jahren den Film nur unter Aufsicht von Erwachsenen sehen dürfen.

Ähnlich brisant sind die existenziellen Fragen, die die Puppen stellen. »Wer bin ich? Wer sind wir?«, fragt der immer tiefer in eine Identitätskrise rutschende Michael. »Woher zum Teufel soll ich das wissen?«, schleudert sie ihm seine Frau in einer ähnlich verzweifelten Tonlage entgegen. Im Hintergrund ejakuliert gerade die japanische Puppe, die Michael seinem Sohn von seiner Geschäftsreise mitgebracht hat: Dass der »Spielzeugladen«, den ihm der Taxifahrer auf Nachfrage empfohlen hatte, die ganze Nacht geöffnet war, ist Michael in seiner geistigen Umnachtung nicht weiter aufgefallen.

Ein Highlight des Films ist die Szene, in der Lisa auf Italienisch mit amerikanischem Akzent Sarah Brightman singt. Lisas Stimme ist Musik in Michaels Ohren. Sie klingt – ergo: ist – anders als alle anderen, deshalb nennt Michael sie Anomalisa. Gut geht die Geschichte dennoch nicht aus – von Charlie Kaufman hätte man auch nichts anderes erwartet. Leider fehlen dem Film die narrativen Twists, die Komplexität der Erzählebenen und die Autoreferentialität, die Kaufmanns frühere Werke auszeichnen. Das Publikum in Venedig war dennoch begeistert.

Bei der Pressekonferenz überboten sich die Journalisten in gewagten Deutungsversuchen, was mitunter für Fremdscham sorgte. Erinnerungen an den Deutschunterricht und die Frage nach der sogenannten Intention des Autors kamen hoch. Kaufman winkte elegant ab und weigerte sich beharrlich, inhaltliche Fragen zu beantworten: »Wenn ich Ihnen die Bedeutung erklärte, würde ich Ihre Erfahrung schmälern. Anomalisa ist genauso Ihr Film wie mein Film.«

Bis zur Premiere hatten sich Kaufmans Statements auf folgende Aussage beschränkt: »Der Film ist zirka eineinhalb Stunden lang.« Zumindest die Worte des Regisseurs scheinen ihre ursprüngliche Bedeutung noch nicht eingebüßt zu haben.

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