Anohni & Naomi Campbell fordern: »Drone Bomb Me« – Videopremiere

Gute Aussichten: Wer die Klimakatastrophe nicht miterleben will, kann sich vorher via Fernsteuerung wegbomben lassen. Nach »4 Degrees« setzt Anohni ihren Katalog an Weltuntergangsszenarien (a.k.a. das Album Hopelessness) mit »Drone Bomb Me« fort. SPEX sprach mit der Musikerin in Paris.

Richtig gesehen. Es ist wirklich Naomi Campbell, die da in einem von Givenchy designten Camouflage-Catsuit mit Tränen in den Augen und unverkennbarem Zittern in der Stimme um die eigene Vernichtung fleht. »Drone bomb me!«, fordert Campbell wie ein schauerliches Orakel, durch das die Stimme von Antony Hegarty alias Anohni spricht. Dazu schmettern die Hi-Tech-Fanfaren aus der Retortenfabrik von Hudson Mohawke so fröhlich, als ginge es um einen Sonntagsspaziergang durch einen Triumphbogen.

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Nachdem Anohni in »4 Degrees«, dem Vorabsong ihres Anfang Mai erscheinenden Albums Hopelessness, auf drastische Art den Klimawandel als ultimative Bedrohung von Planet Erde thematisierte, versetzt sie sich mit »Drone Bomb Me« auf noch drastischere Art in die Perspektive eines Mädchens in Afghanistan, das seine Familie durch die automatisierte US-Kriegsmaschinerie verloren hat. Schmerz mischt sich mit Schuldgefühlen. Der Wunsch nach Erlösung wird zum Schrei nach körperlicher Auslöschung, in den sich erotische Untertöne mischen.

Regisseur Nabil Elderkin hebt dieses jubilierende Klagelied mit seinem Videoclip auf eine so vielfältig und makaber schillernde wie massenkompatible Wahrnehmungsebene: VIP-Glamour, politische Anklage, Haute Couture, Wut und Trauer, Verlorene-Seelen-Ballett, bis zur Splatterpoesie ausgereizte Todessehnsucht.

»Naomi ist eine ziemlich politische und intensive Persönlichkeit«, erklärte Anohni dieser Tage in einem ausführlichen Gespräch mit SPEX in Paris. »Trotzdem konnte ich es kaum fassen, dass sie bei dem Video mitmachen wollte. Ihre Performance ging einfach durch die Decke, es war unglaublich.« Die Vorstellung, ihren Gesang anderen Personen in den Mund zu legen, beschäftigte Anohni schon länger: »Ich war inspiriert vom Dance-Act Black Box in den frühen Neunzigern, bei dem Martha Wash gesungen hat, aber ein französisches Model engagiert wurde, um die Songs zu visualisieren. Das war einerseits schlicht pragmatisch, andererseits aber auch ein interessantes Paradigma: Wie bringt man eine Botschaft am besten rüber? Was macht einen Song so ansprechend, dass ihn möglichst viele Menschen hören? Das brachte mich auf die Idee eines weiblichen Orakels, dem die Menschen vertrauen und das die direkteste Art darstellt, einen Song zu hören. In dieser Hinsicht ist Naomi dreimal, nein, zehntausendfach wirksamer. Man kann einfach kein Auge von ihr lassen.«

Wir schließen uns, in aller Bescheidenheit, der Einschätzung der Künstlerin an: »Ich glaube, das ist ein Video für die Ewigkeit.«

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