Anohni – Das bisschen Mitschuld bringt dich nicht gleich um

Hope ist immer noch dope – Anohni im März 2016 in Paris (alle Fotos: Mathieu César)

Mit Antony And The Johnsons gab sie die große Schmerzensfigur unserer Tage. Jetzt hat sie genug von der Pietà-Pose und vom Barockpop für fortgeschrittene Liebes- und Leidensstadien. Als Anohni erfindet die New Yorker Musikerin nicht nur sich selbst neu, sie lädt auch Elektropop so explizit politisch auf, wie man es kaum je gehört hat. Anohnis Album Hopelessness war eines der wichtigsten des Jahres 2016. Eine krude Zustandsbeschreibung der Welt. Ein Weckruf mit Pauken und Trompeten. Und nicht ganz ohne Hoffnung.

Oft merkt man gar nicht, wie die Welt untergeht und was man selbst damit zu schaffen hat. Nehmen wir an, man sitzt auf einem Gangplatz in Reihe 14, hat eben den Sicherheitsgurt wieder geschlossen, das Tischchen vor sich hochgeklappt, und wie aus heiterem Himmel schwebt diese Frage im Raum: Wie sieht heute eigentlich der amerikanische Traum aus? Während draußen die Triebwerke ihr Bestes geben für die Aufheizung des Planeten und die Auslöschung der Arten, merkt man erst, dass einem die Antwort die ganze Zeit schon über die Kopfhörer ins Ohr gesäuselt wird. Von einer äußerst verführerischen Stimme, die Worte mit Hochgenuss zerdehnt, liebestrunken und schmerzbeladen zugleich, der Erfüllung so nah wie dem ultimativen Abgrund. Sie singt: „Eh-eh-eh-xecution / Eh-eh-eh-xecution / Hey-eh-eh-xecutioooon / It’s an American dream.“

Was ist geblieben vom Versprechen, dass jeder von dem Teller, den er einst für andere waschen musste, irgendwann auch mal selbst eine XL-Portion Hühnerschenkel verputzen und sich obendrein eine Mitarbeiter-des-Monats-Plakette über die Küchenspüle hängen darf? Glaubt man der verführerischen Stimme von Anohni und ihrem Song „Execution“, dann ist davon nicht mehr übrig als die Vorstellung, dass jeder Hühnerschenkeldieb mit einer kleinen Giftspritze ins Jenseits befördert werden kann. Der amerikanische Traum ist einer von Vernichtung, Zerstörung und Rache.

Dass es bei Anohni zur Sache geht, ist nichts Neues. „I’m very, very happy / So please hit me!“, lauten die bekanntesten Zeilen aus einem ihrer ersten Songs, „Cripple And The Starfish“. Die Künstlerin trug damals noch ihren bürgerlichen Namen Antony Hegarty und stand dem Musikkollektiv Antony And The Johnsons vor. Das hochdramatische Liedgut, das die 1971 in England geborene New Yorkerin seit dem Jahr 2000 auf vier Studioalben versammelte, beschreibt sie heute in milder Distanziertheit mit dem englischen Wort „pastoral“ und verbreitet damit ein Arom pfaffenhafter Muffigkeit. Man könnte es mit „idyllisch“ übersetzen oder, noch prickelnder, mit „seelsorgerisch“. Ihrem bisherigen Œuvre wäre damit freilich Unrecht getan. Die Leidensmacht dieses Tränendrüsendruck-Barockpop ist im 21. Jahrhundert bisher unerreicht. Die Elegien von Antony And The Johnsons passten in die Opernhäuser von London und Sydney genauso wie in den Wachowski-Thriller V For Vendetta; Antony Hegartys Stimme war in Songs von Lou Reed zu hören, von Laurie Anderson und Björk (und ja, auch von Herbert Grönemeyer).

„Ich war es leid, nur mit Trauerflor über bestimmte Dinge zu singen.“

Aber das Pastorale der Antony-Schmerzenslieder sei vorbei, erklärt Anohni. Jetzt wird zum Klang von Kickdrum-Pauken und Synthesizertrompeten gebrandschatzt und gebombt, gefoltert und exekutiert. Anohni überträgt den erotisch konnotierten Wunsch nach Schmerz in einer Zweierbeziehung („Ich bin so glücklich, schlag mich, bitte!“) in drastischer Direktheit auf die Opfer-Täter-Konstellation der modernen Kriegsführung: Lass mich deine Auserwählte sein heute Nacht! Verteil mein Purpurnes auf dem Rasen! Zerfetze mich! Das sind die Liebesdienste, die das lyrische Ich in Anohnis Song „Drone Bomb Me“ fordert. Er klingt wie eine selbst verordnete Schock-und-Splatter-Therapie. „Ich war es leid, nur mit Trauerflor über bestimmte Dinge zu singen“, erklärt Anohni. „Das fühlte sich zu passiv an. Die Wut hat mich aufgerüttelt. Daher mochte ich die Idee, mit Dance Music zu arbeiten. Die klingt zornig und herausfordernd, aber auf eine andere Art als meine bisherige Musik.“

„Die Wut hat mich aufgerüttelt.“

Anohni erzählt von ihrer Wut, während sie auf einem Samtsofa sitzend an einem Fläschchen Diet Coke nuckelt. Das Setting des Gesprächs folgt den Riten einer Popstaraudienz. Schauplatz ist eine komplett in Karamelltönen gehaltene Hotelsuite unweit der Place Vendôme in Paris. Die Terroranschläge vor dem Stade de France und in der Pariser Innenstadt liegen fast vier Monate zurück. Anohni bereitete zu diesem Zeitpunkt gerade die Veröffentlichung des ersten Vorboten ihres Albums Hopelessness vor: die Klimakatastrophenhymne „4 Degrees“, die genau rechtzeitig die Anfang Dezember in Paris stattfindende UN-Klimakonferenz beschallte. (Unweigerlich denkt man an die 1100 Flugmeilen, an all das verbrannte Kerosin und den Pro-Kopf-Ausstoß von 0,238 Tonnen CO2, die man auf dem Weg hierher eben erst auf sein Klimakonto geschafft hat – während die verführerische Stimme im Ohr Zeilen wie „Suck the oil out of her face / Burn her hair, boil her skin“ trällerte.)

Gute zwei Wochen vor dem Interviewtermin jubelte das Pariser Konzertpublikum einem Rock’n’Roll-Hero zu, der sich auch so seine Gedanken über eine bessere Welt macht. Wenn in Frankreich jeder mit einer Knarre rumliefe, würde es zu Ereignissen wie denen am 13. November 2015 im Bataclan gar nicht erst kommen, gab Jesse Hughes zu verstehen, Sänger der Eagles Of Death Metal und Mitglied der National Rifle Association. Und eine Woche zuvor wurden, in Los Angeles, nicht in Paris, die Oscars verliehen. Anohni ging leer aus. Sie war, als erste Transgender-Interpretin überhaupt, für den besten Song nominiert („Manta Ray“ aus dem Dokumentarfilm Racing Extinction, in dem es um die Ausrottung anderer Spezies durch den Menschen geht), allerdings nicht für einen Auftritt bei der Zeremonie eingeladen worden. Sie zog es also vor, dem Spektakel ganz fernzubleiben, und erklärte: „Viele der Celebrities werden dafür bezahlt, einen kleinen Stepptanz aufzuführen, während Rom in Flammen steht. Wir erleben die letzten Tage des großen amerikanischen Selbstbetrugs, mit freundlicher Unterstützung von Exxon Mobile, Walmart, Amazon, Google und Philip Morris.“

Vor einer dergestalt aufgeladenen Kulisse also hat die Künstlerin die Karamellsuite betreten. Barfuß, anmutig wie ein Barockengel, das Gesicht ebenmäßig und dezent geschminkt, der Körper mit hauptsächlich schwarzen Stoffen verhüllt, der Blick von diffuser Ausdruckskraft. Anohni setzt sich im Schneidersitz auf das Samtsofa, Buddha-gleich. Das Champagnerglas vor sich auf dem Tisch ignoriert sie, obwohl um die Ecke vom Hoteleingang nachdrücklich an die Naturschutzinstinkte der Parisbesucher appelliert wird: „Save water, drink champagne!“ Anohni bevorzugt, für den Moment zumindest, das Produkt eines multinationalen Getränkekonzerns. Es wirkt, als wollte sie durch ein solches Detail schon verweisen auf den gigantischen, unfassbaren und uns doch jederzeit komplett durchdringenden Gesamtzusammenhang, der auch jedes Lied auf Hopelessness durchdringt: Es gibt kein Draußen im Spätkapitalismus. Wir hängen alle schuldverstrickt mit drin. Und sei es nur durch ein Schlückchen aus einer Glasflasche mit brauner Brause.

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