Anna von Hausswolff – Der nächste Sonntag / Feature & Ticketverlosung

Im wahrsten Sinne des Wortes Gothic, per Abstammung mit dem Okkulten verwandt: Anna von Hausswolff macht Musik, die dem kapitalistischen Realismus der Transparenzgesellschaft zwar nicht entfliehen kann, sich zugleich aber nicht mit Realitätsflucht begnügt. Im Vorfeld ihrer Deutschlandtour, für deren Berlin-Konzert wir Tickets verlosen, hier das komplette Feature aus SPEX N° 365.

Die Geburt des Popsongs fiel auf einen traurigen Sonntag im Jahr 1941. Es war kein von weißen Blumen gesäumter letzter Sonntag, sondern das Erwachen aus einem Albtraum voller Verlangen und Angst. Aber der Reihe nach. 1933, Ungarn: László Jávor wird von seiner Verlobten verlassen und schreibt »Szomorú Vasárnap« (»Trauriger Sonntag«) zu einem Stück des Pianisten Resző Seress, »Vége A Világnak« (»Ende der Welt«). Das Ende, das am Anfang steht, wird durch ein anderes, viel egozentrischeres ersetzt: In Jávors Fassung stirbt das Ich, die geöffneten Augen schauen ein letztes Mal auf die Geliebte. Das Persönliche schreibt sich palimpsestartig über das Politische von Seress’ Original, das die Schrecken der großen Depression und des aufkommenden Faschismus in sich trug. Es kommt zu einer Art Werther-Effekt, zumindest wird die hohe korrelierende Selbstmordrate im Ungarn der Dreißigerjahre mit dem Stück kausal in Verbindung gesetzt. Es wird in Übersee als »Hungarian Suicide Song« bekannt.

Gut zwei Jahrzehnte, nachdem Max Weber die Entzauberung der Welt proklamiert hat, begibt sich wieder Rätselhaftes. Bis 1941, als Billie Holiday das kontroverse Ende entschärft: »Dreaming, I was only dreaming / I wake and I find you / Asleep in the deep of my heart, dear«. Das ist sie, die Geburt des ersten Popsongs als Erkenntnis der nackten Realitäten. So zumindest deutelte es Diamanda Galás einst bei einem Konzert, bevor sie ein trockenes »I don’t do it that way, of course« ins Mikrofon grinste und ihre eigene Interpretation keinesfalls that way ausklingen ließ: »The bell tolled for me / And the wind whispered, ›Never!‹ / But you I have loved / And I’ll love you forever / Last of all Sundays«.

»Gloomy Sunday«, so der englische Titel von Seress’ Stück, wurde unter anderem von Ray Charles, Serge Gainsbourg, Elvis Costello, Björk und Marissa Nadler gecovert und zieht sich als roter Faden durch die Geschichte der Popmusik. Vor lauter Versuchen, ihn in die eine oder andere Richtung glattzustreichen, ist der Song völlig ausgefranst. Anna von Hausswolff hat das Stück ebenfalls interpretiert, ihre Version lehnt sich explizit an Galás an. »Sie war die erste extreme Sängerin, die ich kennenlernte«, erinnert sich die Schwedin an den Erstkontakt im frühen Teenageralter. »Das packte mich. Da ging es darum, im Jetzt zu sein und sich auf eine rohe, expressionistische Art auszudrücken. Sie hat mir gezeigt, dass es okay ist, die eigene Stimme zu benutzen und scheiße zu klingen.«

Von Hausswolff lacht. Sie tut das oft, eigentlich ständig. Ähnlich wie bei Galás findet sich ihr Humor vordergründig nicht in ihren Texten oder ihrer Musik wieder, die im wahrsten Sinne Gothic ist und zwangsläufig gotische Elemente in sich trägt. Denn von Hausswolff hält sich ständig in Kirchen auf. Die schätzt sie als architektonische Klangkörper und überdies als Orte, an denen das zentrale Instrument ihrer Musik seinen festen Platz hat: die Orgel. Zum künstlerischen Pragmatismus gesellt sich jedoch mehr: »Wenn ich ein christliches Symbol sehe, denke ich sofort an die dunkle und brutale Geschichte des Christentums, was für mich einen interessanten Kontrast zum Raum einer Kirche aufmacht. Wenn du eine Kirche betrittst, begegnest du einer gewissen Spiritualität.«

Diese gewisse, nicht ganz greifbare Spiritualität prägt auch von Hausswolffs drittes Album, das sinnigerweise The Miraculous heißt: das Wunderbare. Kein neues Thema für von Hausswolff, die erst letztes Jahr gemeinsam mit dem Komponisten Matti Bye Hans Christian Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern vertonte, eine nah am Märchen und damit dem Wunderbaren agierende Erzählung. Der Titel des gemeinsamen Projekts: Hydras Dream. Es ist ein anderer Traum als der, aus dem Holiday an ihrem traurigen Sonntag erwacht. Was ihnen aber gemein ist: die Nähe zum Unbewussten, Irrationalen und dem Tod, der auf ihrem letzten Album Ceremony im Mittelpunkt stand. Leitmotive in von Hausswolffs Musik, die sich nicht allein bei ihr finden lassen. Das Obskure, Opake, Dunkle und Lichtlose schleichen sich seit geraumer Zeit ins Rampenlicht zurück. Sie versuche wirklich sehr, ein rationaler Mensch zu sein, erklärt von Hausswolff. Dann lacht sie wieder. »Das klappt aber nicht.«

Das lässt sich trotzdem als Gegenreaktion, und sei es nur eine unbewusste, verstehen. Von Giorgo Agambens Nacktheiten bis hin zu Byung-Chul Hans Agonie des Eros warnt der institutionalisierte Kulturpessimismus vor den Verlusten, die mit der Offenlegung aller Geheimnisse einhergehen. Die Menschen würden objektiviert und pornografisiert, wir leben in »anästhetischen« Zeiten, behauptet Han. Es fällt schwer, dem zu widersprechen. Eine Organisation wie Wikileaks wird erst dadurch möglich gemacht, dass so viele Informationen gesammelt werden, Edward Snowden nur dadurch zum Held, dass er selbst etwas entschleiert. Die Misere faltet sich schichtenweise aufeinander, und die von Han postulierte Transparenzgesellschaft wird nur noch durchsichtiger, wenn sie sich wehrt.

Den schlagendsten Ausdruck doppelseitiger Befangenheit formuliert das Label PC Music, dessen Überaffirmation kapitalistischer Strategien sich weder eindeutig als Parodie noch als schlichte Reproduktion von deren Ideologie lesen lässt. Die fast immer an Produkte (Energy Drinks, Doppeldildos) oder zum Akronym hin abstrahierte Figuren (QT, GFOTY) gebundene Musik ist so etwas wie der Jingle für ihre eigene Ästhetik, die ihren dunstigen Warencharakter transparent macht. Es lässt sich nur schwerlich ein Ende des Kapitalismus denken, räsoniert Mark Fisher in seiner Theorie eines Capitalist Realism, viel eher noch das der Welt. Eben jenes »Ende der Welt« eines ungarischen Komponisten, das schnell mit Privaterem überschrieben wurde. Das Ende jener Welt, die erst entzaubert, dann verwaltet und zuletzt transparent wurde.

Popmusik bot immer schon (Realitäts-)Fluchten an, sie werden immer dringlicher. Vom lumbersexuellen Folk bis hin zu öko-radikalem Black Metal, wie ihn Wolves Of The Throne Room auf dem Rücken verquerer Theorien von der eigenen Farm aus predigen, wird eine neue Authentizität vorgeschlagen. Die erschöpft sich in leeren Gesten, weil sie ihre eigene Befangenheit nicht abstreifen kann. Eine andere Flucht ist homöopathischer, fußt auf feindosiertem Feierabendeskapismus. Neben wohligem Piano-Ambient erhält dieser Eskapismus seinen Soundtrack von Ästhetikkonzepten, die wie die von Hausswolffs auf das Irrationale, Unbewusste oder eben Wunderbare referieren. Das findet im Rahmen bekannterer Indie-Musik wie etwa bei Chelsea Wolfe statt, die sich explizit auf C. G. Jung beruft – aber auch im Mainstream: Die fünfte Staffel von American Horror Story zeigt Lady Gaga in der Hauptrolle, die sich auf Instagram ihren elf Millionen Fans als The Countess präsentiert. Von Hausswolff trägt ihre adelige Herkunft ebenfalls im Namen, verweist aber zugleich spielerisch auf die Nähe zum Okkulten: »Reynold von Hausswolff«, heißt es in einem Pressetext über den Vorfahren, »beendete die Hexenverbrennungen.« Die aufklärerische Haltung begründet die Neigung zum Wunderbaren.

Anders als Zola Jesus, die sich im Laufe ihrer Karriere auf Albumcovern und musikalisch fortwährend entschleierte und zuletzt mit Taiga ein fast konventionelles Pop-Album ablieferte, geht von Hausswolff zunehmend in die Breite. Die erste Single aus The Miraculous ist stramme elf Minuten lang. »Wir sind nach der Veröffentlichung von Ceremony viel getourt, das entwickelte sich weiter«, lautet die Erklärung dazu. »Längere Strukturen, schwerere Sounds und dichtere Texturen.« Das ist es, was von Hausswolff an der Orgel so liebt: das Körperliche, die Entschleunigung, die Zeit zur Reflexion lässt. Drones, die nur rudimentär vorhandene Popstrukturen dominieren. Wie Galás macht es von Hausswolff eben nicht that way, sondern geht ihren eigenen Weg.

Obwohl sie damit keinesfalls den Erfolg von Lady Gaga einheimst, hat sie doch eine hingebungsvolle Fanbase. Das Blog Fuck Yeah! Anna von Hausswolff sammelt seit der Zeit vor Release ihres zweiten Albums Ceremony Reviews, Interviews und immer wieder Bilder von der in Dänemark lebenden Schwedin – und macht sie damit noch transparenter, als von Hausswolff es über ihre eigenen Social-Media-Kanäle selbst tun könnte. Es braucht nicht das fast einstündige SPEX-Interview, um zu erfahren, dass hinter dem wuchtigen Sound, den abgedunkelten Promofotos und dem verwirrenden Netz aus religiösen, okkulten und todessehnsüchtigen Zeichen um von Hausswolffs Musik eine, na ja, lebenslustige und eben humorvolle Person steckt. »Das bin ich aber! Ich denke, Humor ist für Kreativität superwichtig«, stimmt sie selbst zu.

Humor bewies schließlich auch Galás, als sie mit trockener Ironie »Gloomy Sunday« in dem Bewusstsein ankündigte, dass niemand jemals von ihr erwarten würde, den Song that way zu interpretieren. Das sieht bei von Hausswolff wieder anders aus. Die von ihr mit The Miraculous vorgeschlagene (Realitäts-)Flucht ist von vornherein kompromittiert. Allerdings hat sie das Album, das The Miraculous als einen Kindheitsort im ländlichen Schweden erkundet, in welchem von Hausswolffs Eltern ihr und ihrer Schwester Märchen erzählten, genau auf diesen Widerspruch hin zugeschnitten. Wo hört die autobiografische Introspektion auf, wo fangen die Märchen an? »Die feine Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, darum geht es auf der Platte«, sagt sie. »Dieser wunderhafte Ort befindet sich zwischen Realität und Fantasie.« Das heißt eben auch: Zwischen Transparenz und Eskapismus.

The Miraculous begegnet dem nicht notgedrungen, sondern ganz bewusst mit einer Uneindeutigkeit, deren Unentscheidbarkeit sich ständig entzieht. »Die Leute können in meine Musik hineinlesen, was sie möchten«, sagt von Hausswolff. Das klingt wie eine Allerweltsphrase, ist aber substanzieller Ausdruck einer strategielosen Strategie, die sich weder gegenüber der Realität verschließt noch die Fiktion zur letzten Rettung ernennt. Die im Jetzt ist, sich auf rohe, expressionistische Art ausdrückt. Der rote Faden des »Gloomy Sunday« verknüpft implizit Privates mit Politischem. Der traurige Sonntag Anna von Hausswolffs ist weder ein letzter, noch endet er mit der vorschnellen Erkenntnis, alles sei nur ein Traum gewesen.

Dieses Feature ist in der aktuellen Printausgabe SPEX N° 365 erschienen. Das Heft kann hier versandkostenfrei bestellt werden.

SPEX präsentiert Anna von Hausswolff zudem auf Deutschlandtour und verlost 5×2 Ticktets für das Konzert am 06. Dezember in den Sophiesälen in Berlin . Wer sein Glück versuchen möchte, schickt einfach bis zum 30. November eine Mail mit dem Betreff »Anna von Hausswolff« an gewinnen@spex.de und gibt seine Wunschstadt sowie den vollständigen Namen an. Das Los entscheidet.

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