Anna Meredith – 99% neu / Feature & SPEX präsentiert live

Die schottische Musikerin Anna Meredith wollte gar keinen Pop machen. Trotzdem unterschied sich ihre Arbeit schon von klassischer Schnarchnasenmusik, als sie auftragsmäßig noch klassische Schnarchnasenmusik komponieren sollte. Jetzt kommt sie mit ihrem Debütalbum Varmints nach Deutschland. SPEX präsentiert und hat mit Meredith bereits für SPEX N° 368 gesprochen – das komplette Feature ist nun auch online zu lesen.

Anna Meredith hat ja auch keine Lust darauf, aber wir müssen über Geld reden. Sie ist 38 Jahre alt, macht seit 20 Jahren zunehmend professionell Musik und hat fünf Orchester aus fünf Zipfeln Großbritanniens per Satellitenverbindung miteinander spielen lassen – der Spaß wurde als verdammte Last Night Of The Proms in die Wohnzimmer von 40 Millionen Menschen übertragen. Diese Anna Meredith jedenfalls hat erst jetzt ihr erstes Album draußen. Das muss Gründe haben. »Wissen Sie, wie teuer es ist, eine Platte aufzunehmen?«, fragt sie zurück. »Sie haben ja keine Ahnung!«

Meredith hat den Großteil ihres bisherigen Lebens damit verbracht, eine Karriere als klassische Musikerin aufzubauen, obwohl sie »nicht wirklich gut« Klarinette spielt. Und auch sonst kein Instrument. Jetzt hat die Klassik ihr erstes breitenkompatibles Album finanziert. Varmints ist ein Low-Budget-Projekt und hat Meredith trotzdem – je nach Rechnung – zwei bis acht Jahre gekostet. »Es ist Irrsinn zu glauben, eine Pop-Platte sei eine lukrative Angelegenheit«, zerschlägt sie Illusionen. »Start-up-Künstler verdienen Respekt. Niemand möchte in einem klapprigen Viersitzer von Gig zu Gig zuckeln und seine Musik gratis ins Internet stellen.«

Auch wenn Meredith das anders sieht, ist Varmints aus zwei Gründen ein großer Coup: Weil es von langer Hand geplant war. Und weil sie dafür geklaut hat, wo es nur ging. »R-Type« beispielsweise ist zwei Drittel Hair Metal, ein Drittel Arcade. »Taken« meint wohl »Taken Off The Polyphonic Spree« – und ist das Regina Spektors Disneymusicalstimme in »Something Helpful«? Meredith sagt es mal so: »Wenn meine Freunde über den neuen heißen Scheiß reden, kann ich kaum etwas beisteuern. Die Musik anderer Künstler zu meiden, hilft mir sogar, meinen eigenen Klang zu finden. Das soll aber nicht heißen, ich sei zu 100% neu.« Dass neben Anna Meredith auch Anna-Meredith-Versionen von Jean-Michael Jarre, Elefanten im Porzellanladen und Darth Vader auf Varmints zu hören sind, ist zwar ganz schön frech. Aber auch ganz schön clever.

Meredith wollte gar keinen Pop machen, aber am Ende ist eben doch für jeden was dabei. »Musik muss auf einem sehr grundsätzlichen Level funktionieren«, sagt sie – und dass sie kein Mensch sei, der sich in Details verliert. »Vom Sonnenuntergang träumen andere.« Dass Meredith stattdessen das große Ganze im Blick behält, unterschied ihre Arbeit schon von klassischer Schnarchnasenmusik, als sie noch klassische Schnarchnasenmusik komponieren sollte. »Im Prinzip ist es völlig egal, ob man Orchester- oder Bandsongs schreibt«, erklärt sie. »Anders sind nur die Instrumente. Musik muss sich aber immer an der Realität messen. Deswegen mache ich mir vorher klar, an welchem Punkt im Leben ich stehe, was ich künstlerisch umsetzen möchte und welche Ressourcen mir dafür zur Verfügung stehen.« Und wenn die nicht ausreichen, borgt sie sich eben eine Fanfare von Hudson Mohawke.

Dieser Text ist wie viele weitere Features und Interviews in der Printausgabe SPEX N° 368 erschienen. Das Heft ist nach wie vor versandkostenfrei im Online-Shop bestellbar.

SPEX präsentiert Anna Meredith live
18.11. Berlin – Kantine am Berghain
19.11. Hamburg – Kampnagel
20.11. Frankfurt – Studio II @ Mousonturm Theater

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