Anna Calvi „Hunter“ / Review

Für Hunter musste Anna Calvi sich selbst neu entdecken. Die Erforschung ihrer Lust führte sie zur Erkenntnis, als Frau in diesem Bereich unfrei zu sein. Das Album wagt die notwendige Umdeutung des Femininen vom Gejagten zum Jäger.

Es ist immer wieder schön, wenn Menschen ihre Sexualität und Lust neu entdecken. Und noch schöner natürlich, wenn das Leuten passiert, die sowieso schon Art-Rock-Musikerinnen sind. Anna Calvi, seit ihrem selbstbetitelten Debüt von 2011 als fesselnde Interpretin und versierte Gitarristin verehrt, möchte laut Selbstaussage, auf ihrem dritten Album Hunter nun das Gefühl von „echtem Loslassen“ zum Ausdruck bringen. Je intimer und elegischer Gesang und Musik, desto waghalsiger.

Hunter entstand an einem Wendepunkt: Calvi war zu ihrer französischen Freundin nach Straßburg gezogen, wo sie sonst niemanden kannte – und nutzte die Zeit, um ihre Lust zu erforschen. Die Kategorisierung als Frau empfindet sie dabei als Beschränkung, wie sie sagt. Als Mann identifiziert sie sich aber auch nicht. Am Ende entschied sie sich dazu, ein Album aufnehmen, das die Frau nicht entsprechend stereotyper Zuschreibungen als Gejagte beschreibt, sondern als Jägerin. Und das zudem fragt, warum Stärke eigentlich immer noch als männliche Eigenschaft angesehen wird. Super Grundfragen für ein Rockalbum, klar, wenn auch keine neuen.

Produziert wurde Hunter von Nick Launay (Nick Cave, Grinderman), eingespielt von Mally Harpaz, Adrian Utley von Portishead am Keyboard, Martyn Casey von Caves Bad Seeds am Bass, Alex Thomas am prätentiösen und wie programmiert klingenden Schlagzeug – und Calvi selbst an der Gitarre natürlich, die, untypisch für die 37-Jährige, kaum durchgängig zu hören ist und eher punktuell tolle Akzente setzt.

Zehn Songs umfasst Hunter, die allesamt mit Zerrissenheiten und Leidenschaften kokettieren, mit ständigem Oszillieren zwischen Laut und Leise, stop and go, Ausbruch und Sanftheit. Streckenweise geht dieses Konzept auf, etwa im Closer „Eden“, einer hochmelodiösen, opern-haften Ballade, die ein queeres Paradies skizziert. Ich persönlich empfinde Hunter aber oft als unangenehm intim. Auf ganzer Länge driftet das Album zu oft in Richtung einer narzisstischen Nebel- und Nabelschau ab, die mehr Rocktheater ist als Rockerzählung.

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