Bergmann does Bergman: Als Schauspieldirektorin ließ sie eine Spielzeit lang nur Frauen inszenieren. Jetzt verpasst Anna Bergmann dem schwedischen Filmemacher eine dezidiert weibliche Lesart. Ein Treffen mit einer der gefragtesten Theaterfrauen der Stunde.

Wer Anna Bergmann vor ihrer Inszenierung von Persona am Deutschen Theater begegnet, kennt ihr Lebensmotto bereits, ohne auch nur ein Wort mit ihr gesprochen zu haben. Sie trägt es für jede_n sichtbar mit sich herum. „Girls Can Do Anything“ steht auf ihrem T-Shirt, obwohl Bergmann, was ihr Alter betrifft, schon lange kein Mädchen mehr ist, sondern eine erfolgreiche Regisseurin von 41 Jahren, und seit dieser Spielzeit Intendantin am Schauspiel Karlsruhe. Deshalb muss man diesen Spruch wohl auch mehr als Leitspruch für ihren eigenen Werdegang sehen, und als Botschaft an den weiblichen Theaternachwuchs, der bis heute gegen weiße, männliche und oft ziemlich patriarchale Strukturen ankämpft. Was schlimmstenfalls zum vorzeitigen Karriereaus führen kann, wie in Bergmanns Stück Persona, das sicherlich nicht umsonst als eines der zehn besten Stücke zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen wurde. Die Zeichen stehen auf Veränderung.

Die Inszenierung, die eine Adaption des gleichnamigen Ingmar-Bergman-Films in Koproduktion mit dem Staatstheater Malmö ist, erzählt die Geschichte von Schauspielerin Elisabet und Krankenschwester Alma, die gegen die gesellschaftlichen Erwartungen rebellieren, denen sie als Frauen ausgesetzt sind. Elisabet ist ihrer Rolle als Bühnenstar, Mutter und Geliebte irgendwann so überdrüssig, dass sie verstummt. Auch Alma befreit sich aus dem starren Alltagskorsett, indem sie ihre Sehnsüchte, Wünsche und Ängste endlich offen artikuliert. Doch ihre Rebellion hält nur für einen kurzen Augenblick an. Als die Außenwelt in die Abgeschiedenheit des Sommerhauses eindringt, ist es mit der Emanzipation vorbei.

Anna Bergmann
„Wir treten in Dialog, aber am Ende bestimme ich“: Anna Bergmann (Foto: Thorsten Wulff).

Mit Bergmanns Interesse am Seelenleben von Frauen, ihrer verspielten Ästhetik und dezidiert weiblichen Lesart von Bergmans Persona kann nicht jede_r etwas anfangen. Beim Gespräch in der Kantine des Deutschen Theaters kurz vor Vorstellungsbeginn erzählt sie, wie ihr Vorgesetzter, Generalintendant Peter Spuhler, ihr gestanden habe, dass er die auf der Bühne verhandelten Themen zu frauenspezifisch finde, um als Mann daran anknüpfen zu können. Dennoch schätze Spuhler sie natürlich, schließlich hat er sie nicht umsonst zur Direktorin seiner Schauspielsparte ernannt. Andere sind da gnadenloser, was Bergmanns künstlerische Handschrift betrifft: „Mir wird oft vorgeworfen, dass ich Mädchentheater mache“, sagt sie. Überhaupt durfte sich Bergmann während ihrer mehr als 15-jährigen Karriere schon so einiges anhören: Dass sie zickig und kompliziert sei zum Beispiel, oder dass sie eine komische Stimme habe, um nur einige sexistische Herabwürdigungen anzuführen.

Aber was soll „Mädchentheater“ eigentlich sein? „Mein Fokus auf den selbstverständlichen Umgang von Frauen mit ihrem eigenen Körper und ihrer Sexualität vielleicht“, mutmaßt Bergmann, „und dass ich tolle Kleider und schöne Frauen auf der Bühne liebe.“ Tatsächlich stechen einem die blonden Langhaarperücken in Persona sofort ins Auge, die Corinna Harfouch und Karin Lithman gänzlich unironisch den Touch zweier schwedischer Märchenprinzessinnen verleihen. Und dazu eine frappierende Ähnlichkeit mit der Regisseurin – eine Spur Narzissmus gehört zum Regiehandwerk vermutlich dazu. Und dann sind da noch die glamourösen Roben und die Haarbürste, die in einer Szene zum Mikrofon umfunktioniert wird. Das kann man kitschig und klischeehaft finden, dennoch steckt unter der aufgetakelten Oberfläche – wie so oft bei Bergmann – eine komplex gestaltete, emotional fordernde Inszenierung. Deshalb ist es auch irritierend, dass ihre Kunst von manchen derart abgekanzelt werden. Und überhaupt: Warum sollte sogenanntes „Mädchentheater“ nicht genau so seine Berechtigung haben wie testosterongeschwängerte Jungskunst?

Bergmann polarisiert. Und setzt sich gegen Widerstände durch. Statt sich als vom Betrieb androgynisierte Theatermacherin zu inszenieren, wählt sie bei ihren öffentlichen Auftritten lieber eine Erscheinungsform, die viele als betont weiblich lesen würden: mit knallgelbem Blümchenkleid zum Beispiel oder – wie an diesem Abend – mit roséfarbenen Pumps, hautengem Bleistiftrock und dekorativen schwarzen Punkten unter den Augen, ein Instagram-Trend.

Bergmann weiß auch um die Familienunfreundlichkeit des Theaterbetriebs

Ist Bergmann vielleicht eine, deren Eltern schon Kreative waren und sie deshalb die nötige Resilienz besitzt? „Nein“, antwortet die Regisseurin. „Ich bin da so reingeschlittert.“ Bergmann wuchs noch zu DDR-Zeiten als Scheidungskind in Stendal auf, ihre Familie hatte mit Kunst nichts zu schaffen. Die Mutter arbeitete in einem staatlichen Lager für Dünger und Pflanzenschutzmittel, die Großeltern hatten einen Bauernhof. Glamour und weite Welt also Fehlanzeige. Dann entdeckte Bergmann im Teenageralter eine Laienspielgruppe. „Einen Ort mit Gleichgesinnten, die totale Bereicherung.“ Neben dem Abitur hospitierte sie am Theater, machte später die erste Regieassistenz. Doch Regisseurin sein? „Ich wollte immer Schauspielerin werden“, sagt Bergmann, aber an der Akademie wollte man sie nicht. „Mit ihren guten Noten können sie alles werden“, sei die Begründung für die Absage gewesen, erzählt Bergmann mit selbstbewusster Beiläufigkeit. Dann also doch Regie, und das gleich an der renommierten Hochschule Ernst Busch, die viele große Regisseur_innen hervorgebracht hat.

Danach ging es weiter bergauf: „Ich habe ziemlich schnell auf Hauptbühnen inszeniert“, sagt Bergmann, und ist sich bewusst, dass es ihr damit besser erging als etlichen ihrer Kolleginnen. Sie arbeitete erst an kleinen Häusern, später folgte das Schauspielhaus Bochum, das Maxim Gorki und das Burgtheater Wien. Doch das reichte der Künstlerin nicht. „Ich fand, dass es an der Zeit war, Verantwortung zu übernehmen, und andere Frauen bei ihrem Weg zu unterstützen“, sagt Bergmann. Also studierte sie Theatermanagement und fing 2018 als Schauspielchefin in Karlsruhe an – als eine von wenigen Frauen auf dieser Position. Ihr erster Clou: eine Spielzeit nur mit Regisseurinnen, um den männerdominierten Spielplänen etwas entgegenzusetzen. Diese Entscheidung hatte einen positiven Nebeneffekt. Plötzlich waren alle Augen auf sie gerichtet, in der New York Times erschien sogar ein Porträt von ihr. Und es geht weiter mit den Veränderungen am Haus. Ab der neuen Spielzeit ist das Ensemble in Karlsruhe erstmals paritätisch besetzt, außerdem plant Bergmann, die als Mutter eines dreijährigen Sohnes um die Familienunfreundlichkeit des Theaterbetriebs weiß, einen Betriebskindergarten zu eröffnen. Ab September dürfen dann auch wieder Männer inszenieren, mit Zweien sind sie aber eindeutig in der Unterzahl. „Einer macht ein Musical, der andere einen Liederabend“, sagt Bergmann. „Die ernsthaften Themen bleiben in Frauenhand.“

Doch wieso ist ausgerechnet sie ein so großer Ingmar-Bergman-Fan? Ein Regisseur und Drehbuchautor, der zwar ausgesprochen facettenreiche Frauenfiguren erfunden hat, jedoch mit fast jeder seiner Schauspielerinnen ins Bett ging, fünf Mal verheiratet war, neun Kinder hatte, und als Don Juan der Filmgeschichte gilt. „Ich finde mich da total wieder“, sagt die Regisseurin und lacht. Sie sei selbst schon in Schauspieler verliebt gewesen, und ihr Sohn entstand aus der Beziehung mit Jannek Petri, der für sie in „Drei Schwestern“ auf der Bühne stand. „Solange Bergman immer brav seine Alimente gezahlt hat, finde ich das okay.“

Andererseits gebe es natürlich auch kleine Harvey Weinsteins im Theaterbetrieb, erzählt Bergmann, bei denen sie kein Pardon kennt: „Ich kriege immer wieder solche Geschichten kolportiert und da ist ‚Dein dicker Arsch passt mir nicht, beweg den mal zur Seite’ noch ein harmloser Spruch.“ In Fällen wie diesen müssten die betreffenden Regisseure sofort abgemahnt werden, findet Bergmann, was ihrer Ansicht nach noch viel zu selten passiert. „Andererseits haben viele langsam begriffen, dass eine solche Kommunikation nicht mehr zeitgemäß ist“, sagt sie, und blickt ein wenig neidvoll auf Schweden, wo es auch am Theater schon viel gleichberechtigter zugeht als hier, und darüber hinaus eine no scream policy eingeführt wurde, die Machtmissbrauch und Brüllerei von vornherein eindämmt. Geht es bei ihr auf der Probe dann besonders demokratisch zu? „Nein“, sagt Bergmann, „wir treten natürlich in den Dialog, aber am Ende bestimme ich.“