Animal Collective, Strawberry Jam Forever

Animal Collective - Strawberry JamMit ihrem Debüt »Here Comes the Indian« und dem Nachfolger »Spirit They’re Gone Spirit They’ve Vanished« stellten Animal Collective eindrucksvoll ihr Faible für die Amalgamierung unterschiedlicher musikalischer Ansätze unter Beweis. Stets begleitet von einer farbenfrohen Prise Pop, vermischten sie abstrakte Lärmmatrizen mit schwelgerischen Drones und ließen kernige Folkinterludien mit ulkigen Singer/Songwriter-Experimenten kollidieren. Damals konnten sie noch zurecht zu dem engen Kreise derder ›New Weird America‹/›Weird Folk‹-Bewegung gezählt werden, einem losen Musikerkollektiv, das die Mythenwelt Amerikas in ausschweifende Improvisationen übersetzte, sich durch eine unverblümte, radikale Experimentierfreude auszeichnete und den eklektischen Hauch der Hippie-Kultur in das 21. Jahrhundert transformierte.

    Um es direkt vorweg zu nehmen: Animal Collective haben diese musikalische Attitüde nur noch in Ansätzen beibehalten. Ihr mittlerweile sechstes Album »Strawberry Jam« lebt von einer ausgeklügelten, kalkulierten Präzision und damit fernab jeglicher psychedelischer Weirdness, die in ihren ersten beiden Veröffentlichungen von besonderer Bedeutung war und stets unklar ließ, was wohl als nächstes kommen würde. Auf »Here Comes the Indian« präsentierten sie beispielsweise mit dem Stück »Two Sails On a Sound« eine zwölfminütige elektro-akustische Klangstudie aus pulsierenden Drones, insektoiden Electronics und repetitiven Piano-Patterns. Das ist nun bereits vier Jahre her.

    Heute hat in ihrer Musik das Moment des Unvorhersehbaren keinen Platz mehr. Die Praxis einer freien Improvisation, die im berühmt-berüchtigten Freakout kulminiert, sowieso nicht. Animal Collective schreiben Songs. Schluss, Aus, Basta!

    Das macht sie natürlich nicht zu einer schlechteren Band. Ihre Verortung sollte allerdings nicht mehr innerhalb der Koordinaten der ›New Weird America‹ oder ›Weird Folk‹-Bewegung erfolgen, wie es so oft mit entfernt verwandten Musikern geschieht – da wären zum Beispiel Joanna Newsom, Devendra Banhart oder CocoRosie zu nennen – sondern vielmehr in den Beständen solider Popmusik mit Hang zur dramaturgischen Überspitzung. ›Weird Folk‹ passiert heutzutage woanders: Pocahaunted, Robedoor, Religious Knives oder Sylvester Anfang wären da zum Beispiel als Interpreten zu erwähnen. Der kanadische Kritiker Matt McKeogh bezeichnete das Animal Collective sogar als ›Wall-Mart Psychedelia‹.

    Die Basis für die auditiven Forschungen des Kollektivs bildet die musikalische Grammatik eines Brian Wilsons, die hysterisch präzise gebrochen wird und bereits auf dem zweiten Album von Panda Bear – »Person Pitch« – Eingang fand. Während Panda Bear alias Noah Lennox noch einer introspektiven Klangsprache folgte, transformieren Animal Collective den mehrstimmigen Kehlkopfgesang der Beach Boys in ein tönendes Kaleidoskop aus ekstatischen Achterbahnfahrten (»Chores«) und drückenden Gitarrenwänden, die in dem Stück »For Reverend Green« die Gesetze der Physik außer Kraft zu setzen scheinen. Bei »Peacebone« verzahnen sich zischende Elektroniksounds mit einer treibenden Rhythmik. »Fireworks« simuliert den Puls einer alten Dampflokomotive, die durch märchenhafte Dimensionen rast, in denen Zeit und Raum keine Bedeutung mehr haben. »Cuckoo Cuckoo« präsentiert eine entrückte Adaption der Klangsprache des Heavy Metals, während »Derek« schließlich als Abschlussstück der Platte eine gelungene Fusion aus stampfenden Industrialbeats und sehnsüchtigen Falsettgesängen offenbart.

    »Strawberry Jam« weiß trotz seiner perfektionistischen Reißbrettausarbeitung, über die man allerdings leicht hinwegsehen kann, jederzeit gut zu unterhalten. Animal Collective haben eine Platte voller abenteuerlicher Songs aufgenommen und sich endgültig von ihrer ursprünglichen musikalischen Ausdrucksweise distanziert. ›Weird‹ ist an diesen schmackhaften Konfitüren somit überhaupt nichts mehr.


»Strawberry Jam« von Animal Collective erscheint am 07. September (Domino Record Co / RTD). Die EP »Peacebone« inklusive Remixen von Pantha du Prince und Black Dice wurde bereits veröffentlicht. Spex präsentiert die fünf Animal Collective-Shows Mitte Oktober.

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