»Anhedonia« – Filmfeature zum Kinostart / Teaser-Videopremiere

Blixa Bargeld schwingt sein Stöckchen, Dirk von Lowtzow verordnet eine Herr-Knecht-Therapie, Robert Stadlober hört vor lauter Kraftausdrücken nicht mehr, was die Stunde geschlagen hat: Die Spaßgesellschaft ist gründlich am Ende in Anhedonia. Schluss mit lustig ist ab Donnerstag auch im Kino.

Anhedonia (Untertitel: Narzissmus als Narkose) spielt in der Zukunft und in der Vergangenheit: zu Beginn der kommenden als auch der letzten roaring twenties. Dabei sind beide Epochen kaum zu unterscheiden, denn die modische, nur durch technologische Accessoires gebrochene Kongruenz korrespondiert mit einer ideologischen. Die Spaßgesellschaft ist wiedergekehrt, in der Weise des Hegel’sch-Marx’schen Bonmots, dass sich Welthistorisches immer zweimal ereignet: erst als Tragödie, dann als Farce.

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Der Film handelt von den aristokratischen Dioskuren Fritz und Franz Freudenthal (Robert Stadlober und Wieland Schönfelder), weltberühmten Celebrity-Söhnchen, die größtenteils in Aphorismen kommunizieren und an Anhedonie kranken, einer psychopathologische Form der Freudlosigkeit. Zur Heilung befinden sie sich im Sanatorium Seelenfrieden Island, um sich der Behandlung des Psychologen Immanuel Young (Dirk von Lowtzow als Gute-Laune-Doc aus dem Off) zu unterziehen. Dessen Herr-Knecht-Therapie ist aber nur eine von drei Erzählebenen, nämlich der Plot eines Filmdrehs, der selbst wiederum nur Film in einem Traum ist. Zusammengehalten und durchbrochen wird diese narrative Sedimentfolge durch einen Erzähler, der famos von Blixa Bargeld dargestellt wird. Überhaupt hat Regisseur Patrick Siegfried Zimmer, unter dem Namen Finn. auch als Musiker bekannt, mehrere Künstler gewonnen, denen man nachsagt, gern um ein, zwei Ecken mehr zu denken, was schlechthin das Hauptanliegen von Anhedonia zu sein scheint.

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Als intelligente Gesellschaftssatire angelegt und stellenweise brillant umgesetzt, erweist sich der Film über weite Strecken als äußerst ermüdend. Gerade die Sorge, im Experimentellen bloß nicht zu arty zu wirken, raubt dem Film als satirisches Statement die Kraft. Anhedonia erinnert formal an eine Castorf-Inszenierung: viel Geschrei und Hysterie kontrastiert durch Gewinsel und Gesäusel, viel Manieriertes gebrochen durch Vulgarismen, hemmungslose Selbstreferenzialität. Anhedonia ist eine intellektuelle Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt, die einen bald anödet, bald fasziniert, vor allem aber im Kreis denken lässt.

Anhedonia
Deutschland 2016
Regie: Patrick Siegfried Zimmer
Mit Robert Stadlober, Wieland Schönfelder, Blixa Bargeld, Dirk von Lowtzow u. a.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 367 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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