Andy Stott Faith In Strangers

Abgespeckt, statt hochgetunt: Andy Stott liefert auf Faith In Strangers die Kompaktversion seines Dubstep-Sounds. Und klang nie besser.

Bass, Entschleunigung, Schönheit und Pop-Appeal sind die Grundelemente von Andy Stotts Sound, ihre unnachahmliche Kombination ist sein Alleinstellungsmerkmal. Stotts Dubstep-Entwurf bratzt nicht, seine Grime-Tunes rotzen höchstens in vergoldete Spucknäpfe, und seine Version von Dub Techno, die er über seine letzten drei Alben hinweg verfeinerte, geht selbst denjenigen ans Herz, für die Stücke von Basic Channel als probates Narkotikum gelten. Bis zur Veröffentlichung seines letzten Albums Luxury Problems hat Andy Stott in seinem Brotjob den beschädigten Lack von teuren Wagen instandgesetzt. Seine Musik hat etwas von Automobilkultur: Die Kickdrum klingt wie ein tiefergelegter VW Golf, den seine aufgedrehten Insassen per Subbass über einen Geschwindigkeitshügel wuchten wollen. Seine Tracks bewegen sich so langsam fort wie eine Limousine auf der ersten Testfahrt durch ein Wohngebiet von Stotts Heimatstadt Manchester. Sie sind so kurvenreich und ihre Erfahrung ist so emotional, wie es uns der Werbesprech von überteuerten Luxuskarossen weismachen will.

Luxury Problems trieb noch dem dehydriertesten Raver ein Tränchen ins Knopfloch. Zwei Jahre liegt das nun zurück, zwischenzeitlich ist der 34-Jährige tief in die Vergangenheit eingetaucht. Gemeinsam mit Miles Whittaker von Demdike Stare hat er als Millie & Andrea auf deren Debüt-LP Drop The Vowels das Klangspektrum des Hardcore Continuums durchexerziert und ebenfalls mit Whittaker sowie Gary Howell unter dem Projektnamen Hate ein 80-minütiges Jungle-Mixtape veröffentlicht.

Stotts neues Album Faith In Strangers klingt anders als seine bisherigen Veröffentlichungen, es folgt seiner eigenen Zeitlogik, so behauptet es dem Titel nach zumindest der Opener »Time Away«, ein getragener Ambient-Track, der sich auf die sparsamen Einsätze des Euphoniums – ein der Tuba verwandtes Blasinstrument – von Kim Holly Thorpe stützt und auf das Kommende einstimmt: Faith In Strangers ist die Kompaktversion des Stott-Sounds. Abgespeckt statt hochgetunt. Von der Vorab-Single »Violence« über das harsche »No Surrender« bis hin zum einlullend-hypnagogischen Titeltrack wird Stott wieder und wieder laut, nie aber aufdringlich, sondern auf verquere Art eingängig. Die raumfüllenden Techno-Beats sind klaustrophobischen Trap-Hommagen oder dezenten UK-Bass-Rhythmen gewichen. Die Stimme Alison Skidmores, Stotts ehemaliger Klavierlehrerin, ist jedoch geblieben und schwebt wie eine schwammige Erinnerung an die goldenen Zeiten des Synth-Pop über bedrohlichen Subbässen.

Dem mithilfe von found sounds, Feldaufnahmen, Vokalmanipulation, analoger Hardware und akustischen Instrumenten erschaffenen brutalen Minimalismus wohnt, obwohl er so unerwartet daherkommt, nicht allein dank Skidmore etwas Vertrautes inne. Nie zuvor klang Stott unheimlicher, selten war seine Musik besser. Faith In Strangers ist düster, urban, knochentrocken und schmerzlich reduziert. Stott bringt mit Bass, Entschleunigung, Schönheit und Pop-Appeal die üblichen Zutaten seiner eigenartigen Soundmagie in Bewegung. Allein ihre Konstellation fällt dieses Mal einzigartig aus.

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