Andrew Pekler „Tristes Tropiques“ / Review

Andrew Pekler bevorzugt in seinen acht pseudo-ethnologischen Skizzen ein dezent pulsierendes Fließen.

Schon ein bisschen her, dass die französische Philosophie in der elektronischen Musik lautstark gewürdigt wurde. In den Neunzigern war es der poststrukturalistische Buch-Monolith Mille Plateaux, der einem der einflussreichsten Labels seiner Zeit den Namen gab. Gut zwanzig Jahre später hat sich der in den USA aufgewachsene russischstämmige Wahlberliner Andrew Pekler einen Klassiker des Strukturalismus vorgenommen, Tristes Tropiques, die traurigen Tropen des Ethnologen Claude Lévi-Strauss, die Pekler nicht nur als Albumtitel dienen, sondern auch für seine veränderte Wahrnehmung von Musik stehen.

Pekler, der nach eigenem Bekunden schon lange Zeit unter dem Einfluss der Exotica der Fünfziger und Sechziger steht, nimmt die kritischen Reflexionen Lévi-Strauss‘ über dessen eigene anthropologische Arbeit zum Anlass, um sich dem verwickelten Verhältnis von Eigenem und Fremdem in seiner Musik zu stellen. „Synthetic exotica“ nennt er selbst seinen Ansatz auf Tristes Tropiques, auf dem er seine „exotischen“ Klänge mit simulierten field recordings mischt.

Das vermeintlich Fremde und das mutmaßlich Eigene gehen sehr enge Allianzen ein.

Das vermeintlich Fremde und das mutmaßlich Eigene gehen dabei sehr enge Allianzen ein, lassen die Simulation als Dokument einer nicht weiter spezifizierten akustischen Wirklichkeit erscheinen, deren Fremdartigkeit durch eine Vielzahl vertrauter Momente abgefedert wird – Anklänge an Minimalismus oder Drone etwa. Oder eben eine Verbindung mit etwas „Konkretem“ eingeht, die aber freischwebend bleibt, weniger zur eindeutigen Identifikation einlädt, als dass sie den oszillierenden Charakter der Musik hervorhebt.

Das Beste daran: All das liest sich weit theoretischer und abstrakter, als die Musik selbst ist. Pekler bevorzugt in seinen acht pseudo-ethnologischen Skizzen ein dezent pulsierendes Fließen, in das sich gerade so viele Irritationen mischen wie nötig, um die Musik für sich stehen lassen zu können und dem Ohr genügend Anreize zu bieten, die über angenehm-beliebiges Hintergrundrauschen hinausgehen. Auch hier bleibt die Musik ambivalent: Sie hat keinen Vordergrund, scheint kaum Anfang oder Ende zu haben, ist andererseits aber deutlich mehr als Easy Listening. Melancholic listening, das trifft es ganz gut.

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