Analog ist besser – Berlinpremiere der Modularsynthesizer-Doku I Dream Of Wires

I Dream Of Wires dokumentiert die Geschichte der Modularsynthesizer von ihren Anfängen in den Sechzigerjahren  bis zu ihrer Renaissance in der zeitgenössischen Elektronik-Szene.

Mit der Geburt des Modularsynthesizers beginnt eine neue Epoche der Musikgeschichte. Gleichzeitig ist sie Ursprung eines Schismas, das weniger zwischen klassischer und elektronischer Musik besteht als vielmehr innerhalb der elektronischen Musik selbst klafft.

Zeitgleich bastelten Robert Moog und Don Buchla in den frühen Sechzigern die ersten, technisch sehr ähnlichen Modelle von Modularsynthesizern. Dahinter aber verbargen sich zwei diametral entgegengesetzte Philosophien: Robert Moog, der sich bereits in den Fünfzigerjahren durch Theremin-Bausätze einen Namen gemacht hatte, entwickelte an der US-Ostküste für das Columbia-Princeton Electronic Music Center den ersten Modularsynthesizer. Mit Geschäftssinn kombinierte er diesen bald mit einer Keyboardtastatur, wodurch der Synthesizer schnell von professionellen Musikern eingesetzt werden konnte, allerdings auf meist konventionelle Weise.

Don Buchla dagegen war ein junger Physiker im Bann des psychedelischen San Francisco der Sechzigerjahre. Dem Geist der Zeit verpflichtet, entwickelte er an der US-Ostküstee mit seiner Version des Modularsynthesizer ein Gerät, das dezidiert ohne Keyboard auskommen sollte, dessen Prototpy dafür ein eigenes LSD-Panel besaß. Die Intention war weniger, neuartige Klänge in einen fertigen Musikkosmos zu implementieren, sondern vielmehr völlig neue Formen des Musikmachens zu ermöglichen, unabhängig von klassischer Komposition oder Harmonielehre.

Regisseur Robert Fantinatto porträtiert und diskutiert in I Dream Of Wires auf eindrucksvolle Weise diese beiden Entwicklungsstränge eines Instruments, das – zumindest  potentiell – immer mehr als nur ein Instrument war. Er befragt hierzu Pioniere der Synthesizermusik wie Morton Subotnik, der mit Silver Apples Of the Moon 1967 einen entscheidenden Meilenstein elektronischer Musik gesetzt hat und zeichnet daneben sowohl den Hype um die sperrigen Modularsysteme in den frühen Siebzigern sowie deren, durch das Aufkommen digitaler Geräte bedingten, Untergang nach, um zuletzt auch die Renaissance der Synthesizer als Vintage- und Neuprodukte ab den späten Neunzigerjahren zu thematisieren.

Zu Wort kommen hierbei neben den Zeitzeugen aus den Sechzigerjahren auch zeitgenössiche Entwickler von Synthesizersystemen wie Doepfer oder Modcan sowie analogaffine Künstler wie James Holden, Clark oder Trent Reznor von Nine Inch Nails. I Dream Of Wires ist eine hemmungslose Fetischisierung des Kabels und ein Plädoyer für diejenigen künstlerischen Möglichkeiten, die gerade in der Unberechenbarkeit analoger, elektronischer Musik liegen. Fantinatto greift damit wieder die alte Frage auf, welche Rolle denn elektronische Musik eigentlich zu übernehmen hat: Schafft sie genuin Neues oder eröffnet sie nur klangliche Alternativen?

I Dream Of Wires wird am Dienstag, den 28. Juli seine Berlin-Premiere feiern. Elektroavantgardist Morton Subotnik wird dabei selbst als Gesprächsgast zugegen sein und darüber hinaus am Synthesizer aufspielen. Die Premiere findet im Babylon Kino um 20 Uhr statt.

I Dream Of Wires
28.07. Berlin – Babylon

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