An der Werkbank

In der Spex-Reihe »Gelungene Verpackung« erzählen wir die Geschichte eines Plattencovers, das sich aus der Flut der Veröffentlichungen abhebt. Das Protokoll führte Walter Wacht.

Thomas Hicks Gravenhurst
Gravenhurst – Nightwatchman’s Blues (Warp Records / Indigo)

(Foto: Creative Review)

Thomas Hicks, englischer Grafiker und Illustrator, gestaltete für Nick Talbots Band Gravenhurst das Artwork zu dem 2005 erschienenen Album »Fires In Distant Buildings« und produzierte für das letztjährig erschienene »The Western Lands« mehrere opake Musikvideos. Anlässslich der Single-Veröffentlichung des Kriegsliedes »Nightwatchman’s Blues« von Gravenhurst entwarf Hicks für jede der 1300 handnummerierten 7-Inch-Vinyls ein einzigartiges Coverdesign sowie ein aus den Einzelbildern animiertes Musikvideo. Thomas Hicks lebt als freischaffender Grafiker in London und arbeitet derzeit an einem Anfang 2009 erscheinenden Kurzfilm.

    Thomas Hicks: »An der Kingston Universität habe ich Illustration und Animation studiert, nach meinem Abschluss jobbte ich eine Weile für die Visual Effects-Firma Framework in London. Vor einigen Jahren richtete das Creative Review Magazine einen Wettbewerb aus, die beste Einreichung erhielt einen Auftrag von Warp Films. Die Aufgabenstellung war es, ein Musikvideo zu dem Gravenhurst-Song ›I Turn My Face To The Forest Floor‹ zu produzieren – es war meine erste Videoarbeit und schlussendlich auch der siegende Beitrag des Wettbewerbs. Die Musik von Gravenhurst habe ich überhaupt erst dadurch entdeckt. Nick Talbot erschafft eine solch beschwörende Musik , was es mir erleichtert, seine Arbeit visuell zu interpretieren.

    In der Folge erhielt ich den Auftrag für das ›The Velvet Cell‹-Video, außerdem habe ich das Artwork für das 2005 erschienene Gravenhurst-Album ›Fires In Distant Buildings‹ gestaltet. Das Motiv des Covers sollte sich um eine düstere Stadt drehen. Ich präsentierte also Nick Talbot und Warp Records ein großflächiges Gemälde das ich angefertigt hatte, es bestand aus einer weitflächigen urbanen Landschaft, die sich wiederum aus DNA zusammensetzte. Wir deckten den Teil des Gemäldes, der uns am geeignetsten erschien, mit einem Stück Papier ab, so definierten wie das spätere Artwork. Zuletzt habe ich für Nick Talbot die Art Direction seiner neuen Single ›Nightwatchman’s Blues‹ übernommen. Dabei handelt es sich um eine Reihe von handgedruckten und handgefalteten Holzschnitten.

Auf die 62 vorbereiteten Holzstempel…

… wurde zunächst Druckerschwärze aufgetragen.

Thomas Hicks Gravenhurst

Im nächsten Schritt wurde jedes der 1300 Cover bzw. Frames des Videos…

Thomas Hicks Gravenhurst

… von Hand auf Papier gedruckt.

(Foto: © Thomas Hicks / Warp Records)

    Mein Ausgangspunkt für alle Arbeiten ist stets die betreffende Musik. Die Visualisierung der Musik ist mir sehr wichtig, sei es eine Liebesgeschichte, eine tragische Beobachtung oder die Darstellung eines ganz konkreten Bildes. Zu Beginn der Arbeiten an ›Nightwatchman’s Blues‹ erklärte mir Nick, dass er mit dem Song seinen inneren Konflikt zu fassen versucht, mit der Ohnmacht umzugehen, stets mit Krieg konfrontiert zu sein. In unserer Erfahrungswelt, die von der Ablehnung des Krieges geprägt ist, existiert kein Gespür für den Krieg. Der Krieg ist eine Erfahrung, für die wir nicht einstehen wollen würden.

    An Nicks Musik bewundere ich vor allem ihre Menschlichkeit. Seine Stimme und seine Musik erschaffen eine sehr bewegende Emotionalität. Ebenso versuche ich an das jeweilige Thema heranzugehen. Meine Technik ist dabei klassische Handwerkskunst: Ich mag den Umgang mit verschiedenen Materialien, mit Papier und Tinte. Beide Handwerke entspringen demselben Geist: Letztendlich ist es egal ob man von einem Bild, einem Video oder einer Verpackung spricht. Hauptsache man bewegt sich in demselben Universum wie die Musik. Es ist wichtig als Betrachter glauben zu können, dass beide Elemente zueinander gehören. Das Visuelle muss demselben Ort entsprungen sein, wie die Musik die davon erzählt.

    Im nächsten Schritt arbeitete ich 62 Holzblöcke zu Stempeln um, jeder davon drückte mit einem unterschiedlichen Motiv ein Synonym für Krieg aus: ein Grab, ein Soldat, ein brennendes Haus, Bomben, Panzer und Züge sowie andere mit dem Krieg konnotierte Bilder. Die Auflage der ›Nightwatchman’s…‹-Single liegt bei 1300 per Hand durchnummerierten 7-Inch-Exemplaren, für jedes wurde anhand der Kombination der 62 Stempel mittels Hochdruckverfahren ein eigenes Motiv gedruckt. Jedes Cover stellt wiederum einen Frame des animierten Musikvideos dar, die Gesamtauflage ergibt aneinandergereiht also das Video zur Single.

    Ich habe mich gegen die Arbeit am Computer entschieden, weil jeder einzelne Druck unterschiedlich ist. Es ist ein sehr langsamer, archaischer Prozess, denn jeder Druck entsteht in Handarbeit und mag auf den ersten Blick dem anderen gleichen. Genauer betrachtet gibt es aber stets Ungenauigkeiten was die Farbtiefe, den Kontrast angeht.

    Der Gedanke, dass man meine Arbeit für die ›Nightwatchman’s…‹-Single nicht kopieren kann, gefällt mir sehr. Ohne die hölzernen Stempel kann man die Bilder nicht reproduzieren, und wenn doch, dann wäre immer noch ein deutlicher Unterschied sichtbar. Ich schätze daher auch das Vinyl-Format besonders: die Haptik, das großangelegte Artwork – es ist ein sehr graziles Medium, gleichzeitig aber sehr stabil. Für die Vinyl-Single von Gravenhurst haben wir lange Gespräche mit dem Label bezüglich der Qualität und der Sorte von Papier und Tinte geführt, wir waren sehr wählerisch. Auch wenn man das Cover äußerst akkurat einscannt, so kann man doch nur einen Bruchteil des Ganzen digitalisieren: Prinzipiell müsste man auf alle 1300 Frames zugreifen können.

    Das ist natürlich auch eine Überraschung für den Fan: der weiß im Voraus nicht, welches Motiv er beim Kauf erhalten wird, welche Szene abgebildet wird, welche Geschichte erzählt wird. Jedes Cover erzählt schlussendlich seine ganz eigene Geschichte.«

Aus den 1300 einzelnen schwarz-weißen Stills animierte Thomas Hicks ein rund viereinhalb-minütiges Musikvideo.

VIDEO: Gravenhurst – Nightwatchman’s Blues


Die auf 1300 Exemplare limitierte Single »Nightwatchman’s Blues / Farewell Farewell« von Gravenhurst ist bereits erschienen (Warp Records / RTD), derzeit ist Nick Talbot mit Gravenhurst in Deutschland zu sehen.

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