Amy Winehouse

Amy Winehouse, 23, Soulsängerin, lebt in London. Lange, hochtoupierte schwarze Haare, ungefähr 1,65 Meter groß, Tochter jüdischrussischer Eltern, einer Sekretärin und eines Taxifahrers. Mittelprächtiges Debüt, außerordentliches Zweitwerk, das es auch dank Bloghype und Alkoholismusverdacht drei Monate nach Erscheinen auf den Platz an der Sonne der englischen Charts schaffte. Ein Fall von guter und von schlechter Inszenierung, und von sehr viel Drum & Dran, Drauf & Drin und Drumherum.

So drauf: die Platte

Zuerst war da eine Anfrage, dann lag dieser edle Umschlag im Briefkasten. Die Firma Universal Music hat sehr schicke Umschläge. Drin war eine richtige CD, mit Booklet und Juwelcase, nicht selbstgebrannt und mit Folie umhüllt: Amy Winehouse »Back To Black«. An die Musik hatte ich keine hohen Erwartungen, Mittelstands-Trash, dachte ich. Eine hochglänzende Soul/Jazz-Produktion mit vielleicht zwei Hits, definitiv etwas für Pumps-TrägerInnen, im Grunde langweiliger Durchschnitt. Tatsächlich ist »Back To Black« aber eine gefährliche Platte, hier wird nämlich der R&B nach Hause geschickt. Nach Detroit, in die Motown-Sechziger, und wieder zurück ins Jetzt: Ein schön großer, an Phil Spector geschulter Bombast-Sound, mit viel Offbeat, zackigen Bläsern, Streichern und tollen Chören.
    Und geglänzt wird mit Deepness, mit Seelentiefe, mit emotionaler Beharrlichkeit. Und einer unglaublich schwarzen Stimme. Noch dazu einer äußerst lockeren Schnauze. Wo eben auch mal »fuck« gesungen werden darf. Und nicht nur über Liebe, Verrat, Betrug und das ganze Drama. Sondern auch über Alkohol.

    Das betreffende Stück kommt als erstes, es heißt »Rehab« und ist die vertonte Absage an eine Entziehungskur. Es ist das Stück, das den Furor um die junge Dame erst ausgelöst hat. Durch die mittlerweile üblichen Kanäle (Myspace und so) wurde es endlich ins Radio und in die Charts gedrückt. Amy Winehouse, das Phänomen: Riesenstimme vor clever gesetzter, guter Musik, auf die sich alle einigen können. Dazu ein gut inszeniertes Alkoholproblem mit fragwürdigen Fernsehauftritten. Schon ist die neue Holiday, Fitzgerald, Simone oder Ross geboren. Letztere lebt noch.

Drauf & dran & drumherum: das Konzert

    Tags drauf rief eine Frau mit einer lieblichen Stimme an und gab die Daten durch. Vor dem Konzert gebe es einen kleinen Empfang, wo man sich kennen lernen könne, sagte sie. Das Interview finde einen Tag später statt, als Termin wurde 18.50 Uhr genannt, eine merkwürdige Zeit. Es könne sein, dass sich der Termin noch Verschiebe. Der von ihr »Venue« genannte Veranstaltungsort des Konzerts war die Berliner Kalkscheune. Der Empfang für Presse und VIPs im Keller war gut besucht. Am Eingang hing ein überdimensioniertes Betty-Ford-Poster, drinnen gab es zu Büffet und Getränken auch Amy Winehouse’ Lieblingscocktail »Rickstasy«: Wodka, Southern Comfort, Bananensaft und Baileys. Kennen lernen konnte man sich nicht.

    Das Konzert war zunächst erstaunlich enttäuschend. Die erste Hälfte bestand aus den lahmen Jazznummern ihrer ersten Platte. Amy bewegte sich kaum vom Fleck, machte lediglich ein paar Rudergesten, streckte die Brüste raus oder brabbelte zwischen den Stücken Unverständliches in Richtung ihrer Kapelle.
Besonders derangiert wirkte sie nicht, die Stimme war voll da. Erst zur zweiten Hälfte kamen die Hits der neuen Platte, prompt stiegen Qualität und Stimmung. Zum Schluss ließ Amy mit dem Zutons-Stück »Valerie« durchblicken, dass sie durchaus weiß, was heutzutage sonst so läuft.

Drin, dann wieder draußen: das Interview

    Am nächsten Mittag meldete sich die Frau mit der lieblichen Stimme, die jetzt ziemlich gebrochen klang. Es war eine lange Nacht gestern, Amy hat sich ins hotte Berliner Nachtleben gestürzt. Wohin? Ins White Trash. Später werde sich ein anderer Mitarbeiter melden, wegen der Interviewzeit, die Morgentermine seien alle abgesagt. Anruf des Mitarbeiters: Ich solle mich ab sechs bereithalten. Abgeholt werde ich von einer dritten Mitarbeiterin. Im Foyer musste ich dann warten, der Ort schien aber gut gewählt: das Forum-Hotel, jetzt Park Inn, bekannt aus dem neuen deutschen Film, auch von dem, der von der Dichterin mit dem Alkoholproblem handelt. Im fünften Stock übergab mich Mitarbeiterin Nr. 4 einer leicht strapazierten Miss Winehouse. Das folgende Interview bestand aus Ein-Satz-, manchmal sogar Ein-Wort-Antworten. Was die Presse schreibt, sei ihr egal, ihre Stücke schreibe sie am liebsten allein. Phil Spector bewundere sie, hätte aber Angst, mit ihm zu arbeiten. »Back To Black« sei tatsächlich etwas kurz geraten (32:17 Min), aber genau so, wie sie es wollte. Die Zusammenarbeit mit Mark Ronson (Lily Allen!) war toll. Die nächste Platte werde ähnlich klingen. Im White Trash war’s ok. Es ging nicht lang. Einen Tipp in Liebesdingen habe sie nicht. Dabei guckte sie vor sich hin oder schlurfte in ihrem Trainingsanzug durchs Hotelzimmer. Am Ende führte sie ein kleines Drama auf. Ihr Boyfriend weigere sich, mit ihr zu sprechen, sagte sie mit Blick aufs Handy. Sie wollten sich in Paris treffen in drei Tagen, wo er mit seiner Band einen Gig hätte. Ihr Erfolg könnte ihm helfen, mit seiner Musik bekannter zu werden. Ende des Interviews.

    Wieder draußen dachte ich: Eine derartig maulfaule Interviewpartnerin hatte ich auch noch nicht. Das Liebesdrama mit ihrem Boy war schlechte Seifenoper, ihre Aura besteht im Wesentlichen aus naiver Jugendlichkeit mit Turmfrisur. Und dem maßlosen Einsatz von Wimperntusche und Lidstrich. Und das mit dem Alkohol – nu ja, in jungen Jahren verträgt man eben nicht soviel. Eine Tatsache, die ihre Plattenfirma gut auszuschlachten versteht. Überhaupt weiß ich nicht, was die mir vom Leben vorsingen soll.

Komisch, dass die Platte trotzdem funktioniert. Eine verdammt große halbe Stunde Musik, die vielleicht schlauer ist als ihre Interpretin.

LABEL: Island

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 17.04.2007

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