Amnesia Scanner „Another Life“ / Review

Wo iTunes kapituliert regiert nicht das Nichts, sondern ausgetüftelter Drone-Pop aus der Zukunft. Wer also jetzt schon hören will, was wie später klingt, ist mit Another Life von Amnesia Scanner gut bedient.

„Unknown Genre”, kapituliert iTunes neben Künstlername und Albumtitel. Dass das Apple-Programm Probleme mit dem Debüt von Amnesia Scanner hat, ist natürlich keine Überraschung. Another Life beginnt mit einem undefinierbaren Klang, der sich zunächst nach einer maximal verzerrten Gitarre anhört, aber auch eine Art prozessierter menschlicher Urschrei sein könnte. Was folgt, ist je nach Lesart ein gelungener Entwurf futuristischen Schaltkreis-Pops oder eine Klanginstallation aus Störgeräuschen. Frei nach Philip K. Dicks Sci-Fi-Klassiker Träumen Roboter von elektrischen Schafen? könnte man fragen: Gibt es da draußen vielleicht eine Spezies, die solche Weltraumstatik-Hörspiele zum Einschlafen hört?

Hinter Amnesia Scanner stecken die Finnen Ville Haimala und Martti Kalliala, die zuvor unter dem Moniker Renaissance Man gefälligen Techno veröffentlichten. Das ist nicht ohne Ironie, betreiben die beiden doch mit ihrem neuen Projekt so etwas wie die totale Dekonstruktion von Clubmusik. Die Waffe der Wahl? Beißende Klänge, die trotzdem nie wirklich klar gebündelt sind, sondern vielmehr zersplittert, wie digitaler Abfall.

Was sich sperrig und kaum hörbar liest, klingt in der Praxis jedoch meistens wie ausgetüftelter Drone-Pop aus der Zukunft. Das könnte daran liegen, dass Amnesia Scanner sich strikt an die Drei-Minuten-Regel halten, was trotz oder gerade wegen der Intensität ihrer Kompositionen erstaunlich gut funktioniert. Tracks wie das von der chinesischen Performancekünstlerin Pan Daijing gesungene „Unlinear” oder das verspulte „A.W.O.L” bauen auf klassische Popstrukturen, was die komplexen Klangkonstrukte deutlich im Pop verankert. Aber vielleicht kann man die Herangehensweise des Duos letztlich am besten im Licht ihrer day jobs als Architekten betrachten: Amnesia Scanner verstehen es, auch mit dem Baustoff Ton progressive Gebäude zu realisieren.

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