American Psychos

Mit »The Dark Knight« deklassiert Batman auch in den deutschen Kinos seine Vorläufer. Gedopt ist er auf jeden Fall, aber womit? Ralf Krämer betrachtet die moralische Balance des Films und seiner zentralen Aussage: der Mensch kann nicht töten.

The Dark Knight
Düsterer und slicker als je zuvor sieht man Batman in »The Dark Knight« über Gotham City wachen.

(Still: © Warner Bros. Pictures)

Zu den etlichen Erfolgsmeldungen, die der neue Batman-Film »The Dark Knight« seit seinem Start in den US-Kinos generierte, kommt nun auch diese: Er zählte nach Verleihangaben an seinem ersten Wochenende in den deutschen Kinos 868.763 Besucher. Wir erinnern uns: hierzulande kam der erste »Batman« von Tim Burton, mit Jack Nicholson in der Rolle des Jokers und dem Soundtrack von Prince, auf insgesamt 1,7 Millionen Zuschauer. Danach ging’s bergab, in jeder Beziehung – bis zum Relaunch 2005, als das zuletzt auf Familiy-Entertainment gebürstete Fledermauskonzept wieder Richtung Erwachsenenunterhaltung gebogen wurde. »Batman Begins« zog zwischen Flensburg und Bodensee trotzdem nur gut 800.000 Zuschauer, ein Ergebnis, das seine Fortsetzung nun innerhalb weniger Tage deutlich übertraf. Nicht schlecht für einen ziemlich monochromen, düsteren Film ohne massenkompatiblen Weltstar, in dem sich ein exzentrischer Milliardär hin- und hergerissen zwischen Liebeskummer und Helfersyndrom mit einem psychopathischen Massenmörder anlegt, um die politische Karriere eines ehrgeizigen Staatsanwaltes zu fördern.

    Über die Schauwerte des Films ist im Zuge der quasi selbsterfüllenden Presse- und PR-Kampagnen der letzten sechs Wochen so ziemlich alles gesagt worden, auch über die erstaunlichen Karrieren des Regisseurs Christopher Nolan und des Batman-Darstellers Christian Bale. Als erfolgsstimulierendste Substanz wurde der letzte Auftritt Heath Ledgers ausgemacht, dessen Joker tatsächlich eine besondere Figur geworden ist: mit gefühlten dreißig Ticks pro Minute treibt er jede Menge Psychoklischees auf die Spitze und bekam dafür keinerlei psychologische Rechtfertigung von den Autoren zugeschrieben. So frei und selbstverständlich man selbst sein durften wenige Filmfiguren bisher, der frühe Tatort-Kommissar Schimanski beispielsweise. Aber reicht diese nicht nur morbide Faszination an der finalen Glanzleistung eines traurig geendeten Schauspielers, um den Erfolg des Ganzen zu erklären? Sicher nicht.

Batman – The Dark Knight (im Kino)

    Schauspielerisch und auch technisch herausragende Filme gibt es immer wieder, aber sie ziehen nicht automatisch Massen in die Kinos – zumal »The Dark Knight« in der Mitte seiner zweiten Hälfte dramaturgisch ganz schön lahmt. Da wird die Ianuskopf-Thematik, die gute und böse Seite derselben Medaille, im selben Menschen und letztlich in der hybriden Zwillingskonstellation Batman/Joker, einmal zu oft durchdekliniert. Und einen undankbareren Job, als den Aaron Eckharts kann man sich kaum vorstellen. Er spielt die schwer erträgliche Präsidentenkandidatenblaupause Harvey Dent, die sich nach einem Brandanschlag in Batmans Gegenspieler Two-Face verwandelt und trotz beeindruckender Körperweltenmaske als Bösewicht vom Schatten des übermächtigen Jokers verschluckt wird. (Übrigens wurde Harvey Dent 1989 von dem schwarzen Schauspieler Billy Dee Williams gespielt, eine Besetzung, die in Zeiten Obamas die Metapher wohl zu nahe an die Realität gerückt hätte.)

    Auch die nahe liegende Folgerung, im betont planlosen Terror des Jokers (»Ihm ist Geld gleichgültig, er will die Welt einfach nur brennen sehen« sagt Batmans Gehilfe Alfred) eine Metapher für die Bedrohung der USA nach dem 11. September zu sehen, greift zu kurz, nicht nur, weil die Joker-Figur analog zu Batman eine Erfindung aus den späten dreißiger Jahren ist.

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The Dark Knight
Heath Ledger in der Rolle des »Jokers«. Kurz nach Abschluss der Dreharbeiten starb Ledger an den Folgen einer medikamentösen Wechselwirkung. Sein Auftritt in »The Dark Knight« gilt als seine stärkste schauspielerische Leistung.

(Still: © Warner Bros. Pictures)

Das Entscheidende in »The Dark Knight« ist die moralische Balance seiner gesellschaftlichen Konstruktion. Sein Menschenbild ist keinesfalls so pessimistisch, wie gern behauptet wird. In der ersten zentralen Versuchsanordnung des Jokers scheitert Batman zwar an der Frage, ob er die Dame seines Herzens oder den Mann, der sich als moralischer Retter ganz Gothams empfiehlt, vor dem Flammentod retten soll. Dann aber steht sich eine Fähre voller Schwerverbrecher und eine Fähre voller Normalbürger auf dem Fluss gegenüber. Die Spielregel lautet: Wer als erster das Boot der anderen in die Luft sprengt, überlebt. Das Ergebnis dieses Experiments ist die zentrale Botschaft, man möchte sagen Utopie des Films: der Mensch kann nicht töten, er ist seiner Natur nach gut. Über allem hängt der Joker kopfüber an Batmans Angel und schmollt, während Batman sich in seinem Menschenbild bestätigt sieht und gleichzeitig mit der eigenen Entscheidung, Joker nicht zu töten, ein Weltbild bestätigt, nach dem das Gute nur durch das Böse existieren kann.

Batman – The Dark Knight (im Kino)

    »Ich lege Wert darauf, mich in Form zu halten mittels einer ausgewogenen Diät und eines strengen Trainingsprogramms… Es gibt eine Vorstellung von mir, die abstrakt ist. Aber es gibt kein wahres Ich. Nur eine Entität, etwas Illusorisches. Und auch wenn ich meinen kalten Blick verstecke und sie meine Hand schütteln können und dabei Fleisch fühlen, das nach ihrem greift – I simply am not there.« Das mag nach einem Zitat aus Todd Haynes »I’m Not There« klingen, in dem sowohl Christian »Batman« Bale als auch Heath »Joker« Ledger das hybride Wesen Bob Dylan verkörperten. Diese Sätze würden auch als Charakterisierungen von Batman alias Bruce Wayne und des Jokers in »The Dark Knight« durchgehen. Sie sind aber die Selbstbeschreibung einer anderen Figur, die ebenfalls Christian Bale vor 2001 verkörperte. Dieser ziellos massenmordene Wallstreet-Yuppie Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis’ »American Psycho« ist ein legitimer Vorfahre von Heath Ledgers Joker, geboren aus der schillernden, hyperkapitalistischen Wall-Street-Welt, aus der wiederum auch Bruce Wayne stammt.

    So unübersichtlich die Motivation der Handelnden in »The Dark Knight« zwischen dem persönlichen Vorteil und dem Allgemeinwohl mäandert, so chaotisch die Welt in Gotham City scheint, so schlüssig ist ihr moralisches Gefüge, wenn man es mit etwas Abstand betrachtet. »Man sollte das besser nicht zu ernst nehmen«, wiegelt die taz ab. Tut man es doch, erkennt man, wie sich der Hass, den die USA mit ihrer Kriegspolitik auf sich zieht, und der offenbar in einem nicht unerheblichen Bevölkerungsanteil auch zum Selbsthass geronnen ist, mit einer Einsicht in die realpolitischen Verhältnisse versöhnt. Hier kann man als Volk, um es mit dem Vokabular des gläubigen George W. zu sagen, neutestamentarisch feindesliebend sein (und die andere Fähre nicht in die Luft jagen), weil man die alttestamentarische Rechtschöpfung (Auge um Auge, Terror um Terror) von sich abgekoppelt und an schizophrene Herrenmenschen delegiert hat. Würde dieses Identifikationsmodell nicht dankbar angenommen, hätte »The Dark Knight« sicher nicht seinen gegenwärtigen Erfolg. Besorgnis erregend und faszinierend zugleich markiert er nun den Punkt, wo eine Geschichte selbst zur in die Luft geworfenen Medaille wird. Die Entscheidung, ob »The Dark Knight« auf der Seite der Parabel oder der Propaganda landet, bleibt jedes Mal neu der Schwerkraft überlassen.

»The Dark Knight« ist derzeit in allen Kinos zu sehen.
Regie: Christopher Nolan, mit Heath Ledger, Aaron Eckhardt, Christian Bale uva., USA 2008, 152 Min.

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