Amazon Unlimited

Das Amazon-Hauptquartier ist ein schnieker Glaskasten an der Domagkstraße im Münchner Norden. Hier bin ich verabredet mit Rene Fasco, Amazon-Musikchef für Deutschland. Man bat darum, dass ein Autor persönlich vorbei kommt, also gut, ab aufs Fahrrad. Klar habe ich mich bei der Abkürzung durch den englischen Garten bei abendlicher Dunkelheit erst mal sauber verfahren. Meine Hosenbeine sind voller Schlammspritzer. In der sterilen Business-Atmosphäre des Glaskastens fühle ich mich gleich noch mehr fehl am Platz.

Rene Fasco kommt genau so rüber, wie man sich einen Amazon-Musikchef vorstellt. Man kann sein Alter nicht schätzen, aber er wirkt so top-professionell wie einer dieser Jung-Bundesliga-Trainer, die heute statt Friedhelm Funkel an der Seitenlinie sitzen.

Wir sitzen um einen Couchtisch. Darauf steht eine zylinderförmige Bluetooth-Box mit einem Kranz aus Dioden, deren Lichter im Kreis rotieren. Fasco möchte meine Lieblingsband wissen. Normal antworte ich auf diese Frage mit einer mehrminütigen Abhandlung, dass man sich ja wohl unmöglich auf nur eine festlegen kann. Heute nicht. Ich höre mich sagen: „The Smiths“.

„Alexa – spiele The Smiths!“, befiehlt Fasco nun. Woraufhin eine Sekretärin aufspringt, nach längerem Suchen eine CD aus einem wandbreiten Regal zieht, auspackt und in einen Player einlegt. Nee, natürlich passiert genau das NICHT. Stattdessen flötet aus der Box eine synthetische Frauenstimme. „Songs von The Smiths werden abgespielt.“ Und Morrissey legt los: „Oh mother, I can feel the soil falling over my head …“

„Alexa – wie heißt das Lied?“, fragt der Amazon-Musikchef nun. Der Bordcomputer blinkt und antwortet. „Dies ist ‚I Know It’s Over (2011 remastered Version)‘ aus dem Album ‚The Queen Is Dead‘ von The Smiths.“

rene-fasco
Amazon-Musikchef für Deutschland: Rene Fasco

„Das ist der Amazon Echo“ freut sich Fasco. „Gibt’s seit etwa zwei Jahren in den USA. Ein sprachgesteuerter Lautsprecher am Ende des Tages. Musik ist natürlich einer der wichtigsten Inhalte, der Echo kann aber noch viele andere Sachen: Alexa – was ist in den Nachrichten? Alexa – wie ist das Wetter in München?“ „In München ist das Wetter drei Grad bei Regenschauern und teilweiser Bewölkung…“

Kurz und gut also: Mit Amazon Music Unlimited startet Amazon einen zweiten Streaming-Service neben Prime Music in Deutschland. Der Unterschied: Hatte Prime einen Katalog von zwei Millionen Songs, umfasst der von Unlimited über 40 Millionen. Was diesen Service im Vergleich zu all den anderen Angeboten auf dem Markt nun auszeichnet, so Fasco, sind erstens die Sprachsteuerung über Amazon Echo, zweitens die Preise (9,99 für den Monat / 7,99 für Amazon-Prime-Kunden / 79,- für’s Jahresabo / 3,99 für Besitzer eines Amazon Echo) und drittens betont Fasco die Kompetenz seiner Musikredaktion. „Alexa – spiele die Playlist ‚Lokalhelden Berlin!‘“ oder „Alexa: Spiel die Playlist ‚Taufrisch Metal‘“

amazon_echo_amazon-de_asin_b01gagvcuy_04
Amazon Echo

Ganz ehrlich? Klar sehe ich ein, dass das Ding für viele casual listeners praktisch ist. Aber als Nerd und Sammler mit Regalen voller Vinyl und CDs zu Hause sehe ich die technologische Entwicklung lange schon genauso mit lachendem wie mit weinendem Auge. Speziell, dass mir das Entdecken von neuen Bands von Algorithmen abgenommen werden soll, das … gefällt mir einfach nicht. „Wir richten uns immer danach, was unsere Kunden wollen“ beschwichtigt Fasco. „Wir verkaufen nach wie vor CDs und Vinyl und wir haben unseren Downloadstore. Unsere Aufgabe ist es, dem Kunden die Möglichkeit zu geben, dass er sich entscheiden kann.“ Außerdem: „Die Tatsache, dass wir eine Musikredaktion haben, zeigt ja, dass es ohne den Selektor, der einem sagt ‚Hör dir das mal an!‘ ja gar nicht geht. Es ist eine bewusste Entscheidung, dass wir nicht alles über Algorithmen machen, schließlich ginge das ja. Aber wir glauben nicht, dass das die Qualität hat, als wenn jemand hier im Team sitzt und eine Playlist erstellt.“

Na dann. Ob eine sprechende Box die Zukunft oder ein Gimmick ist, soll jeder für sich selbst entscheiden. Das Angebot und eine Streaming-Plattform mehr gibt’s jetzt jedenfalls. „Soll ich ein Taxi rufen?“ fragt der Kollege am Auslass. Ich bin mit dem Fahrrad da.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.