„Am Strand“ – Filmfeature zum Kinostart

In einigen Filmkritiken heißt es, die Charaktere in dieser Ian-McEwan-Verfilmung Am Strand seien viel zu steif, geradezu unbeholfen – aber genau das ist ja der Punkt. Am historischen Beispiel dröseln Buch und Film präzise auf, wie die Normen von au­ßen das beeinflussen, was zwei Menschen im Bett miteinander machen.

Die Frage klingt so intim: Wie war das erste Mal? Die Antwort aber, wenn sie ehrlich sein will, hat mehr mit der Gesellschaft zu tun, als man als Einzelner zugeben mag. Ian McEwans Roman On Chesil Beach von 2007, der von einem Paar und dessen katastro­phal verlaufender Hochzeitsnacht im fernen Jahr 1962 erzählt, rührt nicht deshalb an, weil man Mitleid mit den vor der „sexuellen Befreiung“ Aufgewachsenen verspürt. Son­dern weil McEwan am historischen Beispiel präzise aufdröselt, wie die Normen von au­ßen das beeinflussen, was zwei Menschen im Bett miteinander machen.

Saoirse Ronan als Florence Ponting

Wer an wessen Reißverschluss zieht, wer wem die Hand wo hinlegt und wie man dabei gleichzeitig die diversen körperlichen Unbequemlichkeiten wegsteckt, das alles begreifen Florence (Saoirse Ronan) und Ed­ward (Billy Howle), die beiden Helden bei McEwan, als ihr eigenes, privates Handeln. Und fühlen sich dementsprechend verant­wortlich dafür, als es schiefgeht. Darüber reden können sie nicht. Und was sie sagen, vertieft noch den Abgrund zwischen ihnen. Sie kann sich den eigenen Ekel vor dem Sex­akt nicht erklären, er kann nicht zu seinem Begehren stehen. Saoirse Ronan und Billy Howle sind beide großartig, weil sie ihren Figuren eine eigensinnige Sperrigkeit verlei­hen, die das Tragische der Situation noch deutlicher macht: Gerade weil sie modern leben wollen, erleben sie als persönliches Scheitern, was Folgen von Erziehung und Gesellschaft sind.

Die Hochzeitsnacht wird durch Rück­blenden unterbrochen, die etwas simpel illustrieren, dass Florence und Edward sehr verliebt sind – gerade wegen ihrer unter­schiedlichen Herkunft. Wobei der Film erfreulicherweise nicht auf die vertrauten britischen Klassenklischees setzt, sondern in Details wie dem freudlosen Steak neben verkochten Kartoffeln, Erbsen und Rüben Bilder dafür findet, wie viel Repression von alltäglichen Kleinigkeiten ausgeht.

Am Strand
USA 2017
Regie — Dominic Cooke
Mit Billie Howle, Saoirse Ronan, Emily Watson u. a.

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