Am Kamin mit Yo La Tengo (2/3)

»Geht Ihr tanzen?« fragte einer aus dem Publikum, als sich Yo La Tengo am 8. Juni im überfüllten Berliner Filmkunsthaus Babylon der Neugier ihrer Fans stellten. »Nicht in letzter Zeit«, wehrte Gitarrist Ira Kaplan ab und stimmte doch – ganz im Geiste ihrer improvisierten »Freewheelin'-Shows« – kurz darauf »Mr. Tough« an, ihren Song mit der pragmatischen Zeile: »Why don't you meet me on the dancefloor?«. Ein anderer wollte wissen, ob der Band bekannt sei, dass es in Berlin ein Ramones-Museum gibt. »Ein Ramones-Museum in Berlin?«, fragte Kaplan zurück. »Das ist cool. Aber warum in Berlin? Ergibt das irgendeinen Sinn?« Für Sekunden hing die Frage im Raum, bis schließlich Kaplan, Bassist James McNew und Drummerin Georgia Hubley beschlossen: »Let's do a Ramones-Song!« Schon schrubbten sie »I Can't Make It On Time« – die Band hatte sich kurzerhand in eine Jukebox verwandelt.

Eure neue Platte heißt »Popular Songs«, ist aber weder ein Best Of-, noch ein Cover-Album. Haben wir es mit einem Fall von Ironie zu tun?
    Kaplan: Ich denke nicht, dass wir besonders ironisch sind.
    Hubley: Aber wir haben Spaß daran, einen Begriff, wie »Popular« anzuwenden – auf alles, was bei uns herauskommt.
    Kaplan: Ich liebe Pop-Musik. Ich liebe alte, handgemachte Popsongs. Viele unserer Songs beziehen sich auf die frühe Pop-Tradition, auch, wenn sie vielleicht nur für uns drei so klingen. Und wenn die Songs selbst schon nicht ›catchy‹ sind, dann wenigsten der Titel. (lacht).

Hat sich Eurer Musikgeschmack irgendwann besonders verändert?
    Kaplan: Nein. Er war immer schon ziemlich breit gefächert. Wir schätzen Musik, die es schon lange gibt.
    McNew: Außer klassischer Musik …

Wirklich? Euer Soundtrack zu den historischen Unterwasserfilmen von Jean Painlevé, »The Sounds of Science«, klingt für mich wie Yo La Tengo spielen Debussy?
    (Allgemeines Gelächter)
    McNew: Nein. Das wüsste ich.
    Kaplan: Auf dem College belegte ich früher ein Seminar: »Klassische Musik im 20. Jahrhundert«. Ich habe wirklich Freude an der Musik gehabt. Aber ich habe nur drei oder vier solcher Platten. Seltsam.
    McNew: Terry Riley – zählt der auch?
    Kaplan: Oh ja. Der zählt.
    Hubley: Aber Vivaldi zählt nicht. Diese Starbucks-Musik …
    McNew: Obwohl wir auch ein Vivaldi-Stück geschrieben haben, für den Soundtrack von »Junebug«.

Also arbeitet Ihr Euch auf der Suche nach Inspiration systematisch durch die eigenen Platten-Sammlungen?
    Kaplan: Uns interessierte in den letzten Jahren zunehmend, in speziellen Genres zu spielen. Es gab eine Zeit, da war mir das zu peinlich. Ich hätte gesagt: Ich bin doch kein Soulsänger! Jetzt versuche ich es wenigstens. Wenn es nicht klappt, versuchen wir etwas anderes.

Ist das die Arbeitsweise eines Stimmenimitators, eines Comedians?
    Kaplan: Comedian? Nein. Wir sind eher Chamäleons. Mit dem Unterschied, dass Chamäleons sich verwandeln, um sich zu schützen. Was wir machen, ist das Gegenteil von Selbstschutz. Wir sind da risikoreicher, fordern uns selbst ständig heraus, auf neue Arten zu denken und zu spielen.

Auf »Popular Songs« benutzt Ihr auffällige Streicher-Arrangements. War das so geplant, oder entstanden sie erst im Mix?
    Kaplan: Bei »If it's True« haben wir schon beim Schreiben überlegt, dass der Song Streicher gebrauchen könnte. Wir dachten daran, einige entsprechende Samples zu kompilieren. Aber dann merkten wir, dass es so nicht geht.
    McNew: Und wir fragten uns: Wer könnte das machen? Wer wäre unsere Traumbesetzung für die Arrangements?

Sie klingen ein wenig nach Charles Stepney, dem Arrangeur von Earth, Wind And Fire. Allerdings lebt er schon lange nicht mehr. 
    McNew: Eben. Die Antwort ist Richard Evans, der King der anspruchsvollen und überraschenden Arrangements. Mittlerweile ist er Professor am Berkley College of Music in Boston. Aber in den sechziger Jahren leitete er Cadet Records, das Soul- und Jazz-Label von Chess Records, für die ja auch Stepney gearbeitet hat. Vor allem kannten wir ihn von ein paar Platten, die er in den späten Sechzigern mit seiner Gruppe Soulful Strings gemacht hatte. Es waren meistens Cover-Versionen von populären Songs jener Zeit – sehr seltsame, psychedelische Interpretationen. Ich liebe diese Platten. Wir haben uns nie getroffen, wir haben uns nur am Telefon unterhalten. Dann schickten wir ihm die Songs und sagten: Mach damit was du willst. Und das hat er dann auch getan.

Der erste Teil des Kamin-Gesprächs mit Yo La Tengo findet sich hier. Im dritten Teil des Interviews: Yo La Tengo bei den Gilmore Girls und Frank Sinatras letzter Besuch in Hoboken.


VIDEO: Yo La Tengo – Nothing to Hide

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