Am Kamin mit Yo La Tengo (1/3)

Yo La Tengo InterviewEs ist ein arbeitsreiches Jahr für Yo La Tengo. Zunächst brachte das Trio aus Hoboken, New Jersey unter dem Pseudonym Condo Fucks ein hingerotztes Garagenrockalbum namens »Fuckbook« heraus. Das Geschepper der Musik war mindestens so groß, wie das Gelächter der Fans über das offensichtliche Spiel mit der eigenen Historie – schließlich gehört zu Yo La Tengos besten Platten immer noch das Coveralbum »Fakebook« von 1990. Unter dem Motto »Freewheelin’« spielten Yo La Tengo im Juni einige außerordentliche Halbakustik-Sets in europäischen Großstädten, und am Freitag erscheint nun »Popular Songs«, das neue, überaus feine Album unter ihrem regulären Bandnamen. Ebenfalls als Yo La Tengo werden die drei im November wieder auf voll elektrisierter Tour zu sehen sein. Ralf Krämer traf Ira Kaplan, James McNew und Georgia Hubley im Juni in Hamburg, St. Georg, das Hotel Georgia diente als Ort der Lagebesprechung. In einem mit Kunstbuchreageln und schweren braunen Ledersesseln ausgestatteten Kaminzimmer fand das Interview statt, von der hereinbrechenden Morgensonne wurde der Raum in ein weiches, fast surreales Licht getaucht.

Nach der Konzertankündigung eurer »The Freewheelin' Yo La Tengo«-Konzerte kam mir natürlich sofort die zweite LP von Bob Dylan »The Freewheelin' Bob Dylan« in den Sinn. Ich dachte: »Wow, Yo La Tengo geben ein Dylan-Cover-Konzert …«
    Kaplan: Die Inspiration kam nicht von Bob Dylan, sondern von unserer Plattenfirma Matador. Eine Band wie wir hat damit zu kämpfen, dass die Leute sagen: »Yo La Tengo? Oh yeah, großartige Band. Aber ich habe schon zwei Platten von ihnen. Ich höre mir jetzt lieber diese neue Band sowieso an …« Nur, weil eine neue Band auftaucht, heißt das aber noch lange nicht, dass ihre Musik auch neu ist. Wir hoffen zwar, dass unsere Platten immer unterschiedlich und interessant genug sind, um für sich zu stehen, aber Matador schlug vor, ein Tourkonzept zu entwerfen, das den Leuten klarmachen würde: So habt ihr Yo La Tengo noch nie gesehen. Uns fiel dann ein, dass wir an einer Universität schon einmal ein Konzert gegeben hatten, nur mit akustischen Instrumenten …
    McNew: … und elektrischem Bass …
    Kaplan: … ganz ohne Setliste. Wir forderten das Publikum dazu auf, mit uns ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen. Aus dem, was sich so ergab, wählten wir spontan den nächsten Song aus. Das funktionierte ganz gut – also beschlossen wir, das öfter zu machen. Der Name »The Freewheelin' Yo La Tengo« passt zu dieser freien Form.
    McNew: Und er geht sehr gut über die Lippen.
    Kaplan: Wir sind allerdings gerade noch nicht wirklich auf Tournee. Wir sind vor allem im Land, um Pressearbeit zu machen. Wir dachten uns: »Warum spielen wir nicht auch noch einige Freewheelin’-Konzerte und übertragen den Interview-Aspekt auf die Show-Ebene?« Drei Wochen lang beantworten wir Fragen von wirklich jedem. (lacht)

Ihr seid nur mit leichtem Gepäck unterwegs. Leiht Ihr Euch die Instrumente vor Ort?
    McNew: Nur dieses Mal. In den Staaten nehmen wir immer unser eigenes Equipment mit.

Ist es schwer, die vertrauten Stücke auf fremden Instrumenten zu spielen, oder kauft Ihr Euch sowieso ständig neue?
    Georgia Hubley: Ich habe schon länger nichts mehr gekauft.
    Kaplan: In Paris haben wir nur einen einzigen Song in einer TV-Show gespielt, auf einer Gitarre, die nicht meine war. Sie war ganz schwarz, sehr ungewöhnlich – so eine hatte ich noch nie gesehen. Die Show ließ sich ganz gut an, aber auf dieser Gitarre nur diesen einen Song spielen zu müssen, hat mich viel nervöser gemacht, als hätte ich ein ganzes Konzert mit ihr geben müssen.

Seid Ihr interessiert an technischen Innovationen, wie beispielsweise die sich selbst stimmende Gitarre?
    Kaplan: (lacht)
    Hubley: Davon habe ich noch nie gehört.
    Kaplan: Doch, doch. Mit Computerchips funktioniert die.
    McNew: Das Ding ist toll!
    Hubley: Ob man sich mit der streiten kann?
    McNew: Das würde ich gerne wissen.
    Kaplan: Wenn du versuchst, eine Seite beim Spielen zu dehnen, oder wenn Du sie bewusst verstimmst, wird sie das nicht zulassen. Wie Auto-Tune für den Gesang.
    McNew: Ich habe sie noch nicht ausprobiert, aber es wäre interessant, mit dieser Automatik zu spielen. Wenn man so ein Instrument ›ordnungswidrig‹ benutzt, könnte das Ergebnis großartig sein. (Kaplan bearbeitet seine Luftgitarre. Er spielt, schraubt und macht Geräusche. Es klingt wie eine kaputte Kettensäge.)

Das neue Album »Popular Songs« kann man derzeit bei NPR Radio in Gänze streamen.
Im zweiten Teil: Das Making of zu Yo La Tengos »Popular Songs« und die inspirierende Wirkung des Berliner Ramones-Museums.


VIDEO: Yo La Tengo – Here to Fall

Yo La Tengo Live:
10.11. Bielefeld – Forum
19.11. Hamburg – Markthalle
22.11. Düsseldorf – Zakk
23.11. Berlin – Astra
26.11. A-Wien – Arena
27.11. CH-Fribourg – Fri-Son

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